Wangenried/Herzogenbuchsee
Selbst ist der Mann: Was Bärtschi «Rodi» und Felix voraus hat

Reto Bärtschi aus Wangenried baut in Herzogenbuchsee eine Kapelle, in der er seine Abdankung üben kann. Die Kapelle fertigt Reto Bärtschi in einer Industriehalle in Herzogenbuchsee an. Sie ist aus Stahlblech und wiegt zirka 4,5 Tonnen.

Urs Byland
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Reto Bärtschi mit dem Modell der Kapelle.

Reto Bärtschi mit dem Modell der Kapelle.

Urs Byland

Die Schweizer Promis Walter Roderer und Kurt Felix planten ihre Abdankungen teilweise minuziös im Voraus. Aber: Haben sie auch geübt, was sie schriftlich festschrieben oder ihren nächsten Angehörigen mitteilten? Konnten sie sich sicher sein, dass es genauso ablaufen wird, wie sie sich dies wünschten? Hier geht der Wangenrieder Künstler Reto Bärtschi möglicherweise noch einen Schritt weiter. «Ich werde meine Abdankung in den Buchsibergen abhalten.

Am Samstag für die engsten Freunde und am Sonntag für alle», weiss er schon heute. Und nicht nur das. Die Abdankung findet in einer Art Kapelle statt, die aussen durch die Witterung rostrot und innen rosa sein wird. Es soll dasselbe Rosa sein, welches im letzten Jahr den Kirchturm von Attiswil schmückte und seinen eigenen Namen trägt: Retorosa.
Kein Lebensmüder
Die Kapelle ist aber nur das äussere Zeichen für eine Handlung, die Reto Bärtschi schon heute im Detail festgelegt hat: seine Abdankung. «Ich werde die Abdankung in dieser Kapelle üben.» Das Drehbuch habe er bereits verfasst. «Es wird Musik geben und es hat einen Protokollschreiber, der den Ablauf überwacht. Meine Urne erhält ihren Platz und ich will zuerst den Abdankungsbesuchern ein Gedicht vortragen. Es ist eine Zeremonie und diese üben wir, bis ich damit zufrieden bin.» Es könne gut sein, dass er das Drehbuch bei den Proben abändern wird. «Bis zur Generalprobe ist noch vieles offen.» Die Premiere des Geübten wird es aber nur einmal geben: wenn Reto Bärtschi gestorben ist.
Er werde sicher noch einige Jahrzehnte leben, beruhigt Reto Bärtschi. «Etwa 70, 75 Jahre alt werde ich schon werden», ist er überzeugt. Aber dass bis dahin auch alles an seiner Abdankung klappt, diese bis zum letzten Detail sitzt, wird die Übung alle zwei, drei Jahre wiederholt. «Auch später kann es noch Änderungen im Drehbuch werden.»
Mit der Idee, seine Abdankung zu proben, ging Bärtschi zu Pfarrherren. Doch niemand wollte ihm die Kirche für die Probe zur Verfügung stellen, und keiner der Pfarrer wollte die Abdankung im Fall des einen Falles konkret durchführen. Einen Pfarrer, der die Hauptrolle in Bärtschis Drehbuch spielen wird, habe er inzwischen gefunden. Aber keine Kirche oder Kapelle. «Also habe ich mir gesagt: ich baue die Kapelle selber. Denn wenn Dir niemand helfen will, musst Du es halt selber in die Hand nehmen.»

4.5 Tonnen - Ein Monstrum

Die Kapelle fertigt Reto Bärtschi in einer Industriehalle in Herzogenbuchsee an. Sie ist aus Stahlblech und wiegt zirka 4,5 Tonnen. Die Masse orientieren sich an der Zahl Acht. Fünf Meter lang und drei Meter breit, auch im Umriss misst sie 8 Meter. «Ich liebe diese wunderschöne Zahl. Sie symbolisiert für mich das Unendliche und auch die sich kreuzende Linie fasziniert mich.» Die Kapelle hat einen Vorraum, durch den man ebenerdig eintritt, um dann in den Kapellenraum zu schreiten. In der Gegenwand ist ein Kreuz ausgeschnitten, wobei die Flächen unter dem Luftkreuz sich öffnen lassen. «Das Kreuz ist extra breit ausgeschnitten, notausgangsmässig, falls in der Kapelle etwas brennt. Ich will ja nicht, dass an meiner Abdankung jemand stirbt.» Öffnet man die Flügel, löst sich das Kreuz auf. «Dann wird es eine interreligiöse Geschichte.»
Die Kapelle wird zuerst in Olten aufgestellt werden im Rahmen von «dehors, Kunst im Wald», die am 17. Juni startet. Dort wird Reto Bärtschi erstmals seine Abdankung proben. «Ich werde mit meinen fünf Gspänli üben.» Die Proben sind nicht öffentlich. Wer dann zufällig seine Kapelle besuche, werde aber auch nicht weggewiesen. Ein wichtiger Teil seiner Abdankung ist ein Bild einer Knospe, das aufgehängt wird. In die Farbe des Bildes soll ein Teil seiner Asche vermischt werden. Schon heute sind fünf Freunde bestimmt, die das Bild nach Bärtschis Tod fertigstellen sollen. Das heisst, derjenige der auf der Liste zuoberst und nicht schon verstorben ist, wird das Werk vollenden.
Ein Tabuthema
Seine Abdankung beschäftigt Reto Bärtschi seit einiger Zeit. «Die eigene Abdankung wird wie ein Tabu behandelt.» Wenn er heute darüber spreche, würden die Leute oft zuerst sagen: Aber Du willst ja jetzt noch nicht gehen, oder? «Klar, ich sehe das extrem schräg, ich finde das schön. Ich will das zelebrieren.» Es habe aber Todesfälle in seiner näheren Umgebung gegeben, da wussten die Nachkommen nicht eigentlich, ob die Verstorbenen sich ihre Abdankung so gewünscht hätten. «Sie fragten sich die ganze Zeit, ob sie es richtig machen würden. Und sie konnten nicht sagen, es war des Verstorbenen letzter Wille. Das hat mich motiviert, meine Abdankung in die eigenen Hände zu nehmen.» Bei ihm sei nun alles definiert und bezahlt. «Wenn meine Abdankung zu Ende ist, habe ich ‹brittlet›.» Er spreche nun darüber und er übe es sogar. «Andere haben es wohl niedergeschrieben, aber nie richtig in der Kirche geübt.»
Die Kapelle bleibt aber nicht einfach ein Kunstwerk und bis ans Lebensende von Reto Bärtschi eingelagert. «Die stelle ich zur Verfügung. Für Hochzeiten oder sonst etwas. Es ist nicht meine Kapelle. Es ist eine Kapelle für Schutzbedürftige.» Und separat dazu stellen will er später noch ein kleines Türmchen. «Mit einem Glöcklein. Ich will dann läuten, wenn es soweit ist.»

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