Wahnsinn
Oberaargauer wanderte um die ganze Welt

Er klingt fast wie aus einem Film: Der Oberaargauer Peter Egger ist in 511 Tagen einmal um die ganze Welt gewandert. Doch er hat gleichzeitig zwei Reisen hinter sich gebracht.

Johannes Reichen
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Peter Egger in Moskau.

Peter Egger in Moskau.

Zur Verfügung gestellt

Peter Egger steht in der Küche seiner Langenthaler Wohnung und macht den Abwasch. Es ist Morgen, warmes Wasser fliesst aus dem Hahn. Egger, geduscht, wäscht die Teller, Gläser, das Besteck und reibt sie trocken. Und dann macht Egger, rasiert und gekämmt, Kaffee. Ein Morgen wie tausend andere.

Es gab aber einmal eine Zeit, da gabs für Peter Egger weder Dusche noch Kamm, keinen Abwasch, eher selten eine Rasur, und manchmal nicht einmal einen Morgen. Diese Zeit dauerte 511 Tage, und sie begann vor etwas mehr als drei Jahren. Da schlug er in der Nähe seines Elternhauses in Aarwangen einen Pflock in die Erde und ritzte das Datum ein: 20. November 2007. Der Tag seiner Abreise, viel hatte er nicht bei sich. Eine Trinkflasche, einen Kompass, ein Sackmesser, etwas Geld, Ersatzunterwäsche.

Der Sonne entgegen

Er setzte einen Fuss vor den anderen und begann zu laufen Richtung Osten, der Sonne entgegen. Er durchquerte drei Kontinente, überflog zwei Ozeane, und dann war er beinahe wieder daheim. «Von Paris nach Hause wars nur noch ein Spaziergang», sagt er. Nur noch 600 Kilometer, dann war er zurück in Aarwangen, es war der 17. Juli 2009. Hätte er einen Zähler bei sich gehabt, wäre der am Ende bei 18 000 Kilometern stehen geblieben. Das wären etwa 430 Marathonläufe.

Zu Hause warteten seine Familie, seine Freunde. Und es wartete Annina. Als er startete, war sie noch seine Freundin. Als er, im russischen Omsk, einen kurzen Abstecher nach Hause machte, wurde sie seine Verlobte. Seit letztem Sommer ist sie seine Frau. «Ich habe zwei Reisen gemacht», sagt Peter Egger auf dem Sofa im Wohnzimmer, und blickt in die Ferne, die aber schon an der Wand vis-à-vis ein Ende nimmt. «Eine Reise mit den Füssen, eine mit dem Kopf.» Und diese zweite Reise im Kopf war es, die ihn überhaupt losziehen liess. Er war nicht mehr zufrieden mit seinem Leben.

«Ich hatte viele Fragen, und ich suchte Antworten.» Warum er hier ist, was er hier tut. Er wusste es nicht, also ging er. «Wenn man geht, ist der Körper am Abend müde und zufrieden. Den Kopf hat man aber den ganzen Tag zur freien Verfügung. So hatte ich viel Zeit zum Nachdenken und zum Aufschreiben.» Es war dann irgendwo in Amerika, als sein Zähler auf inneren Frieden zeigte. Dann war diese Kopf-Reise zu Ende.

Keinen Schlafsack dabei

Die Reise mit den Füssen, diese Monsterwanderung, trug ihn zuerst durch Deutschland, Polen und Weissrussland nach Russland. Einen Schlafsack hatte er nicht dabei, kein Zelt, auch keine Matte. Er schlief in den Kleidern draussen im Wald, auf Wiesen, manchmal wurde er eingeladen. Auf der gesamten Reise habe er etwa zehnmal für die Übernachtung gezahlt, sagt er. Egger schlief dann, wenn ihm warm war, und stand auf, wenn sein Körper wieder kalt war. «So lief ich manchmal die ganze Nacht durch», sagt Egger.

Er musste sich nicht an Tageszeiten halten. Am Anfang lief er 20, 25 Kilometer pro Tag. In Polen waren es 40, in Russland 50, und dann wurden es manchmal 60. «Wenn man merkt, dass man an einem Tag 50 Kilometer gehen kann, will man das am nächsten Tag auch.» Manchmal hatte er Blasen an den Füssen, aber sonst, abgesehen noch von einer Vergiftung in der Mongolei, keine gesundheitlichen Probleme.

Er hatte keine Landkarten bei sich. «Ich hätte viel zu viele mitnehmen müssen.» Also hielt er sich an die grossen Verkehrsachsen. In Russland waren das die Fernverkehrsstrassen, die in der Nähe der Transsibirischen Eisenbahn entlang führen. «Das hatte auch den Vorteil, dass es unterwegs Läden gab.» Zu oft aber waren das Kioske, sodass er sich tagelang von Süssigkeiten ernährte.

Ständig Kontak mit Polizei

Egger fiel auf mit seiner Körpergrösse und seiner weissen Haut. Den Einheimischen, die ihn zu sich nach Hause einluden, die ihn in der Beiz anstarrten und auch nicht aufhörten, wenn er zurückstarrte. Und die die Polizei riefen, wenn dieser schräge Vogel des Weges kam.

Überhaupt, ständig hatte er Kontakt mit der Polizei, wurde durchsucht und festgehalten und manchmal auch einfach angehalten unter einem nichtigen Vorwand. Egger glaubt, weil sie ihn einfach kennen lernen wollten. Öfter als ihm lieb war, traf er auch auf falsche Polizisten. Und einmal geriet er gar in die Hände der Mafia.
Wenn er jetzt, anderthalb Jahre nach seiner Rückkehr, an diese Reise denkt, so sind es auch «krasse Sachen und brutale Erlebnisse», die ihm vor allem in Erinnerung bleiben. «Ich erlebte Dinge, die sind ans Lebendige gegangen.» Aber auch die grossartigen Bilder der Natur bleiben ihm. Das einfache Leben in der Mongolei, die Armut in China, der Wohlstand in Amerika, werden nie verblassen.

Und das Grösste, das Peter Egger erlebt hat: «Das unbeschreibliche Gefühl der Freiheit.»

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