Langenthal
Nach dem Tötungsdelikt bleibt die Frage: Hat Langenthal ein Problem?

Nach dem Tötungsdelikt in Langenthal beschäftigt die öffentliche Sicherheit Bevölkerung und Behörden. Bis im Herbst wird nun ein neues Sicherheitskonzept erarbeitet.

Marco Wölfli und Samuel Thomi
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Aktionen wie die im Jahr 2003 lancierte Aktion «Grüessech» sollen Gewalt und Aggressionen verhindern. (Archiv)

Aktionen wie die im Jahr 2003 lancierte Aktion «Grüessech» sollen Gewalt und Aggressionen verhindern. (Archiv)

«Sie haben wohl ab und zu Alkohol getrunken und sind mit den falschen Leuten rumgehangen», zitierte der «Blick» gestern E.K*. Dass ihre zwei Söhne Freitagnacht die Störköchin und Escort-Dame Claudia B. umgebracht haben sollen, kann sich die 50-jährige Langenthalerin aber nicht vorstellen.

Dann fügt J. und K.s Mutter an: «Das alles ist so schlimm, ich weiss nicht, wie ich damit umgehen soll. Aber auch wenn meine Söhne diese Tat begangen hätten, sie werden immer meine Söhne bleiben.»

Mehrfach negativ aufgefallen

Nebst dem persönlichen ist derzeit auch das politische Umfeld Stadtgespräch, in dem sich der 25-jährige J. und der 23-jährige K. bewegt haben. Der gelernte Maurer J. ist nicht nur befreundet mit namhaften Exponenten der Langenthaler Sektion der Partei national orientierter Schweizer (Pnos). Aus einem deutschen Versandhandel liess er sich auch rechtsradikales Material schicken (az Langenthaler Tagblatt berichtete). Laut «Berner Zeitung» ist J. zudem vorbestraft. Als 20-Jähriger zündete er an der Aarwangenstrasse eine Garage an und zerstörte zwei Autos. Vor Gericht gabs dafür zwei Jahre bedingt.

Auch im Quartier fielen die zwei jungen Herren mehrfach negativ auf. So soll J. ein Hausverbot für die Wohnung seines jüngeren Bruders haben. Und laut Tele Bärn schaute mehrfach die Polizei wegen Ruhestörung vorbei. Dazu fürchten sich insbesondere Anwohner mit Migrationshintergrund und Ausländer vor dem Brüderpaar.

Auch wenn dies viele Langenthalerinnen und Langenthaler nicht gerne lesen: Gibts vielleicht doch einen Zusammenhang zwischen Tat und Ort? Hat die Stadt ein verdrängtes Problem mit Gewalt oder rechtsextremen Kreisen? Solange die Pnos im Stadtrat vertreten war, wurde die Partei ja primär als Image- und nicht als gesellschaftliches Problem betrachtet.

Sicherheitskonzept bis Herbst

Verantwortlich für das Ressort Öffentliche Sicherheit ist Gemeinderat Rolf Baer (FDP). Für ihn ist klar: «Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung bewegt sich im kantonalen Schnitt.» Er bezieht sich auf eine letztjährige Umfrage der Kantonspolizei, die das objektive und subjektive Sicherheitsgefühl bewertete. – Darüber wurde öffentlich bisher allerdings noch nie informiert.

Der Gemeinderat wolle sich nun aber verstärkt mit dem Thema beschäftigen. Bis Herbst soll ein Sicherheitskonzept vorliegen. Doch bereits jetzt werde viel in die öffentliche Sicherheit investiert, betont Baer im Gespräch. Dazu würden die aufgestockten Polizei- und Securitaspatrouillen genauso gehören wie das Projekt SIP (Sicherheit, Intervention, Prävention) oder ein Faltblatt für Eltern und Schüler zum Verhalten im öffentlichen Raum. Dieses wurde letztes Jahr an allen Schulen verteilt.

«Grüessech» kann Wunder wirken

Baer räumt aber ein, dass die Stadt teils an ihre Grenzen stösst: «Geht es um Jugendliche, stehen primär die Eltern in der Verantwortung. Dazu kommt, dass die Stadt bei Problemen auf privaten Grundstücken wenig Handlungsspielraum hat.» In letzter Zeit lag der Fokus der öffentlichen Debatte vorab auf der Randständigen-Szene. Die Rechtsextremen verschwanden aus dem Blickfeld.

Das schwierige Verhältnis der Region und ihrer rechtsextremen Szene war vor neun Jahren Auslöser der «Grüessech»-Kampagne, die sich gegen Gewalt und Anonymität richtete. «Grüessech» prangte überall auf Klebern, Plakaten und Taschen.

Ein Initiant war der damalige Gemeinderat Werner Meyer (FDP). Noch heute ist er überzeugt, solche Aktionen seien immer und überall nötig: «Damals gings darum, sich aktiv auf der Strasse zu grüssen. Damit wollten wir die gegenseitige Wertschätzung stärken.» Ein Gruss verhindere Anonymität, die in Vandalismus und Gewalt ausarten könne, blickt Meyer, der inzwischen kein Amt mehr bekleidet, zurück. «Nach einem grossen Effort ging der Aktion die Luft aus», was nachvollziehbar sei, da die treibenden Kräfte nicht ewig am Drücker blieben. Fürs damalige Entstehen der Aktion sei die momentane Befindlichkeit ausschlaggebend gewesen.

Neun Jahre nach «Grüessech» will die Stadt das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung mit Überwachungskameras, Patrouillen und Konzepten stärken. Ob der jüngsten Vorkommnisse ist auch denkbar, dass das subjektive Sicherheitsgefühl mit einem simplen «Grüessech» besser wird.

Namen der Redaktion bekannt.