Dietikon
Ob Grammophon oder Kaffeemaschine: Das Repair-Café macht Kaputtes wieder wertvoll

Freiwillige flicken alles gratis, vom Grammophon bis zur Kaffeemaschine. So verhindert das Repair-Café im Chrüzacher unnötigen Abfall.

Ly Vuong
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Repair-Café
18 Bilder
Zwischendurch kann man sich mit Kaffee und Kuchen staerken beim Repair Cafe im Chruezacher
Wo liegt wohl der Defekt beim Grammophon fragen sich Helfer Dani Maag und Urs Kloter und Besucher Heinz Walt
Ursula Guyer freut sich ueber die von Justus Klinger reparierte Trucke mit Elfenbein aus Iran
Wie Sherlock Holmes fuehlt Helfer Bernhard Zoebeli dem CD-Player auf den Zahn
Schnell repariert mit etwas Kotaktspray - Schalter der Nachttischlampe klemmte - im Bild Helfer John Weber
Knobeln - wo liegt das Problem bei diesem Teil der Kaffeemaschine - fragen sich Urs Kloter und Dani Maag
Kaffeetrichter und Presser laesst sich wieder einsetzen - doch ist der Defekt damit behoben - im Bild Helfer John Weber
Helfer Dani Maag ueberprueft ob das Hooverboard noch zu retten ist
Ueber 70 Jahre altes Grammophon von Heinz Walt funktioniert wieder - dank Abschleifen einer Kerbe im Antriebrad
Helfer Justus Klinger bringt das Scharnier wieder an
Eine Kerbe aus dem Antriebsrad des Grammophons wegschleifen - im Bild Helfer Bernhard Zoebeli
Das Scharnier der Trucke aus Iran mit Elfenbein von Helferin Ursula Guyer geht wieder
Helfer Dani Weber versucht den Verschlussriegel in Erika Knobs Stereoanlage wieder schnappen zu machen
Das Innenleben von Erika Knobs Stereoanlage
Besucherin Erika Knob ist happy - ihre 25-jaehrige Stereoanlage laeuft wieder einwandfrei - Antenne geloetet und Verschluss des Kasettendecks geflickt
Bernhard Zoebeli reinigte die Linse von Toni Hubers CD-Player weil der Player beim Transport durch Schuetteln schon von selbst wieder funktionierte
Freiwilliger Helfer und Hobby-Mechaniker John Weber zeigt hier einen falsch abisolierten Kabelstecker

Repair-Café

Ly Vuong

Erika Knobs hat eine Stereoanlage bei sich, die über 25 Jahre alt ist. Und Theo Mastro-Domenico trägt eine Kaffeemaschine bei sich. Wie Patienten im Wartesaal der Arztpraxis warten die beiden, dass sich jemand den Wehwehchen ihrer Geräte annimmt. Sind die defekten Geräte überhaupt noch zu retten? Dann geht die Türe auf, das erste Dietiker Repair-Café ist eröffnet.

Mitorganisatorin Franziska Schädel führt die beiden an den Empfangstisch. Dort nehmen freiwillige Helferinnen die Daten der Besucher auf – wie etwa Personalien und was repariert werden soll. Diese Daten landen dann nicht nur bei den Handwerkern, sondern dienen der Statistik der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS). Die Organisation hat die Repair-Cafés in der Schweiz ins Leben gerufen und hilft Freiwilligen, die solche Repair-Cafés aufbauen wollen.

Arbeit ist gratis, Material kostet

Den Freiwilligen sind keine Grenzen gesetzt: Sie reparieren Kleider, Möbel, Spielzeuge oder Elektrogeräte gemeinsam und kostenlos mit den Besuchern. Diese müssen einzig die Materialkosten selber bezahlen. Jetzt ist die Kaffeemaschine von Theo Mastro-Domenico an der Reihe. Gleich drei Männer nehmen sich der Maschine an. Das Problem: Nachdem Mastro-Domenico seine Maschine geputzt hatte, konnte er eines der Teile nicht mehr in die Maschine einfügen. Nach gründlicher Diagnose haben die Handwerker Urs Kloter, John Weber und Dani Maag eine nicht ganz erfreuliche Nachricht für den Kaffeemaschinen-Besitzer: Es lasse sich nicht vermeiden, dass ein Ersatzteil beim Hersteller bestellt werden müsste.

Mehr Glück hat da Erika Knob mit ihrer alten Stereoanlage. Der Verschlussriegel des Kassettendecks funktioniert wieder einwandfrei: Die Handwerker haben die Verschlussfeder versetzt und mit Silikon behandelt. Zusätzlich haben sie noch den Kopf der Radioantenne gelötet. Beim Zuschrauben der Stereoanlage legt Erika Knob selbst Hand an. «Eine Stereoanlage mit Kassette und CD kann man heute so gar nicht mehr kaufen. Ich freue mich schon, meine vielen Kinderkassetten mit meinen Enkeln zu hören», sagt Knob.

Sehr schnell geht auch das Flicken von Toni Hubers CD-Player. «Beim Transport wurde der CD-Player wohl so stark durchgeschüttelt, dass er sich von selbst repariert hat», sagt der gelernte Konstrukteur Bernhard Zöbeli. Weil Huber das Gerät schon über 20 Jahre hat, reinigt ihm Zöbeli zusätzlich die Linse, damit das Gerät noch lange Freude bereitet. Für Toni Huber hat es sich mehr als gelohnt, dass er den CD-Player nicht gleich weggeworfen hat.

Gegen die Wegwerfgesellschaft

Überhaupt möchten die freiwilligen Helfer des Repair-Cafés Dietikon mit ihrem Einsatz ein Umdenken anstossen. In der Schweiz sei Arbeit sehr viel teurer als Material. Dies führe zur Wegwerfgesellschaft und beeinflusse die Energiebilanz negativ, sagen sie. «Unser Konsum ist für die Erde aus heutiger Sicht nicht tragbar», sagt Dani Maag.

Neben dieser ökologischen Motivation macht es den Handwerkern viel Spass, technische Probleme zu lösen. Maschinenbauer Justus Klinger schätzt zudem die sozialen Kontakte und den gesellschaftlichen Rahmen. Denn bei einer Pause mit Kaffee und Kuchen können Helfer und Besucher den Kopf lüften, damit sie noch mehr gute Einfälle haben. So verblüffen sie zum Beispiel den Dietiker Heinz Walt. Zuhause hat er schon selber versucht, das über 70 Jahre alte Grammophon – ein Erbstück der Gotte seiner Frau – zu reparieren, hatte aber keinen Erfolg.
In Teamwork haben die Helfer vom Repair-Café die Ursache des Defekts gefunden: eine Kerbe im Gummi des Antriebrads. Sie schleifen kurz das Rad und schon läuft das Grammophon wieder einwandfrei. Total hat das Team zwölf Fälle mit 90-prozentigem Erfolg bearbeitet. «Wir sind sehr zufrieden», sagt Mitorganisatorin Franziska Schädel. Das ist auch Theo Mastro-Domenico, dessen Kaffeemaschine jetzt wieder läuft. Und Michaela Tobler, Leiterin der Freizeitanlage Chrüzacher, sagt: «Die Freiwilligen arbeiten sehr professionell.» Das nächste Repair-Café im Chrüzacher findet am 28. Mai statt.

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