1. Mai-Dietikon
Regierungsrätin Jacqueline Fehr: «Kaltherzigkeit ist kein Lebensgefühl»

Die Regierungsrätin Jacqueline Fehr hielt an der Limmattaler 1.-Mai-Feier ein Plädoyer gegen die Angst.

David Egger
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Jacqueline Fehr (SP): «Wir wollen diesen Hass nicht. Wir wollen die Freiheit.»

Jacqueline Fehr (SP): «Wir wollen diesen Hass nicht. Wir wollen die Freiheit.»

David Egger

Die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr war gerade auf dem Weg einer Sitzung zur anderen, als ihr Natel vibrierte und ihr die Anschläge in Brüssel meldete. «Den meisten von euch geht es wohl ähnlich. Wir wissen noch, wo wir waren, als die Massaker stattfanden.»
Die Momente haben sich eingebrannt, die Angst vor Terroranschlägen in Europa ist grösser geworden, ebenso die Abwehrhaltung, die mit dieser Angst einhergeht. Jacqueline Fehr plädierte an der Limmattaler 1.-Mai-Feier auf dem Dietiker Kirchplatz dafür, die Angst nicht überhand nehmen zu lassen und die Relationen nicht zu verlieren. «450 Menschen sind seit 9/11 in Europa bei Terrorangriffen getötet worden. Das sind definitiv 450 Menschen zu viel», sagte Fehr. Und stellte dem ein paar andere Zahlen gegenüber: Zum Beispiel die 25 000 Menschen, die in Europa jährlich ihr Leben bei Verkehrsunfällen verlieren.

Die Schlussfolgerung von Fehr: «Allein die Zahlen können es nicht sein, die uns Angst machen. Es geht nicht um Zahlen, sondern um die Wahrnehmung», so Fehr. Diese Wahrnehmung wollen die Terroristen beeinflussen. «Die Terroristen wollen nicht nur Tod und Leid nach Europa tragen. Sie wollen auch den Hass in unsere Gesellschaft bringen. Die Toten und Verletzten in Paris, Istanbul oder Brüssel sollen uns dazu bringen, Muslime noch stärker auszugrenzen. Sie wollen unsere Herzen kalt werden lassen.» Die verschiedenen Wahlerfolge nationalistischer Rechter in Europa sei daher der wohl wichtigste Erfolg für die Todbringer. «Je faschistischer die Gesellschaft, desto besser ist der Nährboden für exakt den Kampf der Kulturen, über den sie junge zornige Männer für ihre Wahnsinnstaten rekrutieren können. Les extrêmes se touchent», so Fehr.

Die zwei Extreme missfallen Fehr: «Wir wollen diesen Hass nicht. Wir wollen die Freiheit», sagte Fehr und zitierte dann Jens Stoltenberg, den früheren Premierminister von Norwegen, der nach den Anschlägen des Rechtsextremisten Anders Breivik gesagt hatte: «Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.» Genau das müsse auch das Motto der Schweiz sein.

«Um der braunen Wand Einhalt zu gebieten, werden wir in ganz Europa alle Kräfte brauchen, die sich für Anstand, Respekt und Menschlichkeit einsetzen», so Fehr weiter. «Errungenschaften wie Rechtsstaat, Menschenrechte, Gewaltenteilung oder auch völkerrechtliche Verträge sind keine abstrakten Werte, deren Verteidigung man den Professoren überlassen kann.»

Um es nicht nur bei Worten zu belassen, schlug Fehr vor, in Gesprächen konsequent rassistisch angehauchte Aussagen zu korrigieren. Zweitens solle man Geld spenden, um wenigstens den Helfern zu helfen. Und schliesslich solle man Flüchtlinge ansprechen und ihnen anbieten, mitzumachen, ob im Fussballclub, dem Kirchenchor oder der Gewerkschaft. Denn, so Fehr: «Wir wollen weiterhin in einer freien, offenen und solidarischen Gesellschaft leben, weil in einer solchen Gesellschaft das Leben schön und spannend ist. Und weil Kaltherzigkeit kein gutes Lebensgefühl ist.»

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