Auslandeinsatz
Per Zufall arbeitet die Langenthalerin Sabine Kuert in Madagaskar

Seit einem halben Jahr lebt und arbeitet die Sabine Kuert als Apothekerin in Madagaskar. Ihr Engagement ist einfach erklärt: Eines Morgens sah sie zufälligerweise den Stellenbeschrieb im Internet.

Tobias Granwehr
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Sabine Kuert in der Apotheke des Dispensaire Aina Vao.zvg

Sabine Kuert in der Apotheke des Dispensaire Aina Vao.zvg

Während sich hierzulande der Winter durchzusetzen versucht, erlebt Sabine Kuert fernab ihrer Heimat genau das Gegenteil: Dort, wo sie zurzeit lebt, sinken die Temperaturen nachts selten unter 30 Grad, auch in der jetzigen Regenzeit. Seit sechs Monaten arbeitet Kuert im Nordwesten Madagaskars als Apothekerin in einem Dispensaire.

Noch nie in ihrem Leben habe sie so viel geschwitzt, berichtet die Langenthalerin aus dem fernen Mahajanga, wo sich das Dispensaire des katholischen Ordens Sœurs de Saint Maurice befindet. Der Orden hat seinen Ursprung in der Schweiz und ist seit 60 Jahren in Madagaskar präsent. Er führt verschiedenste soziale Institutionen, neben dem medizinischen Angebot zum Beispiel auch eine Schule.

Das Gesundheitswesen in Madagaskar ist in keiner Weise mit dem schweizerischen vergleichbar. Es gebe keine Krankenkasse, dagegen einige private Institute, die einen Teil der Kosten übernähmen. Trotzdem sagt Kuert: Das Gesundheitswesen – durch einige private, hauptsächlich katholische Institutionen gestützt – funktioniere gut, wenn auch auf der Basis einfachster Mittel.

Fünf Monate in Nepal

Kuert studierte in Basel Pharmazie und arbeitete zwei Jahre in diesem Beruf. Zwischendurch war sie als Volontärin fünf Monate lang in Nepal tätig. Sie sammelte also bereits Erfahrungen in einer fremden Kultur – und lernte, dass nicht immer alles planmässig läuft. In Nepal hätte sie in einer Apotheke arbeiten sollen, die ausgeschriebene Stelle habe letztlich aber gar nicht existiert. So habe sie dort an einer Grundschule Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften unterrichtet.

Ihr Engagement im fernen Afrika ist einfach erklärt: «Eines Morgens habe ich zufälligerweise im Internet den Stellenbeschrieb des Dispensaires in Mahajanga ausgeschrieben gesehen. Ich habe mich beworben und wurde angestellt», sagt die weltoffene junge Frau. Ende Januar, also noch in Madagaskar, feiert Kuert ihren 27. Geburtstag. Ende Februar kehrt sie in die Schweiz zurück.

In Madagaskar ist sie eine Fremde. Die einheimische Bevölkerung nennt Weisse «Vazaha», was eben Fremder bedeutet. In den Strassen höre sie das ständig, sagt sie ohne Groll. Es sei für die madagassische Bevölkerung nur schwer vorstellbar, dass es auch in Europa arme Menschen gebe und dass dort das Geld nicht auf den Bäumen wachse. «Die Touristen können sich Mahlzeiten leisten, die dem Monatslohn eines madagassischen Durchschnittsarbeiters entsprechen», sagt sie, stellt jedoch klar: Sie mache gute Erfahrungen mit der einheimischen Bevölkerung. «Ich mag es, dass die Menschen ihre Neugierde nicht verstecken. Es ist nicht so, dass man einfach angestarrt wird, sondern ich werde gefragt, woher ich komme und was ich hier mache.»

