Interview
Ruth Waldburger: «Zum Film kam ich widerwillig»

Sie produziert alle Godard-Filme, aber auch Komödien und ist eine der einflussreichsten Figuren in der Schweizer Filmszene. Ruth Waldburger (60) findet Macht normal und agiert lieber im Hintergrund.

Sabine Altorfer
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Frau Waldburger, Sie sind zum Rencontre zu den Filmtagen nach Solothurn eingeladen. Meist sind das Regisseure, Schauspieler, aber selten eine Produzentin. Eine Ehre?

Ruth Waldburger: Wichtig ist für mich, dass eine Retrospektive der von mir produzierten Filme zu sehen ist und dass möglichst viele der Regisseure und Schauspieler anwesend sind. Ich selber bin lieber im Hintergrund. Ich bin Filmproduzentin geworden, weil ich hinter der Kamera agieren und nicht davor stehen will. Mein Vater war Fotograf, er hat mich immer fotografiert. Ich mag das nicht - und das war sicher mit ein Grund, warum ich Filmproduzentin geworden bin.

Was reizt Sie denn am Film, an diesem aufwändigen, komplizierten Medium?

Ursprünglich wollte ich nicht zum Film. Ich habe beim Fernsehen als Produktionsassistentin gearbeitet. Zum Film bin ich eigentlich nur durch die Begegnung mit dem Regisseur Alain Klarer, meinem ersten Mann, gekommen. Widerwillig, sehr widerwillig. Film ist sehr anstrengend, psychodramatisch auf dem Set. Die einzige Funktion, die ich mir vorstellen konnte, war diejenige der Produzentin.

Aber Sie haben Erfolg, konnten in diesem harten Business bestehen und als eine der ganz wenigen Produzenten kennt man sie überhaupt. Bekannter ist allenfalls noch Arthur Cohn.

Das kann ich nicht beurteilen, weil ich mir diese Frage nie stelle. Aber wenn man mich kennt, dann hat es sicher damit zu tun, dass ich das nun schon über 20 Jahre mache.

Dass Sie zum Rencontre eingeladen sind, hat sicher auch mit der Qualität Ihrer Filme zu tun.

Das ist mir wichtig. Es ist mein Ziel, dass man die Filme nach 20 Jahren noch anschauen mag, weil sie Qualität haben und im besten Fall in die Filmgeschichte eingehen.

Wie Ihre Arbeiten mit Jean-Luc Godard?

Ja. Dank ihm bin ich beim Film geblieben. Auf «Passion» war ich Aufnahmeleiterin und später Produktionsleiterin in der Schweiz. Seine Art hat mich sehr geprägt: wie er auf dem Set arbeitet, seine Art der Zusammenarbeit mit den Technikern und Schauspielern. Er ist nicht nur ein grossartiger Regisseur, sondern auch ein ausgezeichneter Produzent. Er geht immer davon aus, wie viel Geld kann ich finden?, und schreibt dann seine Geschichten entsprechend.

Auf der anderen Seite produzieren Sie mit Ihrer Firma Vega Film Komödien für die Schweiz, zum Beispiel mit Viktor Giacobbo. Wie bringt man so unterschiedliche Dinge unter einen Hut?

Ich fand es schade, dass es in der Schweiz keine erfolgreichen Komödien mehr gab, und wollte das versuchen. Aber es war ein Challenge. Meine allererste Komödie war «Bingo» 1990 mit Ruedi Walter und Mathias Gnädinger. Leider war der Film nicht wirklich gelungen. Aber die weiteren Komödien haben wunderbar funktioniert: «Katzendiebe» hatte über 100000 Eintritte, «Komiker» über 150000 und «Ernstfall» um 320000. Das waren Erfolge, und das hat Spass gemacht.

Einmalig war die Entdeckung von Brad Pitt durch Sie in Ihrem Film «Johnny Suede». Damit haben Sie 1991 in Locarno den Wettbewerb gewonnen. War das ein Meilenstein für Sie?

