Giftschlamm
Niemand will die Verantwortung tragen

Ungarn Die beim Unfall in einer Aluminiumfabrik ausgelaufene Lauge vernichtet Leben.

Jindra Kolar, Prag
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Von hoch oben sieht die Landschaft zwischen dem westungarischen Ajka und dem Fluss Raab wie ein waidwundes Tier aus. Ein Meer roten Schlammes ergiesst sich in die Landschaft und adert aus. Die Flüsse Marcal und Raab haben die Rotschlammbrühe weitergetragen, bis in die Donau sind die Ausläufer gelangt. Die Lauge vernichtet Leben: In der Marcal gibt es keine Fauna mehr, in der Raab sterben die Fische wie auch bereits in der Donau hinter Györ. Die Katastrophenschützer versuchen, das Übelste zu verhindern. Die Politiker versuchen, das Übel kleinerzureden, als es ist. Und die Aluminiumindustrie von Ajka, die ungarische Aluminium-AG MAL Zrt., versucht jegliche Verantwortung von sich zu schieben.

Sorglosigkeit im Aluminiumwerk

Vier Menschen mussten am Dienstag nach dem Auslösen der Flutkatastrophe sterben, ein fünftes Todesopfer erlag im Krankenhaus seinen schweren Laugenverätzungen. Drei Menschen werden noch immer vermisst, es ist fraglich, ob man ihre Leichen je unter den Schlammmassen finden wird. Kolontar, der vom Schlamm am schlimmsten betroffene Ort, wird – das räumte selbst Premier Viktor Orban ein – kein Ort des Lebens mehr sein. Einen Drittel aller Häuser hat die Flut sofort mit sich gerissen. Doch auch in den verbliebenen Gebäuden hat sich der rote, wahrscheinlich giftige Schlamm in die Mauern gefressen, sodass nur noch der Abriss übrig bleibt. Hatten die Einwohner die Gefahr nicht gesehen? Hatte die MAL wirklich geglaubt, die Deponien seien für alle Zeiten sicher? Ein Sprecher des Unternehmens erklärte, die lang anhaltenden Regen seien schuld an der Katastrophe. Doch wenn es tage- und wochenlang regnet, trifft dann das Unternehmen nicht die Sorgfaltspflicht, alltäglich die Stabilität der Dämme zu prüfen und, wo Gefahr in Verzug, Abhilfe zu schaffen? Wo sind die Verantwortlichen und wo die Regulative, die solche Katastrophen wie diese Woche geschehen verhindern könnten?

Umweltminister gestrichen

Im Mai hat die Mitte-Rechts-Koalition von Viktor Orban die Regierungsmacht in Budapest übernommen. Eines der Wahlversprechen Orbans war, den Apparat zu verschlanken. Dass ausgerechnet das Umweltministerium darunter fallen würde, ist angesichts von Klimawandel, Umweltkatastrophen und ständig dazu einberufener internationaler Umweltgipfel ein unglaublicher Vorgang. Die MAL AG versichert, dass ihr Tonerdebetrieb in Ajka den modernsten Umweltnormen entspricht, die Sicherheit nach der EU-Norm ISO 14001 zertifiziert ist. Risse im Damm sind da nicht vorgesehen – Schlamperei oder vorsätzliches Wegsehen aus Kostengründen?

Gefahr auch andernorts

Rotschlamm ist das Hauptrestprodukt bei der Laugenauswaschung von Bauxit. Aus dem Erz wird Aluminiumoxid gewonnen, der Rohstoff zur Herstellung des für die Flug- und Fahrzeugindustrie benötigten Leichtmetalls. Übrig bleiben Massen von eisenoxid- und natronlaugenhaltigem Rotschlamm, der dann zumeist in offenen Deponien gelagert wird. Dies praktiziert man nicht nur in Ungarn so, sondern auch in Südafrika (Gauteng), Kanada (US Aluminium Ontario) und Deutschland (Aluminiumoxid GmbH Stade).

In Ungarn kommt die Vorsicht zu spät. Jetzt ist Handeln gefordert, Hilfe von aussen wird erwünscht. Dies nicht nur aus der benachbarten Slowakei, die aufgefordert wurde, die Schleusen des Staudammes Gabcikovo zu öffnen, um durch verstärkten Wasserzufluss die Laugenkonzentration der Donau zu verdünnen. Die fliesst nach Györ noch durch ganz Ungarn, Rumänien und Bulgarien – ein riesiges Ökosystem ist bedroht, das zu retten der Anstrengung der ganzen EU bedarf.