Wochenkommentar
Nach Salez: Die Polizei muss besser kommunizieren

Nach der Zugattacke von Salez war der Kommunikationsfluss der Kantonspolizei St. Gallen sehr harzig und es wurde nur preisgegeben, was klar ist. Chefredakteur Christian Dorer findet: Die Kommunikation muss in solchen Fällen funktionieren – ähnlich wie beim Amoklauf in München.

Christian Dorer
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«Bei Live-Information besteht das Risiko von Falschmeldungen. Aber es ist das kleinere Übel, als wenn Panik durch Unwissen verstärkt wird» findet Chefredaktor Christian Dorer

«Bei Live-Information besteht das Risiko von Falschmeldungen. Aber es ist das kleinere Übel, als wenn Panik durch Unwissen verstärkt wird» findet Chefredaktor Christian Dorer

KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

Jetzt also auch bei uns! Die Attacke vom Samstag in einer S-Bahn bei Salez SG schockiert die Schweiz auch deshalb, weil sie im öffentlichen Verkehr erfolgte, der als sicher gilt – und weil sie uns vor Augen führt: Wir sind genauso erfasst von dieser Welle aus Terroranschlägen und Amokläufen, die derzeit über Europa rollt. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es das eine oder das andere war, also ein IS-Anhänger oder ein Verrückter, der diese Welt mit möglichst viel Leid für andere Menschen verlassen will. Der Effekt der Tat ist einerlei, für die Opfer und ihre Angehörigen sowieso, aber auch auf das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung: Niemand kann sich nirgends mehr sicher fühlen.

Auf jede Tragödie folgen politische Forderungen

Gegen 14.20 Uhr giesst ein Schweizer, 27, kurz vor dem Bahnhof Salez-Sennwald SG in der S4 brennbare Flüssigkeit aus, zündet sie an und geht mit einem Messer auf Passagiere los. Eine Frau ist tot, eine zweite schwebt in Lebensgefahr, eine dritte Frau sowie zwei Männer und ein 6-jähriges Mädchen erleiden schwere Verletzungen. Ein Motiv für die Tat ist bis heute nicht erkennbar. Publik werden persönliche Probleme des Täters, und wie nach jeder Tragödie tauchen politische Forderungen auf. Die Eisenbahnergewerkschaft schreibt: «Wir sind überzeugt, dass Zugpersonal auf allen Zügen für deutlich mehr Sicherheit sorgen würde.» Als ob ein Kondukteur die Tat hätte verhindern können, selbst wenn er sich zufällig gerade im richtigen Wagen befunden hätte.

Solche Forderungen entstehen zum Teil aus politischem Kalkül, weil in diesem Fall plötzlich niemand mehr gegen mehr Zugbegleiter sein kann. Zum Teil dient Aktivismus aber auch als Beruhigungsmittel, weil das Gegenteil schwer zu ertragen ist: die Einsicht, dass sich unsere Gesellschaft nicht schützen lässt; wer töten will, wird immer einen Weg finden.

Aus Sicht der Polizei war die Lage rasch übersichtlich: Der Täter lag unter den Schwerverletzen (und starb später im Spital), weitere Gefahr ging nicht aus. Ohnehin hat man den Eindruck, dass auch in der Schweiz die Sicherheitsorgane auf die erhöhte Gefahr reagiert haben und vorbereitet sind. Die Polizei markiert an neuralgischen Punkten vermehrt Präsenz, zum Teil hat sie ihre Ausrüstung angepasst, und bei allen, die mit Sicherheit zu tun haben, ist eine neue Ernsthaftigkeit festzustellen – bis hin zum Rekruten, der auf einem Wachtposten am WEF steht.

Der Fall Salez hat jedoch eine andere Schwäche zutage gefördert: die Kommunikation. Und die kann entscheidend sein. Was, wenn in einer Schweizer Grossstadt an mehreren Orten gleichzeitig Anschläge verübt würden, wenn es zu Geiselnahmen käme, der Verkehr zusammen- und Panik ausbräche? Da muss die Polizei sehr rasch entscheiden, worüber sie wann und auf welchen Kanälen informiert. Richtige Kommunikation wäre entscheidend, um die Lage zu beruhigen.

Dann darf nicht passieren, was in St. Gallen passiert ist: dass ein zufällig diensthabender Sprecher von den internationalen Medien geradezu überrollt wird. Er konnte nicht genug Englisch, um präzis Auskunft zu geben. Und einen Twitter-Account hat die St. Galler Polizei zwar vor drei Jahren reserviert, «aber noch nicht aktiviert», wie der Medienchef im Nachgang erklärte. Sehr rasch sagte die Polizei, sie gehe nicht von Terror aus – doch wie will sie das wissen, bevor sie Computer und Handy des Täters analysiert hat? Später sagte sie dann überhaupt nichts mehr, weil sie nur absolut gesicherte Informationen preisgeben wollte.

Dem Polizeisprecher ist kein Vorwurf zu machen – wer rechnet im beschaulichen Rheintal schon damit, plötzlich im internationalen Fokus zu stehen? In diesem Fall waren die Unzulänglichkeiten auch nicht weiter schlimm, weil der Fall rasch geklärt war. Aber eben: Was wäre bei einem Grossereignis? Ist jedes Polizeikorps wirklich darauf vorbereitet?

Schluss mit Kantönligeist – her mit Kommunikationsprofis

Die Schweiz sollte sich Gedanken machen, ob es richtig ist, dass hier jeder Kanton für sich arbeitet. Braucht es nicht eine kommunikative Eingreiftruppe, zum Beispiel unter der Leitung der Bundeskanzlei, die sofort irgendwo im Lande den kantonalen Polizeikorps zur Verfügung stehen würde, wenn ein Ernstfall eintrifft? Und die dann wüsste, wie zu reagieren ist?

Ein solches Team könnte sich ein Beispiel nehmen an der Polizei von München. Diese hat viel Lob erhalten für ihr Verhalten beim Amoklauf im Stadtzentrum von Ende Juli. Über Twitter forderte sie die Bevölkerung auf, in ihren Wohnungen zu bleiben, sie informierte laufend über den Stand der Dinge – und die klassischen Medien gaben das alles an die breite Bevölkerung weiter. Dabei gingen auch Informationen raus, die sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben, die Meldung zum Beispiel, dass es sich um drei Täter handle. Dieses Risiko besteht bei Live-Information. Aber es ist das kleinere Übel, als wenn in einer Millionenstadt Panik durch Unwissen verstärkt wird.