Unterengstringen
René Rey ist zerrissen zwischen Beständigkeit und Fortschritt

Das Gespräch mit René Rey, der sich am 22. November zur Wahl ins Gemeindepräsidium stellt, zeigt eine Zerrissenheit in ihm, die stellvertretend für seine Gemeinde oder gar für die gesamte Region stehen könnte.

Von Alex Rudolf
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Der FDP-Anwärter für das Gemeindepräsidium verbringt jede Woche einen Morgen bei einer vierten Klasse: «Die Deutsch-Defizite sind teils bedenklich».

Der FDP-Anwärter für das Gemeindepräsidium verbringt jede Woche einen Morgen bei einer vierten Klasse: «Die Deutsch-Defizite sind teils bedenklich».

Alex Rudolf

Auf der beschaulichen Terrasse in der obersten Etage eines Mehrfamilienhauses in der St. Niklausstrasse in Unterengstringen ist die Aussicht auf das Limmattal gut – von den Weininger Weinreben über den Schlieremer Ortskern bis zu den Spreitenbacher Hochhäusern. Doch noch vor diesem Panorama befindet sich ein mehrere Hektaren grosses Stück Bauland, wo dessen Besitzer dereinst Wohnungen erstellen könnte. Seit der FDP-Politiker im Jahr 1989 mit seiner Frau in die Gemeinde gezogen ist, gar in genau diese Wohnung, hat sich Unterengstringen gewandelt. Mehrere Mehrfamilienhaus-Neubauten umzingeln sein Wohnhaus und die Schnellstrasse hört man gut. «Hören Sie dieses Rauschen? – Das ist die Autobahn. Bei ungünstigen Windverhältnissen ist der Lärmpegel schon erheblich», sagt er.

Die Exekutive im Klassenzimmer

Dabei ist der 63-Jährige weit davon entfernt ein Nörgler oder ein Pessimist zu sein. Viel eher ist er eine Frohnatur. Dazu hat er auch allen Grund: Seit seiner Frühpensionierung im 2011 kann er sich vermehrt um seine drei Enkelkinder kümmern. Auch erfreut er sich grosser Beliebtheit im Dorf: Seit 2006 ist er in der Exekutive, 2010 und 2014 wurde er mit dem besten Resultat jeweils als Finanzvorstand bestätigt und sein Schwyzerörgelispiel, das er vor zehn Jahren mit seiner Frau in Angriff genommen hat, verbessert sich stetig.

René Rey, Gemeinderat Unterengstringen, über seine guten Wahlresultate

«Als Finanzvorstand ist man auch nicht so exponiert wie als Bau- oder Sozialvorstand.»

Die Entwicklungen in der Region betrachtet er trotzdem kritisch. Dies nicht etwa, weil er Leuten nach dem Mund redet, sondern weil er selber raus geht und Erfahrungen macht. Ein Mal wöchentlich verbringt er einen Morgen in der benachbarten Schule Büel. Einer Lehrerin der vierten Klasse geht er im Rahmen des Pro Senectute Projekts «Generationen im Klassenzimmer» zur Hand und korrigiert Arbeiten oder gibt Nachhilfe. «Die Defizite mancher Schüler im Deutsch sind bedenklich», sagt er und verweist darauf, dass ein erheblicher Teil der Klasse einen Migrationshintergrund hat. Daran stört er sich zwar nicht, doch erschwere dies die Arbeit der Lehrperson. «Als Pensionär im Klassenzimmer kann ich hierbei ein wenig Abhilfe schaffen.» Doch seien dafür langfristige Lösungen notwendig.
Sein Sinn für das Langfristige und das Beständige lässt sich auch an seinem beruflichen Werdegang ablesen.

Seine kaufmännische Lehre machte er bei der Zürcher Freilager AG in Zürich. Nach einem kurzen Unterbruch bei den Logistikbetrieben des Flughaftens in Kloten, zog es ihn wieder zurück nach Albisrieden. Noch vor seinem 25. Geburtstag stieg er zum Leiter des Rechnungswesens der Zürcher Freilager AG auf. Bis zu neun Personen waren ihm unterstellt, rund 150 Angestellte musste er im Überblick haben. 42 Jahre blieb Rey seinem Arbeitgeber treu, bis er – noch nicht mal 60-jährig – aufgrund von Restrukturierungen in die Frühpension entsandt wurde. «Dies war eine harte Zeit. Sich freiwillig frühpensionieren lassen, das wollte ich schon immer. Aber das war mir zu früh.»

