S1 setzt auf Kochen, Comedy und Dokus

Geld von der Publigroupe, ein Minibudget und gerade mal neun Mitarbeiter: Schon in drei Jahren will S1 schwarze Zahlen schreiben. Kann das gut gehen?

SaW Redaktion
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Mit diesem Logo geht der TV-Sender S1 an den Start – gezeigt werden Serien, Spielfilme und Unterhaltungsproduktionen, etwa mit Divertimento.

Mit diesem Logo geht der TV-Sender S1 an den Start – gezeigt werden Serien, Spielfilme und Unterhaltungsproduktionen, etwa mit Divertimento.

Schweiz am Wochenende

Ein sprachnationaler Sender als Konkurrenz zum gebührenfinanzierten Schweizer Fernsehen SRF – schon viele haben das versucht und sind früher oder später gescheitert: Roger Schawinski mit Tele 24, die Tamedia mit TV 3. Nur einer hat es geschafft: Dominik Kaiser mit 3+. Jetzt stürzen sich die TV-Macher Hardy Lussi und Mike Gut ins Abenteuer. S1 heisst ihr Sender. Die beiden arbeiteten in verschiedenen Führungsfunktionen für die Schweiz-Ableger von Sat.1 und Pro Sieben.
Seit die «Schweiz am Sonntag» das Projekt vor vier Monaten publik gemacht hat, ist es ruhig geworden um S1. Doch jetzt sagt Lussi: «Wir werden Mitte Oktober auf Sendung gehen.»
Angepeilt wird eine ältere Zielgruppe als bei 3+, RTL oder Pro Sieben. Explizit, so heisst es in einem Konzeptpapier von S1, werde auch «die Zielgruppe 50+» angepeilt, die «TV-affin, wachsend und sehr kaufkräftig» sei. Darum, folgern Lussi und Gut, «sind die Hauptkonkurrenten im TV-Werbemarkt SRF 1 und Sat.1.»
Im Programmschema hat jeder Abend ein Hauptthema: Am Montag und Donnerstag gibts Spielfilme, am Dienstag und Samstag Doku-Beiträge, am Mittwoch Krimis, am Freitag ist Kochen angesagt und am Sonntag Comedy. Dies jeweils in der Primetime ab 20 Uhr.
Somit greift S1 am Sonntagabend die erfolgreiche SRF-Satiresendung Giacobbo/Müller an – sowohl mit deutschen als auch mit Schweizer Produktionen. In der S1-Präsentation werden als Beispiele Divertimento und Claudio Zuccolini genannt. Lussi sagte bereits Ende April: «Wir hoffen, dass wir das Giacobbo-Monopol aufbrechen können.»
Tagsüber sind Kinderprogramme (u.a. «Dschungelbuch» und «Peter Pan») vorgesehen, ebenso Verkaufssendungen und – jeden Tag von 16 bis 17 Uhr – Koch-Formate. Diese bezieht S1 beim deutschen Sender ZDF Enterprises, bei dem auch viele andere Formate wie Dokumentationen eingekauft werden. «Die Kochschiene wird punktuell mit bekannten Schweizer Kochformaten ergänzt», heisst es in dem S1-Papier.
Von 17 bis 18 Uhr wird es betulich: Dann werden nonstop Bilder aus einem Helikopter gezeigt («Die Schweiz von oben»), wie das früher das SRF machte. Zwischen 18 und 19 Uhr sind Reality-Dokus wie «Soko 5113» und «Die Rettungsflieger» angesagt.
Regelmässige News- oder Polit-Sendungen sind nicht vorgesehen – das wäre zu teuer. Mit einer Ausnahme: Die «Politarena» mit Moderator Filippo Leutenegger feiert bei S1 ein Comeback. Vor Wahlen sind vier Sendungen eingeplant, vor eidgenössischen Abstimmungen zwei Sendungen. Nicht zustande kommen wird hingegen «Roger gegen Roger», ein TV-Duell der wortgewaltigen Journalisten Schawinski und Köppel, das S1 gern realisiert hätte.
Woher kommt das Geld für den Betrieb des neuen Senders? Das Aktienkapital der S1TV AG beträgt nur 250 000 Franken. Gemäss Recherchen kommen aber zwei Millionen Franken von der Publigroupe beziehungsweise von der Publicitas. Dies in Form eines Darlehens. Publicitas-Kommunikationschefin Andrea Küpfer will dazu keine Stellung nehmen. Dass sich Publigroupe an Medienunternehmen beteiligt, für die sie dann auch die Werbevermarktung übernimmt, ist nicht unüblich.
Der «Schweiz am Sonntag» liegt auch die Planerfolgsrechnung von S1 vor. Für 2013 ist ein Verlust von 1,1 Millionen budgetiert, für 2014 ein solcher von 1,6 Millionen, für 2015 einer von 500 000 Franken – und im darauf folgenden Jahr soll es erstmals einen Gewinn geben (850 000 Franken). Dies jeweils auf Ebit-Stufe. Branchenkenner beurteilen diese Planung als «sehr sportlich», einige gar als utopisch. So richtig einschenken soll es im Jahr 2018: Dann budgetiert S1 einen Gewinn von 6,3 Millionen Franken, bei einem TV-Umsatz von 15 Millionen Franken (wovon 13,4 Millionen aus klassischen TV-Spots stammen sollen).
S1 ist ein absoluter Low-Cost-Sender. Während das Schweizer Fernsehen 1600 Mitarbeiter beschäftigt, stehen beim neuen Sender gerade mal neun Personen auf der Lohnliste. S1 hat keine eigenen Kameras oder Studios, zurzeit ist er im Zürcher Seefeld bei der Firma Voice Publishing domiziliert, deren CEO Andreas Auerbach Verwaltungsratspräsident von S1 ist.
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