Lehrstellen
Noch gibts freie Lehrstellen bei den Elektroinstallateuren und Malern

In diesen Tagen haben im Kanton Zürich über 12000 Schulabgängerinnen und Schulabgänger ihre Lehrstelle angetreten. Wer noch keine Lehrstelle gefunden hat,für den gibt es am 13. September im Laufbahnzentrum Zürich eine letzte Chance.

Alfred Borter
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Delio Brand, Spenglerlehrling im dritten Lehrjahr, beim Bördeln an einem Kupferring. abr

Delio Brand, Spenglerlehrling im dritten Lehrjahr, beim Bördeln an einem Kupferring. abr

In diesen Tagen haben im Kanton Zürich über 12000 Schulabgängerinnen und Schulabgänger ihre Lehrstelle angetreten, doch nicht in allen Bereichen waren Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht. Den grössten Lehrstellenüberhang gab es bei den Coiffeuren und Coiffeusen, noch frei waren Ende Juli auch noch Dutzende Lehrstellen für Elektroinstallateure, Sanitärinstallateure, Spengler, Polybauer (neue Bezeichnung für Dachdecker und verwandte Berufe), Maurer, Maler und so weiter.

Sind handwerkliche Berufe unter den jungen Leuten vielleicht weniger beliebt, weil man sich hier die Hände schmutzig macht? Das könne man so nicht sagen, erläutert Marc Kummer, Amtschef beim kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamt. Unter den meistgewählten Berufen seien auch typische Handwerkerberufe und Berufe in der Industrie vertreten.

Am liebsten Kaufmann

Allerdings ist es tatsächlich so, dass eine Lehrstelle als Kaufmann oder Kauffrau bei den Jungen sehr beliebt ist. Im Jahr 2009 ging es gemäss Bildungsstatistik ab November nur drei Wochen, bis die Hälfte der ausgeschriebenen 1600 Lehrstellen besetzt waren. Auf der andern Seite der Beliebtheitsskala stehen etwa Spengler und Sanitärinstallateur; auch Metzger (heute Fleischfachmann und Fleischfachfrau), Heizungsmonteur, Gipser oder Bäcker fanden sich im unteren Bereich der Hitliste. Bei diesen Berufen vergingen jeweils fünf bis sechs Monate, bis für die Hälfte der Lehrstellen eine Lehrtochter oder ein Lehrling gefunden war.

Spengler haben Mühe

Warum haben denn zum Beispiel die Spenglermeister eher Mühe, die angebotenen Lehrstellen zu besetzen? Josef Kälin, Präsident des Spengler- und Sanitärinstallateurverbands Zürich und Umgebung, gibt zu verstehen, dass sich leider häufig nicht die geeignetsten Schulabgänger um diese Lehrstellen bewerben. «Manche haben das Rüstzeug nicht, um die dreijährige Lehre zu bestehen», weiss er. Dazu komme, dass die Kolleginnen und Kollegen eines Jungen, der sich für eine Spengler- oder Sanitärinstallateurlehre entschieden hat, das nicht gerade cool fänden.

Dabei, sagt Kälin, sei der Spenglerberuf gerade im Zusammenhang mit dem Boom der Sonnenenergie nochmals breiter und interessanter geworden. Der Branchenverband Swissetec sei bestrebt, die Berufe der Gebäudetechnik im Bewusstsein der Jungen aufzuwerten. Für ihn ist klar: Der Spruch, wonach Handwerk goldenen Boden hat, ist wahr. «Es braucht uns Handwerker», sagt er, die Arbeit werde geschätzt und auch recht bezahlt.

Überaus vielfältig

Daniel Müller, Vizepräsident des Spengler- und Installateurverbands Zürich und Umgebung und Geschäftsführer der H. Kreiner AG in Zürich, bedauert, dass viele junge Leute gar nicht wüssten, was ein Spengler ist. Er beschäftigt in seinem Betrieb zwei Lehrlinge. Einer von ihnen ist Delio Brand. Er hat soeben das dritte Lehrjahr angefangen und bestätigt, der Beruf sei überaus vielseitig. Er weiss seit Kindsbeinen, was ein Spengler ist, ist doch sein Onkel ein Fachmann auf diesem Gebiet. Er schätzt es, dass er manchmal in der Werkstatt, oft aber auch draussen auf dem Bau arbeiten kann, und dass das, was er macht, etwas Handfestes ist.

«Es braucht ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen», bestätigt sein Lehrmeister, man muss messen, aufzeichnen, Pläne anfertigen, und dann geht es an die Anfertigung der aus Kupfer, Zink, Chromstahl oder anderem Material bestehenden Werkstücke. Zwar werden zum Teil Halbfabrikate verwendet, doch sehr oft braucht es viel Handarbeit, bis ein Stück genau die richtige Länge und Form hat.

Last Call für noch Unschlüssige

Übrigens: Für die Schulabgänger dieses Jahres, die bisher noch nichts Passendes gefunden haben, ist der Zug noch nicht abgefahren. So finden am 13.September im Laufbahnzentrum Zürich sowie in den Berufsinformationszentren Winterthur, Kloten und Uster Veranstaltungen unter dem Titel «Last Call» statt, mit dem Ziel, nochmals nach einer Lehrstelle oder einer Zwischenlösung Ausschau zu halten.

Sind denn die Schulabgänger, die keine Lehrstelle gefunden haben, zu wählerisch? Nein, sagt Bert Höhn, Vizedirektor der Laufbahnberatung Zürich. Seiner Beurteilung nach sind die Berufswünsche der Jungen in der Regel durchaus realistisch. Bei der Beratung werde durchaus darauf hingewiesen, in welchen Berufsfeldern noch offene Lehrstellen vorhanden seien, aber es komme natürlich stark auf die Persönlichkeit und die Eignung an, wer in welchen Beruf passe und wer nicht. «Unsere Aufgabe ist es, den Jungen und ihren Eltern eine gute Information zu geben», sagt er, und nicht, sie beruflich in eine Richtung zu schieben, die ihnen dann doch nicht zusage.

Anforderungen sind höher als früher

Höhn stellt fest, dass manche Lehrverhältnisse nicht zustande kommen, weil die Lehrmeister gegenüber früher deutlich höhere Anforderungen an die Jungen stellten. Neben den schulischen Leistungen seien auch Persönlichkeit und soziale Kompetenz ausschlaggebend. Für Höhn wäre es wichtig, dass vor allem auch mehr zweijährige Lehren für schulisch schwächere Absolventen angeboten würden, die berufliche Grundbildung mit eidgenössischem Berufsattest.

Daniel Müller hat soeben einem Jungen die Möglichkeit gegeben, eine solche Lehre zu absolvieren. Er hofft allerdings, dass der Bursche etwas später noch auf die normale Berufslehre umschwenkt, die mit dem Qualifikationsverfahren abschliesst. «Wir brauchen den Nachwuchs», betont er.