Was Kuert sofort auffiel in Madagaskar: «Das Leben findet draussen statt, in den Strassen.» Viele Menschen leben direkt an der Strasse, die Häuser sind klein und spärlich eingerichtet. «In Europa findet das Leben in den Häusern statt, hinter den Zäunen und Hecken, hier lebt es sich draussen», sagt sie. Sie stellt zudem fest, dass es kaum begehbare Geschäfte gibt, dafür spielen Märkte eine viel grössere Rolle als in der Schweiz. Das Quartier, in dem sie lebe, sei ein armes, aber nicht das ärmste Mahajangas. Es gebe sogar öffentliche Verkehrsmittel. Jedoch besteht kein Fahrplan; man setze sich einfach in den nächstbesten Bus und warte, bis der Fahrer das Gefühl habe, genug Leute im Bus zu haben. «Man weiss also nie, wie lange eine Fahrt dauert – dafür bezahlt man immer gleich viel.» Umgerechnet seien es etwa 15 Rappen.

Zuerst schauen und begreifen

Die momentane Regenzeit erschwere das Leben in Madagaskar stark. Aus Busfahrten, die normalerweise Stunden dauern, werden plötzlich Tage. Es gebe Quartiere, die während der Regenzeit ständig unter Wasser stünden. Das Leben in den Wellblechbaracken sei zu dieser Zeit unglaublich schwierig. Nebst der vermehrten Verschmutzung des Wassers steigt die Zahl der Insekten enorm an. Sie lebe im Dispensaire dagegen schon fast komfortabel, so Kuert. Es ist spürbar: Sie mag das Abenteuerliche, das Kennenlernen völlig neuer Kulturen. «Ich mag das Leben hier.» Und trotzdem: «Für immer hier zu leben, könnte ich mir nicht vorstellen.» Sie würde die Tageszeitung, Konzerte, den Ausgang oder ein Essen mit Freunden vermissen. Sie sagt offen: «Die lebenslange Hingabe, welche die Schwestern leisten, zu der wäre ich nicht in der Lage.»

Ihre Arbeitserfahrungen im Dispensaire möchte Kuert jedoch keinesfalls missen. Wenn man nicht scheuklappentragend die Standards der Schweiz durchsetzen wolle, werde man mit offenen Armen empfangen, sagt sie erfreut. «Wichtig ist, dass man zuerst mal schaut und begreift, wie es funktioniert.» Die Menschen dort seien viel schlechteren hygienischen Bedingungen ausgesetzt. Sie seien oft unterernährt und eine medikamentöse Therapie müsse wirklich hinhauen, weil die Menschen sonst einer kleinen Infektion erliegen könnten. Es sei beeindruckend, wie sich die Schwestern für die Kranken einsetzen. Ganz zu Beginn habe sie erlebt, wie drei der fünf Schwestern abends auf den Beinen waren und sich um eine schwere Geburt kümmerten. «Da habe ich realisiert, wie wichtig diese Frauen sind.»

Schlechte Lagerbewirtschaftung

Mittlerweile hat sich Kuert so sehr eingerichtet, dass sie sogar in einer zweiten Dispensaire arbeitet. In Aina Vao seien die Qualitätsstandards in der Apotheke bereits so installiert, dass praktisch nur noch das Controlling übrig bleibe. «Im anderen Dispensaire sieht das jedoch ein bisschen anders aus: Die Art und Weise der Lagerbewirtschaftung ist haarsträubend, Medikamente wurden bis vor Kurzem ohne Rezept abgegeben – als wären Antibiotika Bonbons, um den Körper zu stärken.» Das Personal habe null medizinische Ausbildung. So habe sie mit dem Schulen und Sensibilisieren auf die Wichtigkeit der Medikamentenabgabe begonnen.

Natürlich ist die Armut in Madagaskar ein offensichtliches Problem. Manchmal stelle es einem fast den Atem ab, sagt Kuert betroffen. Trotz der Armut erlebe sie den Menschen jedoch ähnlich wie in der Schweiz: Er wolle so gut leben, wie es geht; er wolle tanzen, singen und das Leben geniessen. «Und dies tun die Menschen Madagaskars nicht anders als wir – auch wenn die Möglichkeiten und der Spielraum beschränkter sind.»