Haiti/Brugg
Nach Hurrikan: Nun bereiten sie sich auf die Choleraepidemie vor

Kinderärztin Barbara Hänggli sagt, wie sie den Hurrikan erlebt hat und welche Arbeit im Spital Albert Schweitzer ansteht. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann, der auch Kinderarzt ist, und den beiden Kleinkindern seit über vier Monaten auf Haiti. Dass sie auf so viele schwer kranke Kinder treffen, hätten sie nicht gedacht.

Claudia Meier
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Schweizer Kinderärzte in Haiti

Schweizer Kinderärzte in Haiti

ZVG

Der Hurrikan Matthew tobte am 4. Oktober über Haiti. Barbara Hänggli (37) und Csongor Deak (38) waren froh, dass sie ihren zivilen Hochzeitstag nicht wie ursprünglich geplant am Strand der Karibikinsel feierten. Die gebürtige Bruggerin und ihr Zürcher Mann sind Kinderärzte. Seit gut vier Monaten leben sie mit ihren beiden Kindern (zweieinhalb Jahre und elf Monate alt) auf Haiti und arbeiten am Hôpital Albert Schweitzer (HAS).

Vorbereitet dank Internet

Ursprünglich hatte die Familie genau in jener Woche Ferien am Meer geplant, die sie dann kurzfristig absagen musste. «Da sich der Hurrikan Matthew langsam auf uns zu bewegte, hatten wir Zeit, um Lebensmittel- und Trinkwasservorräte einzukaufen, sowie das alte Haus, so gut es ging, abzudichten», erzählt Barbara Hänggli. Dank der weiterhin funktionierenden Internetverbindung konnten sie sich stets über die aktuelle Lage des Hurrikans informieren und mit ihren Familien und Freunden in Kontakt bleiben. «Die Prognosen zeigten, dass das Sturmzentrum uns nicht voll treffen, sondern westlich vorbeiziehen sollte», so die Bruggerin.

Doch die Satellitenbilder sahen alles andere als beruhigend aus. Als das Auge des Wirbelsturms nur noch wenige Kilometer entfernt war, herrschte eine gespenstische Ruhe auf dem Spitalareal. «Es hatte kaum Menschen auf der Strasse. Auch wir blieben aus Sicherheitsgründen zu Hause», sagt die Ärztin. Es regnete konstant. Spätabends dann war die Erleichterung gross: Ihr Wohngebiet Deschapelles mit den umliegenden Bergen, rund 30 Kilometer im Landesinnern, wurde vom Hurrikan weitgehend verschont. Es gab kaum Verletzte.

Stärkster Hurrikan seit Jahrzehnten

Im Süden und Südwesten von Haiti sieht die Lage hingegen völlig anders aus. «Hier hat der stärkste Hurrikan seit Jahrzehnten mit einer Spitzengeschwindigkeit von bis zu 230 Stundenkilometer zu einer erneuten humanitären Katastrophe geführt», sagt Hänggli. Die Bruggerin war beeindruckt, dass die Einheimischen im Gegensatz zu einigen ausländischen weissen Mitarbeitern auf dem HAS-Campus die ganze Zeit ruhig blieben.

Als Hänggli und ihr Mann nach Notfallplänen und Sandsäcken etc. fragten, antworteten die Einheimischen: «Sorgt euch nicht, wir sind durch die Berge geschützt.» Und sollte der Ernstfall dennoch eintreffen, setze man auf die bewährte Tugend: Improvisation! Das HAS konnte die Versorgung der Bevölkerung auch während des Hurrikans aufrechterhalten. Einzig zwei von sechs Gesundheitsstationen im Einzugsgebiet des Spitals mussten wegen Schlammlawinengefahr vorübergehend geschlossen werden. «Nun stellen wir uns auf eine Choleraepidemie ein, die bereits begonnen hat», sagt Hänggli zur aktuellen Lage.

