Triathlon
Nicola Spirig: «Ich fühlte mich unterwegs wie in der Disco»

Die Schweizer Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig über ihren Triumph in London, den emotionalsten Moment nach dem Zieleinlauf und die Ambiance im Hyde Park.

Jörg Greb, London
Merken
Drucken
Teilen
Nicola Spirig, unterwegs zu Gold.

Nicola Spirig, unterwegs zu Gold.

Nicola Spirig, welches war der emotionalste Moment nach dem Olympiasieg?

Nicola Spirig: Etwas Einzelnes herauszustreichen, fällt mir schwer. Sehr emotional war die Siegerehrung. Sie rührte mich. Ich dachte an meinen 93-jährigen Grossvater, der das Rennen zu Hause vor dem Fernseher verfolgte.

Was bedeutet Ihnen der Triumph?

Enorm viel. Ich habe so viel dafür investiert, habe so viele Stunden trainiert und während zweier Jahre auf dieses Ziel hingearbeitet. In dieser Zeit forderte ich von mir viel und ich hatte mich mental ebenso sehr mit dieser Herausforderung befasst. Ich war fokussiert, fokussiert, nur auf diesen Tag. Ich hatte von mir sehr viel erwartet. Jetzt habe ich dieses Höchste erreicht. Noch kann ich es kaum fassen, noch sind mir die Dimensionen nicht klar.

Im Ziel hatte Ratlosigkeit geherrscht und es schien, als wüssten Sie nicht, wie Ihnen geschah, die Schwedin Lisa Norden jubelte. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Es war eine extrem knappe Entscheidung. Ich glaubte, dass ich das Zielband zuerst erreichte hatte, aber die Gewissheit hatte ich nicht. Dass Lisa jubelte, irritierte. Offenbar freute sie sich so oder so, einfach über die Medaille. Ich aber wollte wissen, welche es nun ist. Ich erkundigte mich bei den Offiziellen, doch die konnten vorerst auch nicht weiterhelfen. Die Anspannung war riesig.

Auf den letzten 300 m sind Sie schier unwiderstehlich geworden, wie sich etwa an den Schweizer Leichtathletik-Meisterschaften über 5000 m gezeigt hatte. Sämtliche Spezialistinnen hatten gegen Sie keine Chance.

Finishen ist eine Stärke von mir, ja. Darauf zu verlassen aber traute ich mich nicht. Nachdem mich Muskelkrämpfe in den Beinen auf dem Velo hellhörig machten, änderte ich meine ursprünglich vorgezogene Taktik. Ich vertraute auf einen längeren Steigerungslauf.

Was ging Ihnen durch den Kopf als Lisa Norden näher und näher kam?

Das Vertrauen in meine Winnerqualitäten blieb unverändert. Ich war immer sicher, dass es reicht. Das Aufkommen von Lisa aber kam für mich nicht überraschend. Ich sah auf der Grossleinwand, wie der Abstand schmolz. Dass es am Schluss derart knapp werden würde, überraschte mich, und dass ich meinen Oberkörper nach vorn hätte werfen sollen beim Zielband, kam mir in diesem Augenblick nicht mehr in den Sinn.

Wie wichtig ist der Ausgang für Sie gewesen?

Ich wollte gewinnen, aber wenn mich Lisa überholt hätte, hätte ich dies akzeptiert und mich über Silber gefreut. Ich konnte ein Toprennen zeigen, wie ich es mir vorgenommen hatte. Und der Rennverlauf entsprach genau dem, was mir mein Trainer Brett Sutton prognostiziert hatte. Die Sicherheit im Kopf war ein entscheidender Faktor. Ich war bereit, auf verschiedenste Rennkonstellationen angemessen zu reagieren und ebenso zu agieren.

Das Rennen im Hyde Park war ein Publikumsmagnet. Wie erlebten Sie die Ambiance?

Sie war unglaublich, diese Zuschauermassen. Und sie waren extrem laut. Das kennen wir Triathleten sonst so nicht. Ich fühlte mich von den Dezibel her wie in der Disco, umso spezieller waren die wenigen Abschnitte ohne Publikum.

Wie geht es nun weiter?

Das kann ich noch nicht sagen. Aufhören scheint mir nach einem solchen Triumph schwer möglich. Aber was das heisst, will ich noch völlig offen lassen. Dazu brauche ich etwas Distanz.