Nutzlose Antibiotika

Lutschtabletten wie Mebucaïne enthalten unnötige Antibiotika. Sie tragen deshalb zur Resistenzbildung bei.

SaW Redaktion
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Foto: iStockphoto

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Schweiz am Wochenende

Von Andrea Söldli
Erkältungen und Grippen haben immer noch Hochsaison. Wenn die Nase trieft und der Hals brennt, sucht man gerne in der Apotheke nach einem Mittel, das die Beschwerden rasch lindert. Und verlässt das Geschäft kurz darauf mit Lutschtabletten. Doch was viele nicht wissen: Zahlreiche handelsübliche, rezeptfreie Medikamente wie etwa Mebucaïne enthalten neben schmerzlindernden Substanzen auch Antibiotika. Dies, obwohl Halsschmerzen zu 80 Prozent von Viren verursacht werden, gegen die Antibiotika nichts ausrichten können.
«Die Beimischung ist bestenfalls nutzlos, wenn nicht sogar schädlich», erklärt Stefan Zimmerli. Der Infektiologe an der Universität Bern engagiert sich gemeinsam mit Hausärzten und Apothekern für einen sachgemässen Umgang mit den Medikamenten. Die letztes Jahr gegründete Gruppe Next (Neue Expertenstrategie zur Therapie von Halsschmerzen) wird von der Firma Reckit Benckiser AG finanziert, die selber antibiotikafreie Halsschmerzmittel herstellt. Die Firma nehme aber keinen Einfluss auf die Aktivitäten von Next, sagt Zimmerli.
Antibiotika sind äusserst wirksame Mittel. Seit der Anwendung von Penicillin ab dem Zweiten Weltkrieg sterben weit weniger Menschen an Infektionskrankheiten. Doch wegen der verbreiteten Einnahme verlieren immer mehr Substanzen ihre Wirkung. Denn die Bakterien sind äusserst lernfähig. Durch ihre rasante Fortpflanzung sind sie schnell in der Lage, eine Resistenz zu entwickeln, und können sie an andere Stämme weitergeben. Immer mehr Menschen sprechen nicht mehr auf die gängigen Mittel an. Ärzte müssen dann auf sogenannte Reserve-Antibiotika zurückgreifen. Doch manche Patienten sind sogar gegen diese bereits resistent.
Es seien keine Resistenzen der in den Lutschtabletten enthaltenen Antibiotika bekannt, beteuert etwa die Firma Novartis, welche die Kassenschlager Mebucaïne, Mebu-Lemon, Mebu-Cherry sowie Lemocin herstellt. Die Firmen sind zudem der Meinung, die Mittel seien wichtig, um die eindringenden Bakterien zu dezimieren. Bei einer Vireninfektion geschehe es oft, dass die zahlreichen anderen Keime die Schwäche des Patienten ausnutzen und sich ebenfalls stark vermehren, heisst es vonseiten der Firma Melisana. Ihr Produkt Sangerol wirke lokal, ohne dass Tyrothricin vom Körper aufgenommen werde.
Eine andere Auffassung vertritt Christoph Fux, Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital Aarau: «Die in Lutschtabletten enthaltenen Antibiotika sind mitverantwortlich für die zunehmenden Resistenzen.» Die Mittel würden die Mund-und-Rachen-Flora ohne Nutzen zerstören, stellt der von der Gruppe Next unabhängige Arzt klar. Dabei sei eine ausgewogene Flora ein guter Schutz.
In vielen Ländern, zum Beispiel in Indien, sind Antibiotika frei zugänglich und werden zum Teil missbräuchlich eingenommen. Auch auf dem Schwarzmarkt und im Internet sind die Mittel erhältlich. Resistente Krankheitserreger können sich so auf der ganzen Welt verbreiten.
Markante Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern sind dennoch zu erkennen. Wo mit weniger und eher mit ursprünglichen Mitteln wie Penicillin gearbeitet wird, treten Resistenzen deutlich seltener auf. Die Schweiz steht im europäischen Ländervergleich relativ gut da. An einem durchschnittlichen Tag schlucken hierzulande lediglich 9 von 1000 Einwohnern ein Antibiotikum, während es in Frankreich über 30 sind.
Viele Ärzte würden einen zu lockeren Umgang mit Antibiotika pflegen, sagt Hans-Ulrich Kull, der sich ebenfalls für das Anliegen von Next einsetzt. In seiner Praxis in Küsnacht hat der langjährige Hausarzt immer wieder erlebt, dass Patienten Druck machen. «Viele stehen unter Stress und müssen schnell wieder arbeiten.»
Bei einer Grippe seien die Medikamente aber nutzlos, weil sie nämlich durch Viren ausgelöst wird. Statt vorgängig zu prüfen, auf welche Mittel das Bakterium anspricht, werde einfachheitshalber oft ein sogenanntes Breitband-Antibiotikum verschrieben, kritisiert Kull seine Kollegen.
Antibiotika beeinflussen die Darmflora nachhaltig. Neuere Tests haben nachgewiesen, dass die Zusammensetzung der zahlreichen verschiedenen Bakterien, die eine Funktion bei der Verdauung einnehmen, bis zu vier Jahre nach der Behandlung Veränderungen aufweist. Obwohl daraus keine direkten Beschwerden entstehen müssen, ist nicht auszuschliessen, dass dieses Phänomen langfristig negative Auswirkungen hat.
Der Bundesrat ist ebenfalls besorgt. Im letzten Sommer hat er ein landesweites Programm bereits lanciert. Bis erste Massnahmen umgesetzt werden, kann es jedoch noch dauern. So lange will Stefan Zimmerli nicht warten. Zusammen mit seinen Mitstreitern will er Apotheker dazu bewegen, vermehrt auf andere Mittel zu setzen. Um die Bevölkerung zu sensibilisieren, ziehe er eine Informationskampagne in Betracht, sagt der Arzt. Die Gruppe will darüber hinaus mit Pharmakonzernen das Gespräch suchen und sie motivieren, die Beimischungen künftig zu unterlassen.
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