Langenthal
Neue Märkte bringen Lantal Textiles AG neuen Schwung

Allen weltwirtschaftlichen Wirren zum Trotz präsentiert die in der Region angesiedelte und produzierende Lantal Textiles AG für das vergangene 125. Geschäftsjahr überraschend gute Zahlen. Diversifizierung führt das Unternehmen auf die Erfolgsstrasse

Samuel Thomi
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Geschäfsleiter der Lantal, Urs Rickenbacher, und Urs Baumann, ehemaliger Inhaber und heutiges Vorstandsmitglied
21 Bilder
Lantal erfand ein neuartiges Polster mit Luft- statt Schaumstofffüllung
Das am besten laufende Produkt - Stoff Nr. 6650
Auch mit Spiegelchen im Teppich wurde experimentiert
Die Ausstellung befindet sich im ehemaligen Fabrikraum 5 in Melchnau
Ein neueres Produkt ist der bereits plissierte Vorhang
Das Design für die Sitzbezüge der Postautos entwickelte Lantal
Experiment mit Lochkarten der Webmaschinen - vielleicht ein neues Design
Mit diesem Brandkoffer überzeugte Urs Baumann die Luftfahrtindustrie von seinem schwer entflammbaren Wollstoff
Die Webschiffe
Einmal entwickelte Lantal ein Design aus der Vogelperspektive
Lehrlinge experimentierten mit Kartons - vielleicht gibt es dereinst Stoff mit solchem Muster
Stoff gefärbt mittels Spritztechnik
Rickenbacher zeigt, wie Garn-Spuhlen für die Färbung vorbereitet werden
Der fertig gewobene Teppich wird ein erstes Mal gereinigt
Lantal-CEO Urs Rickenbacher präsentiert die Jahreszahlen 2011
Vorbereitete Spuhlen mit verschiedenen Garn-Sorten
Garn-Spuhlen werden mit Weber-Knöpfen laufend ersetzt
Das angelieferte, gefärbte Garn wird zum Verweben vorbereitet
Zweite, manuelle Kontrolle der Teppiche von Auge
Lantal Textiles AG in Melchnau

Geschäfsleiter der Lantal, Urs Rickenbacher, und Urs Baumann, ehemaliger Inhaber und heutiges Vorstandsmitglied

az Langenthaler Tagblatt

Lantal ist mit drei Standorten in Langenthal, Melchnau und Huttwil in der Region stark verwurzelt. An der ersten Bilanzmedienkonferenz am Standort Melchnau - vor gut einem Vierteljahrhundert wurde die traditionsreiche Teppichfabrik Melchnau von der damaligen Möbelstoffweberei Langenthal übernommen - zeigte sich CEO Urs Rickenbacher gestern zuversichtlich «trotz schwierigsten Marktverhältnissen mit dem starken Franken und steigenden Rohstoffpreisen».

Produzierte Lantal Textiles 2011 doch 95 Prozent (Vorjahr: 94 Prozent) für den Export. Gegenüber 2010 konnte der Gesamtumsatz letztes Jahr um 3 Prozent auf 85 Millionen Franken gesteigert werden. «Auch letztes Jahr wurde ein Gewinn erwirtschaftet», so Rickenbacher. Den Umfang macht das privat geführte Unternehmen jeweils nicht publik. «Anders als im Geschäftsjahr 2010 zahlen wir diesmal allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern jedoch wieder einen Bonus.»

Die Mitarbeiter-Zahl sank zwar nochmals leicht um 27 auf noch 344 Personen. «Seit bald einem Jahr haben wir aber keine Kurzarbeit mehr», so Rickenbacher. «Im Gegenteil, die Anlagen sind heute bestens ausgelastet». Bevor allenfalls wieder neue Mitarbeiter eingestellt werden, werde aktuell meist im Dreischichtbetrieb gearbeitet.

Technologie hat definitiv Fuss gefasst

Produktion in Asien

Am stärksten (+ 47,9 Prozent) wuchs Lantal 2011 im Bereich «Pneumatische Systeme». Dieser steuert allerdings erst 2,3 Millionen Franken zum Umsatz bei (s. auch Haupttext). Am zweitbesten wuchs der «Luftverkehr» (+ 4,2 %/66,1 Mio. Umsatz) - vorab in Europa, Nordamerika und im Fernen Osten.

Umsatz verloren hat Lantal hingegen beim «Bodenverkehr» (- 5,1%/13,9 Mio.) und «Kreuzfahrtschiffe» (- 43,7 %/0,26 Mio.).

