Zuwanderung
Seltsame Ideen als Zuwanderbremsen

Negative Auswirkungen der Zuwanderung halten sich in Grenzen, wie zwei neue Studien belegen. So weit die Theorie. Denn in der Praxis tut sich der Kanton Zürich, eine der grössten Gewinnerregionen Europas, schwer mit der Zuwanderung.

Michael Rüegg
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Die neue Technologie ermöglicht die Aufzeichnung der Wege von Passanten. (Symbolbild)

Die neue Technologie ermöglicht die Aufzeichnung der Wege von Passanten. (Symbolbild)

Keystone

Am 9. Juni 2011 hielt der ehemalige tschechische Ministerpräsident Vladimir Spidla auf Einladung des Europa-Instituts einen Vortrag an der Universität Zürich. Darin berichtete Spidla von einem der grossen Probleme seines Landes: der Abwanderung von gut qualifizierten Arbeitskräften. Gehe es so weiter, so hatte Spidla ausgerechnet, halte sich im Jahre mehreren dutzend Jahren noch eine Person in Tschechien auf – und zwar eine Frau.

Das Spiel ist einfach erklärt: Regionen, in die gut qualifizierte Menschen einwandern, sind die Gewinner des Europäischen Fachkräftewettbewerbs. Abwanderungsregionen sind die Verlierer. So weit die Theorie. Denn in der Praxis tut sich der Kanton Zürich, eine der grössten Gewinnerregionen Europas, schwer mit der Zuwanderung.

Die «Ängste der Bevölkerung», die man ernst nehmen müsse, waren auch an der gestrigen Medienkonferenz des Zürcher Volkswirtschaftsdirektors Ernst Stocker (SVP) ein Thema. Und das, obwohl Stockers Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) gerade zwei Studien präsentiert hatte, deren Erkenntnisse eigentlich für Entspannung sorgen müssten. Die erste nämlich kommt zum Schluss, der Mangel an geeigneten Fachkräften sei der Grund für die Zuwanderung ist.

Mehr noch, 41 Prozent der 2010 eingewanderten Arbeitskräfte aus dem Ausland haben selber gar keine Stelle in der Schweiz gesucht – sie wurden gezielt von hiesigen Unternehmen abgeworben. Zudem macht die Studie deutlich, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert werden müsse, sonst würden die Fachkräfte, die meist paarweise kommen und noch keine Kinder haben, nach ein paar Jahren wegen mangelnder beruflicher Perspektiven wieder verschwinden.

Mietpreise «erstaunlich stabil»

Die zweite Studie untersuchte die Auswirkungen der Zuwanderung auf den Wohnungsmarkt. Und sie gelangte zur Erkenntnis, dass die Mietpreise «erstaunlich stabil» geblieben seien. Unter hohen Mieten würden vor allem zugewanderte Ausländer leiden, aufgrund ihrer meist überdurchschnittlichen Einkommen seien sie jedoch imstande, die höheren Preise zu bezahlen.

Schweizer würden dann von diesen Entwicklungen profitieren, wenn sie Eigentümer der vermieteten Immobilien seien. Zugenommen haben jedoch die Preise von Wohneigentum. Doch hier konnten die Schweizer stark zulegen, aber auch die Gruppe der Ausländer aus der «alten Zuwanderung», also weniger hoch qualifizierte Einwanderer, zum Beispiel aus Mittelmeerländern.

Ausländer zur Kasse bitten?

AWA-Chef Bruno Sauter denkt nun laut über Massnahmen nach, die er als «Handlungsbedarf» betitelt. Und die haben Zündstoff. So lancierte er die Idee, zugewanderte Ausländer könnten eine «Eintrittsgebühr» für die Nutzung der Zürcher Infrastruktur bezahlen, also für Züge oder Abwasser. Warum jedoch ein steuerlich hoch belasteter Akademiker, in dessen Ausbildung der Staat Zürich keinen Rappen investiert hat, mehr an Gebühren bezahlen soll als jemand, der hier ausgebildet worden ist, konnte Sauter nicht schlüssig begründen.

Auch Sauters Idee, Wohnungen sollten nicht zu erschwinglich sein, mit der Begründung «günstiger Wohnraum «führt zu mehr Zuwanderung» dürfte nicht überall gut ankommen.

Andere Ansätze von Sauters Fazit sind weniger kontrovers. So denkt er darüber nach, die «Abhängigkeit von ausländischen Fachkräften zu verringern», mit anderen Worten, mehr einheimische Ärzte, Ingenieure und Naturwissenschaftler hervorzubringen. Er möchte aber auch, dass die ausgebildeten Frauen weiterhin ihre Berufe ausüben können. Bemühungen in diese Richtung scheitern jedoch meist an der Partei seines Chefs, Regierungsrat Ernst Stocker, der SVP. Sie bekämpft eisern, was die Fachstelle für Gleichstellung seit Jahren propagiert.