Meilenstein würde ich es nicht nennen. Ich konnte für diesen Film keine Fördergelder bekommen, weil es ein amerikanischer Film war. Ich fand die Geschichte geeignet, um mit relativ wenig Geld einen originellen Film zu machen. Ich konnte Verleihvorverkäufe ins Ausland abschliessen, aber das Geld kam nicht, trotz unterzeichneten Verträgen. Das war schwierig. Ich habe ihn dann über meine Bank selber finanziert. Zum Glück wurde der Film ein Erfolg - natürlich auch durch Brad Pitt. Ihn hatten wir bei einem Casting entdeckt und es war sofort klar, dass er Talent hat. Den Film konnte ich dann in mehrere Länder verkaufen. Es war also mehr ein Glücksfall als ein Meilenstein.

Ein Glücksfall könnte «La petite chambre» werden, den Sie mit dem unbekannten Regie-Duo Stéphanie Chuat und Véronique Reymond produziert haben und den die Schweiz für den Oscar nominiert hat. Welche Chance geben Sie ihm, auf die Shortlist, in die Endauswahl, für den Oscar zu kommen?

Das kann man nie vorhersagen, es kommt auf die Konkurrenz an. Es wurden immerhin 66 Filme eingereicht. Swiss Films arbeitet sehr effizient an der PR-Kampagne für den Oscar. Mehr können wir nicht tun. Mich hat bei «La petite chambre» vor allem die Geschichte interessiert, die Regisseurinnen waren noch unerfahren, sie kamen vom Schauspiel.

Sie waren oft in Kommissionen, sind jetzt in der Arbeitsgruppe für die Filmförderkonzepte 2012-2015. Mögen Sie diese Macht?

In solchen Gremien dabei zu sein, gehört zu meiner Arbeit. Ich habe mich immer politisch engagiert. Und die Filmförderkonzepte sind wichtig, damit wir kohärente und transparente Instrumente für unsere Arbeit bekommen.

Die Förderkonzepte sollen die Filmpolitik des Bundes neu regeln, nachdem es in den letzten Jahren oft Auseinandersetzungen gab. Wie weit sind Sie?

Wir haben bereits Sofortmassnahmen erarbeitet, die ab dem neuen Jahr in Kraft treten und die alle involvierten Verbände unterschrieben haben. Dass sich alle Verbände gefunden haben, ist nicht zuletzt Herrn Bundesrat Didier Burkhalter zu verdanken, der Marc Wehrlin als Fazilitator ernannt hat.

Ist die Zeit der Kämpfe unter den Verbänden damit beendet?

Dass sich die Verbände bekämpft haben, ist eine Fehleinschätzung der Medien. Wir empfinden dies als eine demokratische Debatte und nicht als Konkurrenz- oder Machtkampf. Die Konkurrenz findet unter den Filmen statt.

Aber dass manche ausgetreten sind, neue Verbände gegründet haben etc., das war doch nicht nichts.

Das widerspiegelt doch nur die Diversität unserer Filmlandschaft.

Wenn es Konflikte gibt in der Filmpolitik, dann geht es meist ums Geld ...

... nein, das finde ich oberflächlich.

Aber Tatsache ist doch, dass das Budget des BAK, des Bundesamtes für Kultur, beschränkt ist, dass es aber immer mehr Filmer und Filme gibt, dass die Kinos mehr Geld bekommen und der Verteilkampf härter wird.

Das stimmt. Es gibt mehr Filme, mehr Regisseure, mehr Produzenten, mehr Leute, die mit Film Geld verdienen wollen. Aber es gibt andererseits auch mehr Geld dank der Zürcher Filmstiftung und dem Fonds Régio in der Westschweiz. Und jetzt geht es um ein effizientes Einsetzen dieser Mittel, dies ist die Hauptaufgabe, die wir uns für 2011 vorgenommen haben.

Nächstens wird der neue Bundesfilmchef gewählt, der Nachfolger von Nicolas Bideau. 40 Bewerbungen liegen vor. Was erwarten Sie vom Neuen?

Es müsste jemand sein, der uns in unserer Arbeit unterstützt, uns viel Vertrauen schenkt, und er sollte uns keine Regeln auferlegen, die nicht einzuhalten sind. Wie Fredi Murer sagt, sollte er nicht sich selber auf die Horsd'œuvre-Platte setzen und die Filmbranche zu seiner Garnitur erklären.

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