Madiswil
Ringe und Klingen statt Verse in der Dorfschmiede

Die Dorfschmiede von Madiswil war Arbeits- und Wohnort des Oberaargauer Mundartdichters Jakob Käser (1884–1969). Dann war sie lange leer und wurde nur sporadisch genutzt. Jetzt hat die Gemeinde wieder eine Schmiedin gefunden, die die Werkstatt betrei

Jürg Rettenmund (Text) und Felix Gerber (Foto)
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Maja Zbinden ist fasziniert von ihrem Handwerk, zu dem sie erst spät fand.

Maja Zbinden ist fasziniert von ihrem Handwerk, zu dem sie erst spät fand.

Solothurner Zeitung

«Wenn der Hammer ruht», hiess ein Büchlein mit hochdeutschen Geschichten von Jakob Käser, dem Dorfschmied von Madiswil und Schriftsteller der Oberaargauer Mundart. Käser, der von 1884 bis 1969 lebte, bezog das zwar auf den Feierabend, wenn er den Hammer beiseitelegte und an seinen Versen und Texten schmiedete. Nach 1975, als Käsers Mitarbeiter und Nachfolger Walter Bracher seinen Betrieb schloss, galt dies jedoch auch für Käsers Schmiede.

Seit letztem Herbst jedoch tönen wieder unüberhörbar Hammerschläge aus der Werkstatt. In der Esse glühen wieder Kohlen. Maja Zbinden bewegt
ein leuchtendes «Päckchen» Stahl auf dem Feuer. Dann springt sie zum elektrischen Hammer und betätigt das Fusspedal. Dumpf schlägt der Hammer auf das glühende Metall und klopft dieses immer flacher.

Nicht in die Wiege gelegt

Anders als Käser, der die elterliche Schmiede übernahm, war Maja Zbinden das Schmieden nicht in die Wiege gelegt. Ursprünglich war sie Fitnesstrainerin. Dann lernte sie Marcel Zbinden kennen. Die beiden wurden ein Paar. Gemeinsam brachen sie für ihre Hochzeitsreise alle Zelte in der Schweiz ab und reisten mit vollbepackten Fahrrädern durch die Türkei, Iran, Pakistan, Indien, Nepal, Tibet und China.

Zurück kehrte Maja Zbinden mit einer fixen Idee: Sie wollte Schmied werden und Damaststahl schmieden. «Diese uralte Handwerkkunst sah ich auf verschiedenen Basaren in Iran, in Pakistan und Indien», erzählt sie. «Eigentlich wollte ich immer kreativ sein, das konnte ich als Fitnesstrainerin zu wenig ausleben. Beim Schmieden kann ich das.»

Niklaus Maurer, ein befreundeter Schmied, hatte für Zbindens Anliegen ein offenes Ohr. «Er hat damals vermutlich geschmunzelt», schreibt Zbinden auf ihrer Homepage, «doch er gab mir die Chance, und ein paar Monate später stand ich mit Schürze, Handschuhen, Schutzbrille und Hammer in der Schmiede.»

Entscheidend für Zbinden wurde, dass ihr Lehrmeister im Sommer die Schmiede im Freilichtmuseum Ballenberg betrieb und sie ihn dort unterstützen konnte, wo die alten Handwerktechniken im Zentrum der Arbeit standen.

Suche nach der eigenen Schmiede

Nach dieser praktischen Einführung machte sich Maja Zbinden auf die Suche nach einer eigenen Schmiede. «Wir haben unzählige Betriebe angeschaut», erzählt sie. «Doch nirgends stimmte alles zusammen.» Am einen Ort hatten die alten Schmiedegeräte modernen Schlosserei- und Metallverarbeitungsapparaten Platz gemacht, am andern lag der Betrieb in einem Wohngebiet. Und eine Schmiede macht nun einmal Lärm. Zudem liessen sich die Werkstätten nicht mit Nebenräumen für ein Atelier mit Drehbank kombinieren.

