Archäologie
Oberbipper Dolmengrab: Nun werden die Skelettfunde untersucht

Im Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern werden schon einige Ergebnisse über das Dolmengrab von Oberbipp bekannt gegeben. Die gefundenen Skelette werden nun eingehend untersucht.

Fränzi Rütti-Saner
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So präsentiert sich der Fundort des spektakulären Dolmengrabes heute. Es ist Gras über die Anlage gewachsen. felix gerber

So präsentiert sich der Fundort des spektakulären Dolmengrabes heute. Es ist Gras über die Anlage gewachsen. felix gerber

Seit Ende 2012 sind die Ausgrabungsarbeiten des Dolmengrabes von Oberbipp beendet. Zur Erinnerung: Im Oktober 2011 erhielt der Archäologische Dienst des Kantons Bern die Information, in einer «Hostet» in Oberbipp seien grosse Steine und Knochen zum Vorschein gekommen. Rasch war klar, dass es sich hier um ein Dolmengrab aus dem Neolithikum handelte. Jetzt hat der Kanton Bern in seiner Jahrespublikation «Archäologie Bern/Archéologie bernoise 2013» einen ersten Kurzbericht über die Grabung veröffentlicht. Dabei ist Interessantes rund um das Dolmengrab zu erfahren. So hat man in der weiteren Umgebung des Grabes in Gruben bronzezeitliche Keramik gefunden, die aber aus einer Zeit stammen, in der die Grabstätte nicht mehr genutzt wurde.

Dass aber schon vor der Errichtung des Dolmens dieses Gebiet besiedelt war, zeigt die genaue Ausgrabung. «Unter dem Dolmen konnte ausserdem eine Schicht beobachtet werden, die neben zahlreichen Silexabschlägen auch eine mesolithische Silexspitze enthielt und vielleicht anzeigt, dass hier bereits vor dem Bau des Dolmen menschliche Aktivitäten stattfanden», heisst es im Bericht. Die C14-Datierung eines in dieser Sedimentschicht gefundenen Holzkohlesplitters bestätige diese Annahme. Das Gemeindegebiet von Oberbipp ist damit wohl eines der am längsten besiedelten Gebiete am Jurasüdfuss – seit dem Mesolithikum, das bedeutet zwischen 9000 bis 5000 Jahre vor Christus.

Zum Inhalt des Dolmengrabes wurde bisher Folgendes festgestellt: «Nach der Hebung der grossen Deckplatte von 7,5 t Gewicht durch einen Fahrzeugkran und dem Entfernen der Einfüllung kamen 30 Skelette zum Vorschein. Diese Zahl wurde aufgrund der gefundenen Schädel festgesetzt. Die Individuen wurden alle parallel neben- und übereinander bestattet – die Schädel im Süden, die Füsse im Norden. Sie liegen oft auf dem Rücken, manche in Seitenlage oder mit leicht angebogenen Knien.» Eine erste anthropologische Begutachtung brachte zutage, dass es sich um Männer, Frauen, Kinder und um ein Neugeborenes handelt. Ein Holzkohlesplitter im Sediment der Grab-Bodenplatten verweist auf eine Zeit um das mittlere 4. Jahrtausend.

Die Nutzungsdauer des Dolmens, und Fragen zur Organisation der Anlage stehen nun im Mittelpunkt der Klärung durch die Berner Archäologie. Näheres über Lebensumstände, Ernährung, Verwandtschaftsverhältnisse und soziale Stellung der bestatteten Personen soll herausgefunden werden. Diese 30 Personen sind die grösste zusammenhängende Bevölkerungsgruppe aus der 2. Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. Deren Analyse wird erstmals Auskunft über Herkunft sowie Homo- und Heterogenität der jungsteinzeitlichen Bevölkerung geben.

Ausserordentlich seltenes Material

Um diese Fragen sicher klären zu können, wurden direkt auf dem Grabungsgelände Knochen- und Zahnproben möglichst steril entnommen. Die Proben wurden sofort eingefroren, um eine weitere Zersetzung oder allenfalls die Zerstörung vorhandener alter DNA zu stoppen. Zwischen den Skelettresten fanden sich immer wieder Grabbeigaben wie Silexpfeilspitzen und -messer, Anhänger aus Tierzähnen und eine Perle. Die verschiedenen Abbaustadien wurden fotografisch dokumentiert und mit einem Streifenlichtscanner aufgezeichnet. Dieser Scan erfasste die Lage der Knochenfunde und erleichterte so gleichzeitig den Abbau der aufgefundenen Skelettteile.

Die Untersuchungen am Skelettmaterial von Oberbipp werden noch einige Zeit in Anspruch nehmen, man schätzt grob zwei Jahre. Dieses ausserordentlich seltene Material biete die einmalige Gelegenheit, Informationen über die neolithische Bevölkerung im schweizerischen Mittelland zu erhalten, stellen die Wissenschafter fest. Nun gelte es, ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu organisieren, um diesem besonderen Fund auch in der kommenden Auswertung gerecht zu werden.

In Oberbipp selbst hat inzwischen eine nicht ständige Kommission «Dolmenprojekt» unter dem Präsidium von Stephan Schnyder ihre Arbeit aufgenommen. Zusammen mit Fachleuten soll ein Ort gefunden werden, wo eine Rekonstruktion des Grabes aufgebaut und damit dem Publikum zugänglich gemacht werden kann. Als voraussichtlicher Standort dieses Grabes wurde der Bereich westlich des Friedhofes ausgewählt. Das Ziel wäre, den rekonstruierten Dolmen im Herbst 2014 der Bevölkerung zugänglich zu machen. Inzwischen ist Gras über das Gelände gewachsen, dort, wo die vielleicht ältesten Oberaargauer ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Übrigens: Im erwähnten Buch sind auch Ausgrabungsergebnisse über Attiswil, Bätterkinden, Niederönz oder Langenthal zu finden.

Archäologie Bern/Archéologie bernoise 2013. Jahrbuch des archäologischen Dienstes des Kantons Bern. Fr. 56.–. Erhältlich bei Rubmedia AG, Postfach 3001 Bern. buch@rubmedia.ch

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