«Das hat uns erschüttert»

Ein ständiges Problem für die Haitianer ist der Kampf um das Essen und gegen den Hunger. Die 37-Jährige betont: «Die Schäden durch den Hurrikan sind hier im Artibonite-Tal zwar nicht vergleichbar mit denjenigen im Süden des Landes.» Aber: In den Bergdörfern hätten Überschwemmungen zu Schäden in der Landwirtschaft geführt. Kurz darauf seien die Nahrungsmittelpreise auf dem Markt angestiegen und Importprodukte könne sich ein Haitianer nicht leisten. Viele Einheimische in der Bergregion sind mangelernährt.

Spenden für Albert-Schweitzer-Spital sind willkommen

Cholera ist eine schwere bakterielle Infektionskrankheit. Meist erfolgt die Infektion über verunreinigtes Trinkwasser oder infizierte Nahrung. Die Bakterien können extremen Durchfall und starkes Erbrechen verursachen. Jede Geldspende ist willkommen und hilft dem Hôpital Albert Schweitzer, der Bevölkerung des Artibonite-Tals auf Haiti weiterhin eine gute medizinische Versorgung zur Verfügung zu stellen. Postkonto 90-180966-3 (IBAN CH09 0900 0000 9018 0966 3) oder Bankkonto GKB, 7002 Chur (IBAN CH17 0077 4110 3936 0660 0). Mehr Infos finden Sie hier. (CM)

Barbara Hänggli und Csongor Deak rechneten ursprünglich nicht damit, dass sie bei ihrer Arbeit auf so viele unterernährte und schwer kranke Kinder treffen würden. Bereits die Mütter seien mangelernährt, deren Muttermilch genüge daher nicht für ein gutes Wachstum und eine gesunde Entwicklung der Babys, sagt die Ärztin. «Immer wieder kommen Kinder zu uns ins Spital, die aus Haut und Knochen bestehen. Sie haben mit einem Jahr etwa das Gewicht von einem zweimonatigen Säugling in der Schweiz – zirka vier Kilogramm. Das hat uns erschüttert.»

Mehr Patienten als Betten

Hänggli und ihr Mann sind am HAS angestellt, um das kleine Kinderärzteteam zu unterstützen und qualitative Fortschritte in der Kinderklinik zu erzielen. Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt. Das HAS arbeite seit vielen Jahren über der Kapazitätsgrenze, sagt die Bruggerin. «Es gibt wenig Platz und zu wenig Personal.»

Der ehemalige HAS-Chefarzt Rolf Maibach betont immer wieder: Die Haitianer sind Weltmeister im Improvisieren. Die theoretische und offizielle Bettenzahl ist 131 (65 davon für Kinder). Häufig werden laut Hänggli aber mehr Patienten aufgenommen. Das Personal habe sich daran gewöhnt. Aus Platzmangel lägen die Patienten dann im Flur. Während der letzten grossen Choleraepidemie sei die entsprechende Station derart überfüllt gewesen, dass die Patienten zusätzlich in Zelten behandelt werden mussten.

Jetzt ist erst recht Hilfe gefragt

Da Hänggli und ihr Mann mit den Kindern in Haiti leben, wechseln sie sich für die Arbeit im Spital wochenweise ab. Der Partner arbeitet jeweils von zu Hause aus am Projekt der Qualitätsverbesserung an der Kinderklinik. Die Hurrikan-Erfahrung hat nichts an ihren Plänen geändert. Im Gegenteil: «Die aktuelle Situation ist für uns ein Grund mehr, um den Menschen hier zu helfen», bilanziert Hänggli. Auch ohne Hurrikan sei Haiti ein Land, wo es an allen Ecken und Enden fehlt. Ihr Arbeitsvertrag am HAS läuft bis Ende Mai 2017. Im Januar wird das Ärztepaar entscheiden, ob es noch länger bleiben wird.

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