Aus dieser Situation machte Rey jedoch das beste und setzte sich für das Gemeinwohl ein: als Präsident der Männerriege Unterengstringen, als Finanzvorstand und als Grossvater. Geht Rey heute zu seinem alten Arbeitsplatz, dann schaudert es ihn. Dort, wo früher das Zollfreilager war, entstehen heute 800 Wohnungen und mehrere Geschäftslokale. «Hier würde ich nicht wohnen wollen. Es wird zu dicht gebaut, es wäre mir alles zu nahe.» Bei ihm zu Hause ist alles luftig. Grosse Fensterfronten bieten eine Aussicht auf die unbebauten Wiesen. «Wie lange das noch so bleibt, weiss niemand.»

Seine Wahl ins Gemeindepräsidium sollte blosse Formsache sein. Bei den letzten beiden Erneuerungswahlen übertrumpfte er den Gemeindepräsidenten jeweils um bis zu hundert Stimmen. «Als Finanzvorstand ist man auch nicht so exponiert wie als Bau- oder Sozialvorstand», erklärt Rey seine Beliebtheit. Durch seine verschiedenen Tätigkeiten in der Gemeinde würden ihm die Menschen aber sehr viel Wertschätzung entgegenbringen.

Könnte gut mit einem Linken

Rey ist ein Freisinniger durch und durch. Der Gemeindehaushalt soll schlank gehalten werden. «Für viele – oft linke Wähler – kann die Gemeinde nicht genug Geld ausgeben», sagt er. Das wolle er nicht. Einen linken oder parteilosen Gemeinderat hatte Unterengstringen schon lange nicht mehr. Die FDP und die SVP teilen die Mandate unter sich auf. Doch könnte er gut mit einem linken Gemeinderat leben. «Hauptsache man vertritt keine extremen Positionen – mit solchen habe ich Mühe, ob sie nun nach links oder rechts tendieren.»

Die Ausarbeitung einer neuen Gemeindeordnung für die Einheitsgemeinde von Schule und politischer Gemeinde wird ein Schwerpunkt in der kommenden Legislatur setzten. «Daran sind wir derzeit und sind gespannt, wie die Bevölkerung auf das Papier reagieren wird.»

Grosse Fussstapfen zu füllen

Trotz seiner Aversion gegen Dichte, gegen den Lärm der Autobahn und das hautnahe Erleben der Probleme im schulischen Alltag, setzt sich René Rey für die Limmattalbahn ein. Ihre Gegner werfen ihr vor ebendiese Probleme noch zu verschärfen. Gemeinsam mit den Gemeindepräsidenten rechts der Limmat trat Rey Anfang Oktober an die Öffentlichkeit: «Diese Bahn wird nicht für mich, sondern für kommende Generationen gebaut», sagt er dazu. Auch die Menschen auf der rechten Talseite würden dieses Transportmittel benötigen, darüber hinaus würden die Massnahmen am Strassennetz den Durchgangsverkehr aus seiner Gemeinde fernhalten. Im Gespräch mit Unterengstringern sei ihm jedoch eines aufgefallen: «Die Menschen hier beschäftigt die Bahn weniger als diejenigen auf der linken Talseite», sagt Rey. Denn er werde kaum darauf angesprochen.

Unbestritten ist hingegen, dass er im Amt des obersten Unterengstringers grosse Fussstapfen zu füllen haben wird. Der für seine Geselligkeit und Überzeugungskraft bekannte und geschätzte Peter Trombik verstarb im vergangenen Sommer. «Werde ich zum Gemeindepräsidenten gewählt, dann werde ich dieses Amt sicherlich anders ausführen als Trombik. Ob ich es besser oder schlechter mache, das müssten dann die Bürger beurteilen.»