Lotzwil
Sie hat den Schrecken der Kindheit auf die Leinwand gebannt

Christina Krüsi verarbeitete ihre Vergangenheit in kraftvollen Bildern – zu sehen erstmals in einer Gesamtausstellung in Lotzwil.

Manuela von Arx
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Die Malerin Christina Krüsi sprach an der Vernissage über «Himmel und Hölle». zvg

Die Malerin Christina Krüsi sprach an der Vernissage über «Himmel und Hölle». zvg

Sattes Violett, leuchtendes Gelb oder kräftige Grüntöne: Die Gemälde von Christina Krüsi sind farbenfroh, die Sujets vielfältig. Trotz der kräftigen Farben wirken die Bilder geheimnisvoll, gar etwas bedrückend. Figuren ohne Gesichter, ein mit Insekten bedeckter Körper, Augen ohne Pupillen. Man bleibt hängen an diesen Bildern.

Verein fördert Kunst in der Region

Der Kunstkreis49 versteht sich als aktiver Förderer von Kunst und Kultur im Oberaargau. Seit seiner Gründung vor drei Jahren hat sich der Verein das Ziel gesetzt, Künstlern und Künstlerinnen eine Plattform zu bieten, um sich in einem passenden Umfeld ihren Werken zu widmen. In der ehemaligen Schreinerei in Lotzwil können Atelierräume zu einem erschwinglichen Preis gemietet werden.

Zudem soll der Dialog zwischen den Künstlern gefördert werden. (mva)

Seit einer Woche können die Gemälde und Skulpturen der Künstlerin in den Räumen des «Kunstkreis49» in Lotzwil betrachtet werden. Sie zeigt ihre Werke erstmals in einer Gesamtausstellung. «Ich war schrecklich nervös vor dieser Ausstellung», so Krüsi. Sie sei daher ihrer Familie dankbar, die jeweils viel Geduld mit ihr beweise. «Ich hatte zwar schon zahlreiche Ausstellungen, doch hier zeige ich meine Gemälde erstmals vom Anfang bis heute.» Sie sei erst sehr skeptisch gewesen, als sie vom Verein Kunstkreis49 angefragt worden sei. «Zuerst habe ich abgelehnt, doch letztlich liess ich mich doch überzeugen.» Die zahlreich erschienenen Besucherinnen und Besucher der Vernissage dankten es ihr mit herzlichem Applaus.

«Himmel und Hölle»

«Himmel und Hölle» heisst Krüsis Ausstellung in Lotzwil. Der Name der Ausstellung könnte kaum treffender sein. In ihrer Kindheit hat Christina Krüsi ihre ganz persönliche Hölle erlebt. Als Tochter von Missionaren verbrachte sie die ersten Jahre ihrer Kindheit im bolivianischen Urwald, wo ihre Eltern als Bibelübersetzer in einer freikirchlichen Organisation arbeiteten. Krüsi und weitere Kinder wurden von Angehörigen der Organisation während mehreren Jahren sexuell missbraucht. Zudem wurde sie Zeugin davon, wie ein Baby bei einem nächtlichen Ritual getötet wurde.

Darüber zu reden war für Krüsi jahrelang undenkbar. Einzig der Leinwand vertraute sie sich an. «Der Grund, warum ich heute hier stehen kann, ist die Kunst», erklärte Krüsi in ihrer Begrüssungsansprache. Das Malen sei für sie die einzige Möglichkeit gewesen, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten. Erst Mitte dreissig konnte die heute 48-Jährige mit einer Freundin erstmals über die Übergriffe reden. Davor sprach Krüsi einzig durch ihre Bilder. «Die kräftigen Farben der Bilder von Christina zeigen, welch willensstarken und lebhaften Charakter sie besitzt», so der Sektenexperte Hugo Stamm, der sich mit einer Rede an die Anwesenden wandte. Solch starke Gefühle wie Wut oder Angst liessen sich schliesslich kaum in Pastellfarben ausdrücken, so Stamm.

Das fertige Bild im Kopf

«Jedes meiner Gemälde und jede Skulptur erzählt eine eigene Geschichte, ein bestimmtes Gefühl oder ein Erlebnis», so Krüsi. Schon bevor sie den Pinsel erstmals ansetze, habe sie das fertige Bild jeweils im Kopf. Die kraftvollen Bilder enthalten oft bestimmte Symbole. «Die Schlange, die in vielen meiner Bilder auftaucht, symbolisiert die Angst», erklärt Krüsi. In den Jahren der Aufarbeitung habe sie gelernt, sich von der Angst nicht mehr lähmen zu lassen, sondern sie zu kontrollieren. So zeigen mehrere der Bilder die Künstlerin selbst, wie sie die gezähmte Schlange in der Hand hält. Das persönliche Lieblingsbild von Krüsi ist «Das Mädchen im blauen Kleid»: Ein ganz in Blau gehaltenes Porträt eines vielleicht dreijährigen Mädchens. Das Bild ist gleich beim Eingang in einer Vitrine ausgestellt. «Ich habe das Mädchen gezeichnet, dessen Mord ich in Bolivien beobachtet habe», so Krüsi. Allerdings habe sie das Kind lebend und ein paar Jahre älter gezeichnet.

Die Verbrechen verarbeitet

Dank der Kunst hat Christina Krüsi die Verbrechen verarbeitet, die ihr und anderen Kindern in Bolivien angetan wurden. Inzwischen finden auch fröhliche Emotionen den Weg auf ihre Leinwand. Auch diese Bilder können in der ehemaligen Schreinerei Lotzwil betrachtet werden. Die Ausstellung «Himmel und Hölle» dauert noch bis zum 30. September.

Weitere Informationen: www.kunstkreis49.ch

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