Abwasser
Selbst die braune Brühe enthält wertvolle Rohstoffe

Was passiert mit unseren Ausscheidungen, nachdem die WC-Spülung sie beseitigt hat? Ein Augenschein in der grössten Baselbieter ARA.

Daniel Haller
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In den ehemaligen Nachklärbecken der ARA Birs erfährt mittlerweile das Abwasser eine der Schmutzfracht angepasste individuelle Behandlung.

In den ehemaligen Nachklärbecken der ARA Birs erfährt mittlerweile das Abwasser eine der Schmutzfracht angepasste individuelle Behandlung.

Juri Junkov

Der FCB siegt nicht zuletzt dank Baselbieter Fäkalien – zumindest in der kalten Jahreszeit: Der Joggeli-Rasen wird mit der Abwärme aus der nahen Abwasser-Reinigungsanlage (ARA) Birs beheizt. Daneben wärmt man damit auch das Wasser des Schwimmbads St. Jakob.

Bis es so weit ist, durchläuft das Abwasser von rund 70 000 Einwohnern mehrere Stationen: Im Steinfang lässt man die schweren Stoffe sich absetzen. Dann wird das Wasser mit Schneckenpumpen – diese sind gegen Störstoffe relativ unempfindlich – zur Rechenanlage befördert, wo man Toilettenpapier, Tampons, Windeln, Wattestäbchen und andere feste Mitbringsel aussiebt. «Unbeliebt sind Haare, da diese Verzopfungen bilden, die man von Hand aus den Pumpen entfernen muss», erläutert Pascal Hubmann, Leiter des Baselbieter Amts für Industrielle Betriebe (AIB). «Besonders übel sind Rasierklingen und Nadeln, die durch die Handschuhe hindurch die Mitarbeiter verletzen.»

Als Nächstes durchläuft das Wasser den Sandfang, wo sich die schweren Schwebstoffe absetzen und man Öl und Fett abschöpft. Schliesslich gelangt es in die fünf grossen Becken, in denen Mikroorganismen den Schmutz fressen. Dafür wird das Wasser von unten mit besonders kleinen Luftbläschen intensiv durchlüftet.

In den meisten ARAs läuft dieser biologische Reinigungsprozess kontinuierlich: Das Schmutzwasser wird auf der einen Seite zugeführt und fliesst nach einer gewissen Verweildauer am anderen Ende des Beckens wieder ab. In der ARA Birs hingegen füllt man die einzelnen Becken und reinigt das Wasser in Chargen. Auf diese fünf Becken ist Hubmann stolz, denn mit der «Batch-Methode» kann man die Behandlungszeit der Schmutzfracht anpassen. «Wir waren die erste ARA dieser Grösse, die dieses Verfahren anwendet. Nun werden andere Anlagen, darunter ProRheno in Basel, beim nächsten Umbau diese Methode übernehmen.»

Klärschlamm wird verbrannt

Schliesslich lässt man den Klärschlamm sich absetzen und leitet das gereinigte Wasser, das man mit einer Dekantier-Einrichtung oben abschöpft, in den Rhein. Der Klärschlamm kommt hingegen in den Faulturm, wo er durch Gärung Methan produziert. Dieses Biogas verbrennt man im angeschlossenen Blockheizkraftwerk. Dieses liefert ein Drittel Strom und zwei Drittel Wärme – unter anderem für den Joggeli-Rasen. Durch das Biogas und die Photovoltaikanlagen – davon mehrere Anlagen, die sich automatisch nach der Sonne ausrichten und damit 40 Prozent mehr Strom produzieren – deckt die ARA Birs 30 Prozent ihres Energiebedarfs selbst. Im Faulturm verliert der Klärschlamm die Hälfte seines Feststoffs. Was übrig bleibt, wird entwässert und in Basel bei ProRheno verbrannt.

Die Schlacke geht auf die Deponie. Eigentlich wäre Klärschlamm ein guter Dünger. Würde man ihn dafür einsetzen, wäre der natürliche Kreislauf geschlossen. Doch seit 2003 wird er in der Schweiz – im Gegensatz zu mehreren Ländern der EU – nicht mehr auf die Felder ausgebracht, seit 2006 ist dies verboten. Der Grund: Die menschlichen Ausscheidungen enthalten nicht nur den Dünger, sondern auch Medikamenten-Rückstände. Hinzu kommen Waschmittel, Kosmetika und weitere Mikro-Verunreinigungen, deren langfristige Auswirkungen auf die Böden und das Grundwasser man nicht abschätzen kann. Zum endgültigen Düngeverbot führte der Verdacht, Klärschlamm sei mit ein Auslöser des Rinderwahnsinns.

Grosse sind zehnmal günstiger

Baselland ist der einzige Kanton, der die Abwasserreingung selbst vornimmt. In den anderen Kantonen ist dies Aufgabe der Gemeinden, die diese oft in Zweckverbänden gemeinsam lösen. Im Baselbiet gibt es einzig im Laufental als Relikt aus bernischen Zeiten noch einen solchen ARA-Verband. Insgesamt betreibt das AIB 27 ARAs, davon fünf regionale. Mit 150 000 Einwohnergleichwerten – die Industrie-Schmutzfracht wird dabei auf Einwohner umgerechnet – ist die ARA Birs die grösste. Die ARA Liedertswil reinigt dagegen gerade mal das Abwasser von 250 Einwohnern. «Die frühere Politik wollte die Abwasserreinigung möglichst nahe an den Haushalten, damit die Bewohner sehen, was sie produzieren», berichtet Hubmann. Davon ist man abgekommen, denn eine grosse ARA reinigt das Wasser bis zu zehnmal kostengünstiger als eine kleine. «Die kantonale Wasserstrategie sieht vor, die lokalen ARAs zu überprüfen und die Zahl der Anlagen mittelfristig auf 6 bis 10 zu reduzieren.»

Dies ist jedoch keine direkte Folge der derzeitigen Finanzlage des Kantons, denn das AIB wird über die Abwassergebühren finanziert. Diese sind gemäss Solidaritätsprinzip für alle Gemeinden gleich. Da die beiden Klärschlamm-Verbrennungsanlagen auf den ARAs Rhein in Pratteln und ProRheno in Basel in absehbarer Zeit ihr Lebensende erreichen, studiert man die Möglichkeit einer zentralen Klärschlammverbrennung für die ganze Nordwestschweiz.

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