Nebst der Diversifizierung des Geschäfts macht sich Urs Rickenbacher auch Gedanken, wie das Unternehmen auf das rasante Wachstum im asiatischen Raum reagieren soll. «In zwei bis drei Jahren werden wir uns entscheiden müssen, ob wir auch in China oder sonst wo produzieren wollen.»

Vorab China macht nämlich Druck auf ausländische Hersteller, die abgesetzten Waren auch vor Ort zu produzieren. Aktuell bauen China (Comac) und Russland (UAC) je ein eigener Flugzeughersteller als Konkurrenz zu Boeing (USA) und Airbus (Europa) auf. Mit beiden Firmen sei Lantal im Gespräch: «Diese neue Produktion muss aber nicht zwingend zulasten der Standorte in der Schweiz gehen», sagt Rickenbacher.

Auf die Frage, ob allenfalls ein Börsengang Thema sei, verneinte Urs Rickenbacher deutlich. Mit aktuell 78 Prozent ist der CEO Mehrheitsaktionär. Der 53-Jährige übernahm die Firma vor neun Jahren als externe Nachfolgeregelung. Vier Management-Partner halten zwölf Prozent der Lantal; und die ursprüngliche Unternehmerfamilie Baumann zehn Prozent. (sat)

Nach erfolgreichen Tests, der Einführung und hohen Zufriedenheit der Fluggesellschaft Swiss gab kürzlich deren deutsches Mutterhaus Lufthansa bekannt, ihre Langstreckenflieger ebenfalls mit Lantal-Luftkissensitzen bestücken zu wollen. Dazu kommen sieben Flugzeuge der Brussels-Airline und Flieger der Austrian Airline. Mit weiteren drei Fluggesellschaften seien Verträge unterzeichnet; Namen dürfe er aber noch keine nennen, so Rickenbacher. Und nochmals vier weitere Gesellschaften seien ebenfalls ernsthaft interessiert.

Im Bereich Innenausstattung von Flugzeugen sei mit Bezügen für über 200 Flugzeuge der Turkish Airlines ein neuer grosser Kunde gewonnen worden. Ein weiteres Grossprojekt sei die Erstausstattung von 420 Flugzeugen der jungen philippinischen Fluggesellschaft Lion Air. Oder die 95 von 103 bisher ausgelieferten Boeing 787: Auch die meisten «Könige der Lüfte» sind innen mit Lantal-Produkten ausstaffiert. Rickenbacher: «Das zeigt auch, wie wichtig die letztes Jahr abgeschlossene Zertifizierung der Lantal als Zuliefererin des Luftverkehrs- und Bahnmarktes war.»

«Zertifizierung äusserst wichtig»

Denn im Bodenverkehrsgeschäft - insbesondere im Eisenbahn-Langstreckenverkehr - beobachtet Rickenbacher eher unerwartet ebenfalls eine steigende Nachfrage: «Um beim Komfort mit den Fluggesellschaften mithalten zu können, investieren immer mehr grosse Bahngesellschaften wie die französische SNCF in bequemere Sitze.» Aber auch im Nahbereich, der S-Bahn Bern (BLS), den neuen Doppelstock-Regio-Zügen der SBB oder zahlreichen neuen französischen Trams, werden Lantal-Produkte eingesetzt.

Wollspinnerei Huttwil

Als Nachfolgelösung übernahm Lantal Textiles vor vier Jahren die Wollspinnerei Huttwil. «Dass wir im Teppichgeschäft die ganze Wertschöpfungskette von den Schafen in Neuseeland und Australien über Huttwil bis zur Produktion in Melchnau und Langenthal kontrollieren, wird immer wichtiger», sagt dazu Lantal-CEO Urs Rickenbacher.

«Der nächste Betrieb, der uns dieselben Rohstoffe in derselben Qualität liefern kann, ist in Lettland angesiedelt.» Ein weiterer Vorteil Huttwils sei die hohe Liefersicherheit. «Die internationale Konkurrenz um die Rohstoffe nimmt derart zu, dass dies ein immer wichtigerer Punkt wird.»

In Huttwil arbeiten aktuell gut 40 Personen. 95 Prozent der Produktion wurde letztes Jahr an die Lantal geliefert. (sat)

Wichtig sei ihm nicht das Wachstum um jeden Preis, sondern in Themen führend zu sein, betonte Urs Rickenbacher. Entsprechend würden Gesamtlösungen für die Kunden an Bedeutung gewinnen. Ebenso wie Fertigprodukte, respektive der Geschäftsbereich «Parts und Services».

In extremis sind dies Einzelanfertigungen für Scheichs oder Popstars, wo der Preis zweitrangig ist. Dann werden in den Produktionshallen - aktuell etwa für einen Business-Jet-Teppiche nach Mass angefertigt.