Geburten
«Schade, wenn immer mehr Kinder mittels Operation zur Welt kommen»

Heute kommen im Kanton Zürich 35 Prozent aller Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt – diese Zahl liesse sich auch wieder senken. «Hebammen haben Zukunft», glaubt Claudia König, Professorin am Institut für Hebammen.

Alfred Borter
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«Kaiserschnittgeburten sind Big Business», sagt Claudia König, Professorin am Institut für Hebammen. ABR.

«Kaiserschnittgeburten sind Big Business», sagt Claudia König, Professorin am Institut für Hebammen. ABR.

Diesen Herbst haben am Institut für Hebammen an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur 60 junge Frauen ihre Ausbildung begonnen. Wie ist ihre Zukunft, wenn sie nach vier Jahren Ausbildung ins Berufsleben übertreten?

«Hebammen sind sehr gefragt», weiss Claudia König, Professorin am Institut für Hebammen, die Leiterin für Forschung und Entwicklung.

Manche Spitäler suchen dringend Nachwuchs. Und doch müssen sich die Hebammen für ihren Berufsstand wehren. Wie König an ihrer Antrittsvorlesung erläutert hat, nimmt die Zahl der Kaiserschnitte laufend zu, was die Rolle der Hebamme bei der Geburtsbegleitung einschränkt.

«Die Hebammen möchten aber ihre Tätigkeit nicht auf die Geburtsvorbereitung und auf die Begleitung der Wöchnerinnen reduziert sehen», betont König, «sondern auch die Geburt selber begleiten.»

Sie fügt bei: «Es wäre schade, wenn immer mehr Kinder mittels Operation zur Welt kämen und das Wissen der Hebammen im Umgang mit schwierigen Situationen bei einer natürlichen Geburt mehr und mehr verloren ginge.»

Ein Kaiserschnitt ist lukrativ

Tatsache ist, dass die Rate der Kaiserschnittgeburten in der Schweiz laufend ansteigt: zwischen 1998 und 2010 von 22,2 Prozent auf nicht weniger als 32,8 Prozent. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Es sei allerdings ein Mythos, dass immer mehr Frauen von sich aus einen Kaiserschnitt wünschen, sagt König. Das habe die Auswertung einer ganzen Reihe internationaler Studien ergeben.

Für die Professorin ist klar: «Wenn ein Kaiserschnitt medizinisch indiziert ist, gibt es natürlich keine Diskussion.» Diskussionswürdig seien hingegen andere Kaiserschnitte wie etwa eine Steisslage oder eine Zwillingsschwangerschaft.

Studien belegen, dass bloss etwa 2 Prozent der Frauen aus terminlichen Gründen den planbaren operativen Eingriff einer vaginalen Geburt vorziehen. Aber es kann durchaus vorkommen, dass Ärzte lieber auf der sicheren Seite sind und auch dann zu einem Kaiserschnitt raten, wenn es nicht zwingend angezeigt ist.

Eine Operation ist besser planbar, was auch für Ärzteschaft und Klinik angenehm ist, zudem sind die Risiken für die Ärzte, die den Eingriff vornehmen, besser kalkulierbar. Ausserdem sind operative Eingriffe für ein Spital lukrativ. «Ein Drittel der 80000 Geburten in der Schweiz sind Kaiserschnittgeburten, das ist Big Business», gibt sie zu bedenken.

Auf 20 Millionen Franken werden gemäss der Weltgesundheitsorganisation die Kosten geschätzt, die dem schweizerischen Gesundheitssystem wegen nicht notwendiger Kaiserschnitte erwachsen.

«Die steigende Rate bei der Durchführung von Kaiserschnitten ist nicht naturgegeben», erklärt die Professorin.

Ein erfolgreicher Weg sei etwa, das Hebammenwissen wieder vermehrt zu nutzen. In Deutschland etwa ist Mode geworden, Hebammenkreissäle einzurichten, in denen in der Regel Hebammen allein die Geburt begleiten und ein Arzt nur im Notfall beigezogen wird.

Zürich im oberen Viertel

Zu denken gibt, dass die Quote der Kaiserschnittgeburten in der Schweiz von Kanton zu Kanton stark differiert. Am tiefsten ist sie im Kanton Jura mit unter 20 Prozent, während sie im Kanton Zug deutlich über 45 Prozent liegt.

Zürich befindet sich mit 35 Prozent im oberen Viertel. Es gibt noch keine wissenschaftlichen Studien, die den Grund für diese enorme Diskrepanz eruiert hat. «Hierüber Klarheit zu gewinnen, wäre spannend», sagt König.

Sie ist der Meinung, dass Frauen, die über die Risiken eines Kaiserschnitts genauer Bescheid wissen, es sich vielleicht noch einmal überlegen, ob sie nicht einer vaginalen Geburt den Vorzug geben wollen. Denn Risiken für Mutter und Kind gibt es auch bei einer Kaiserschnittgeburt, wie Studien belegen.

Broschüre soll aufklären

Die junge Professorin hofft nun, dass sich Gynäkologen, Neonatologen und Hebammen zusammensetzen und gemeinsam eine Broschüre erarbeiten, die den Schwangeren und ihren Partnern abgegeben werden kann.

Darin soll erklärt werden, unter welchen Umständen eine vaginale Geburt und wann eine Kaiserschnittgeburt angezeigt ist und wie die werdenden Eltern die optimale Lösung für ihr Kind und sich selber finden können. «Ich bin sicher, dass sich dann mehr Frauen für eine vaginale Geburt entscheiden würden», sagt König.

Es sei dann Aufgabe der Hebamme, der werdenden Mutter zu helfen, ihre allfällige Angst vor der natürlichen Geburt zu überwinden, so König. Für sie steht ohne Zweifel fest: «Hebammen haben eine Zukunft. Es braucht sie. Ihre Arbeit könnte sogar noch wichtiger werden als heute.»

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