Europameisterschaft
Problemlösernation versus Fallschirmflieger im Viertelfinal

Rettungsball Deutschland muss nicht nur Europa retten, sondern auch den Fussball. Und das gegen die Zyniker vom Peloponnes.

François Schmid-Bechtel
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Mario Gomez wurde Miroslav Klose vorgezogen und dankte es mit dem Siegestreffer.KERIM OKTEN/Keystone

Mario Gomez wurde Miroslav Klose vorgezogen und dankte es mit dem Siegestreffer.KERIM OKTEN/Keystone

2002 sind drei Dinge passiert. Deutschland hat sich letztmals durch eine WM durchgewurstelt. Der Euro kam. Und der europäische Fussball trat die Weltherrschaft an. Respektive: Europas heutige Sorgenkinder taten das. Griechenland wurde 2004 Europameister. Portugal wurde 2004 EM-Zweiter und 2006 WM-Vierter. Italien Weltmeister 2006. Spanien Europameister 2008 und Weltmeister 2010. Oder anders gesagt: Wenn der Fussball Europa regieren würde, gäbe es keinen Rettungsschirm.

Kein Titel in diesem Jahrtausend

Zum Glück gibt es die Deutschen. Die Problemlösernation. Die Nationalelf rumpelt nicht mehr. Die Liga ist die gesündeste Europas. Die Nachwuchsarbeit qualitativ so hochstehend wie die deutschen Automarken. Einen Titel im Fussball haben die Deutschen in diesem Jahrtausend gleichwohl nicht gewonnen. Vielleicht liegt es daran, dass der Fussball Grossmächte nicht mag. Einzig die Sowjetunion ist 1960 mit einem Pokal von einer Endrunde heimgekehrt.

Inzwischen ist Deutschland in der Rolle des Ernährers für Resteuropa. Also durchaus eine Grossmacht. Trotzdem: Falls es an dieser EM oder an der nächsten WM mit dem Triumph klappen sollte, müssten sich die Deutschen nicht mehr dafür entschuldigen. Nein, ihnen wäre sogar von den geknechteten Nehmerstaaten in Europa die Hochachtung garantiert. Denn im Unterschied zu den Politikern gefallen die deutschen Fussballer auch den Gegnern.

Adonis gegen grobschlächtigen Haudegen

Deutschland ist nicht mehr so Deutsch, auch im Fussball. Die Grenzen sind durchlässig wie im Schengen-Raum. Jérôme Boateng, Ilkay Gündogan, Sami Khedira, Mesut Özil, Lukas Podolski, Mario Gomez, Miroslav Klose. Auch das ist Deutschland. Und wer Mario Gomez beispielsweise mit Kyriakos Papadopoulos vergleicht, muss nicht lange überlegen, wen er sich eher als mediterranen Beachboy vorstellen kann. Hier der spanischstämmige Adonis aus Riedlingen, Baden-Württemberg. Dort der grobschlächtige Haudegen aus Katerini, Mazedonien. Hier der opportunistische Stürmer, der selten mit deutschen Sekundärtugenden wie Lauf- und Einsatzbereitschaft glänzt; der häufig etwas unbeteiligt wirkt und auf die Fehler des Gegners spekuliert. Dort der eisenharte Verteidiger, der es mit Unerschrockenheit und ehrlicher Arbeit in die Bundesliga zu Schalke 04 geschafft hat; ein Fussballkrieger und Feuerlöscher, ein Retter in der Not.

Es ist nicht so wie im wahren (politischen) Leben. Fussball-Deutschland lebt von seiner Kreativität, seiner List und seiner Unberechenbarkeit. Also genau jenen Attributen, die aus Griechenland einen Fallschirmflieger gemacht haben. Oder käme etwa ein Deutscher auf die listige Idee, die Rente für seinen vor 15 Jahren verstorbenen Onkel zu beziehen?

Die zähen griechischen Fussballer bewundert man nicht nur für ihre Widerborstigkeit. Nein, man nimmt ihnen übel, dass sie dasselbe tun, was auch ihre Politiker tun. Nämlich zu profitieren. Von den Defiziten, den spielerischen der Gegner. Aber vielleicht wäre es gar nicht so verkehrt, wenn die griechischen Fussballer Europa regieren würden. Schliesslich weisen sie an dieser Fussball-Euro eine tadellose Erfolgsbilanz aus.