Sozialbericht 2010
Seit 2001 immer mehr Arme im Kanton

Rund 97 000 Bernerinnen und Berner leben in Armut oder sind davon bedroht.

Bruno Utz
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Philippe Perrenoud (Mitte), Regula Unteregger und Pascal Coullery erklären den Sozialbericht 2010. Fotos: uz

Philippe Perrenoud (Mitte), Regula Unteregger und Pascal Coullery erklären den Sozialbericht 2010. Fotos: uz

Solothurner Zeitung

Rund 97000 Bernerinnen und Berner, davon 24000 Kinder, waren 2008 arm oder armutsgefährdet. Seit 2001 ist der Anteil der Armen kontinuierlich angestiegen, die Einkommen der ärmsten zehn Prozent jedoch massiv gesunken. Diese Fakten präsentierte gestern Regierungspräsident Philippe Perrenoud (SP) mit dem bernischen Sozialbericht 2010.

Laut Pascal Coullery, stellvertretender Generalsekretär von Perrenouds Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF), basieren die im Sozialbericht ausgewiesenen Zahlen primär auf der Auswertung der kantonalen Steuerdaten. «Sie vermitteln ein umfassendes Bild der wirtschaftlichen Situation der Berner Bevölkerung.» Dies, weil neben den verschiedenen Einkommen auch die Vermögen berücksichtigt seien. Arm sei, wer weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens aller Bernerinnen und Berner habe. 2008 sei dieser Betrag für einen Einpersonenhaushalt bei 23084 Franken gelegen.

Armutsgefährdete hätten mit maximal 27700 auskommen müssen. «Auch diese Gruppe, die nur einen Schritt von der Armut entfernt ist, muss in die Armutsdiskussion einbezogen werden», betonte Coullery. In der Zeit zwischen 2001 bis 2008 sei die Armutsquote unabhängig von der konjunkturellen Lage stetig von 10,8 auf 12,5 Prozent angestiegen. Laut Coullery hat sich die Einkommensschere weiter geöffnet. «Während die oberen Einkommensschichten ihre Einkommen halten oder gar steigern konnten, verschlechterten sich die Einkommen der ärmsten 10 Prozent aller Haushalte um rund 20 Prozent.

Je geringer die Ausbildung, desto grösser das Risiko Armut

Von Armut betroffen seien immer öfters Personen mit geringen beruflichen Qualifikationen. Deshalb sei im Sozialbericht 2010 die Situation der Jugendlichen und jungen Erwachsenen speziell analysiert worden, sagte Regula Unteregger, Vorsteherin des kantonalen Sozialamtes. Die Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen sei mit einer Quote von 5,8 Prozent überdurchschnittlich auf Sozialhilfe angewiesen. Dabei handle es sich jedoch nicht um arbeitsscheue Personen; 22 Prozent davon seien erwerbstätig und rund 27 Prozent absolviere eine Ausbildung. Ein beträchtlicher Teil der Personen in Ausbildung beziehe Stipendien, könne damit aber den Lebensunterhalt nicht decken. Unteregger: «Eine Ausbildung darf aber kein Armutsrisiko sein.» So habe der Regierungsrat am 1. Dezember den Auftrag erteilt, die Harmonisierung von Stipendien und Sozialhilfe in einem Pilotprojekt vertieft zu prüfen.

Der vom Schweizer Stimmvolk abgesegnete Leistungsabbau der Arbeitslosenversicherung und der Invalidenversicherung werde dazu führen, dass künftig mehr Jugendliche und junge Erwachsene mit Sozialhilfe und kantonalen Leistungen beruflich integriert werden müssten. In Zusammenarbeit mit der Erziehungsdirektion und der Volkswirtschaftsdirektion wolle man erreichen, dass nach Abschluss der Volksschule auch die restlichen fünf Prozent der Schulabgänger eine qualifizierte Ausbildung erhalte. «Damit tragen wir massgeblich zur Minderung der Jugendarmut bei», so Unteregger. Auch könne so die Basis gelegt werden für eine möglichst lebenslange Existenzsicherung.