Während Monaten pendelte die frischgebackene Kunsthandwerkerin deshalb zwischen Wohnung, Schmiede und Werkstatt hin und her. Kein idealer Zustand, gehen doch Schmieden und Nachbearbeitung bei ihr eng ineinan-der über, bis ein Stück fertig ist. Zudem war Familie Zbinden in der Zwischenzeit mit Livio auch um einen kleinen Kopf grösser geworden.

«Madiswil war ein absoluter Glücksfall für uns, wo alles zusammenstimmte», freut sich die neue Dorfschmiedin. Hier kann sie nun ihr Handwerk ausleben, und inzwischen ist auch die Familie ins Linksmähderdorf gezügelt.

Damaststahl oder Damaszener Stahl ist eine alte Schmiedetechnik. Ursprünglich wurden vor allem Waffen- und Messerklingen daraus geschmiedet. Je nach Kohlenstoffgehalt ist Stahl entweder hart und spröd oder weich und flexibel. Beim Damaszieren werden ein harter und ein weicher Stahl miteinander im Feuer verschweisst. So werden Klingen scharf und brechen trotzdem nicht. Die Muster, die durch die bei-den Stahlschichten entstehen, können durch Ätzen in Säure sichtbar gemacht werden und verzieren die Waffe.

Maja Zbinden verwendet den Damaststahl, den sie schmiedet, neben Messerklingen vor allem für Schmuck. Neben der Ästhetik fasziniert sie vor allem die Philosophie hinter dem Handwerk: Die beiden Stähle unterscheiden sich neben ihrer Härte auch in ihrer Helligkeit, es entstehen aber auch feine Rillen. «Dies kann man auch aufs Leben beziehen: Höhen und Tiefen, Glück und Unglück, Tag und Nacht, Freude und Unglück stehen nebeneinander, ergänzen sich und stärken einander.»

Damaststahl für Lebensringe

Deshalb, findet die Schmiedin, eignet sich Damaststahl ideal für Partner- und Lebensringe. Diese fertigt sie jeweils aus dem gleichen Rohling. Damit besondere Muster entstehen, verdreht sie den noch glühenden Rohling zuweilen auch auf dem Schraubstock.

Weitgehend zufrieden mit der neuen Situation in der Dorfschmiede ist Max Ammann, der Präsident des Madiswiler Ortsvereins, der sich unter anderem
der Pflege des Gedenkens an Jakob Kä-ser verschrieben hat. In zwei Zimmern in der ehemaligen Wohnung im Obergeschoss hat der Ortsverein eine klei-
ne Ausstellung über Käser eingerichtet. Nicht ganz so glücklich ist Ammann allerdings zusammen mit den anderen Vereinen und Organisationen, die bisher die Schmiede nutzen konnten, über den Verlust des stimmungsvollen Ausstellungslokals. «Dafür erhielten wir von der Gemeinde noch keinen gleichwertigen Ersatz.» Der Gemeinde gehört die Dorfschmiede.

Maja Zbinden erfuhr erst in Madiswil von der zusätzlichen Bedeutung der Dorfschmiede in der Geschichte und der Kultur des Dorfes. «Es ist für uns natürlich eine schöne Ergänzung.» Im Dorf werde sie zudem angesprochen und spüre, wie stark es geschätzt werde, dass die Schmiede wieder lebe.

Doch wie steht es umgekehrt? Hat wohl Jakob Käser auch Damaststahl verwendet? «Die Technik des Feuerverschweissens kannte er sicher», ist Maja Zbinden überzeugt. «Hätte er sich mit dem Damaszieren befassen können, wäre Käser sicher fasziniert gewesen», ergänzt Max Ammann, der in Madiswil aufgewachsen ist. «Doch seine Kunden waren die Menschen im Dorf, die Landwirte und die andern Handwerker. Zum Beispiel der Küfer oder der Wagner mit ihren nahe gelegenen Werkstätten. Diese brauchten vom Schmied Ringe für ihre Räder und Fässer und keinen Schmuck.» Dafür hat Jakob Käser Madiswil und dem Oberaargau seine Geschichten und Gedichte hinterlassen – durchaus zu Schmuck und Zier.