Autobiografie
«Mutsprung»: So bleibt die Familienhistorie von Barb Streuli für die Nachwelt erhalten

Mit der Edition Unik kann jeder Autor werden. Die Unterengstringerin Barb Streuli hat beim Pilotprojekt mitgemacht.

Sophie Rüesch
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Barb Streuli mit ihrer Autobiografie «Mutsprung».

Barb Streuli mit ihrer Autobiografie «Mutsprung».

rue/zvg

Sie lagern zu Abertausenden in verstaubten Kisten im Estrich, im Keller oder auch nur als schwammige Erinnerungen irgendwo tief im Gedächtnis begraben: die Geschichten der eigenen Familie. Alle Menschen haben eine; und doch werden sie allzu oft mit den sterbenden Generationen ins Grab getragen, für immer verloren für die Nachfahren.

Dem will das Schreibprojekt «Edition Unik» ein Ende setzen. Von «Expo 02»-Direktor Martin Heller konzipiert, stiess die Idee, Schreibnovizen beim Verfassen ihrer eigenen Biografie Hand zu bieten, sofort auf riesiges Interesse. 200 Menschen hatten sich auf die Pilotprojekt-Ausschreibung gemeldet, 65 wurden aufgenommen.

Eine von ihnen ist Barb Streuli. Die 70-Jährige mit dem frohen Gemüt sagt, sie habe vor allem für ihre Familie mitgemacht – damit ihre Kinder und Kindeskinder sich dereinst ein Bild von ihr machen können, auch wenn sie nicht mehr da ist. Doch auch sie selbst trieben die Fragen nach der eigenen Herkunft um: «Wo komme ich her, was sind meine Wurzeln, wieso bin ich so, wie ich bin?» Auf viele dieser Frage hat sie in den 17 Wochen, in dem sie ihre Autobiografie schrieb, eine Antwort gefunden. Und gleichzeitig für Quellenmaterial gesorgt, sollten sich kommende Streuli-Generationen dereinst dieselben Fragen stellen.

Die Geschichte wiederholt sich

Beim Aufarbeiten der Familiengeschichte ist sie auf unzählige Parallelen zwischen heute und früher gestossen. So etwa hatte Streuli, die vor einem Jahr der Liebe wegen vom Zürichseeufer nach Unterengstringen gezogen ist, selbst das Glück, aus einem reichen Erinnerungsschatz eines schreibfreudigen Elternteils schöpfen zu können. Über 40 Jahre lang hat ihr Vater, ein Schriftsetzer, Tagebuch geführt – täglich. Auch sie hatte immer wieder Phasen, in denen sie ihre Erfahrungen schreibend verarbeitete. «Aber nur, wenn ich schwierige Zeiten durchlief», sagt sie. Ihre eigenen Tagebücher hat sie mittlerweile im Garten verbrannt. Das Bild, das ihre Nachfahren von ihr haben werden, soll nicht eines sein, das nur die dunklen Stunden ihres Lebens beleuchtet. Es soll die ganze Person Barb Streuli zeigen, die sich von Schicksalsschlägen und Hindernissen nie unterkriegen liess, sondern bis heute unbeirrbar optimistisch blieb.

«Mutsprung» heisst das 127-seitige Buch der ausgebildeten Tänzerin, die während gut 30 Jahren eigene Ballettschulen leitete, heute unter anderem Pensionierungs-Beratungen durchführt und für ihr gesellschaftliches Engagement auch schon mit dem Männedorfer Kulturpreis ausgezeichnet wurde. Beim Schreiben und in technischen Fragen wurden Streuli und die anderen Neo-Autoren vom «Edition Unik»-Team unterstützt. Buchexemplare hat Streuli nur fünf bestellt. Andere hätten sich ganze Stapel an Autobiografien drucken lassen.

Schreiben als Psychiaterersatz

«Ich würde es jedem empfehlen, die eigene Geschichte niederzuschreiben», sagt Streuli. Nicht nur, um der Nachwelt etwas von sich zu hinterlassen, sondern auch, um selbst Zeugnis abzulegen. «Das Schreiben hat viel mit Psychohygiene zu tun», sagt sie – «man räumt auf mit sich und seinem Leben.»

Beim Schreiben hat sie aber nicht nur sich selbst neu entdeckt. Sie stiess dabei auch eine muntere Schar «urchiger Emmentaler», die in ihr weiterleben. Auf ihren Grossvater mütterlicherseits etwa, der sich vom Verdingbub zum Lokführer hocharbeitete und vier Instrumente spielte. Oder dessen Mutter, die im Berner Mattenquartier eine Wäscherei führte und «auch irgendetwas mit dem Zirkus zu tun hatte» – ihre «schräge» Art, ist Streuli überzeugt, hat sie von ihr geerbt.

Auch ihre Eltern lernte sie dadurch, dass sie ein Bild von ihnen zeichnen musste, besser verstehen. Sie erzählt von ihrem Vater, dem hochintelligenten Sohn eines Wiedertäufer-Predigers, der die Familie in den 1950er-Jahren von Burgdorf an den Zürichsee zügelte, «weil er immer an einem See leben wollte». Klammheimlich habe er sich für allerlei Stellen «an irgendeinem See» beworben, bis er in Männedorf fündig wurde und sich endlich den Traum vom eigenen Boot erfüllen konnte. Er hinterliess nicht nur Tagebücher, sondern auch zwei unveröffentlichten Romane – «richtig sozialistische Sachen», sagt Streuli und lacht.
Er ermöglichte seiner Tochter auch einen frühen Einstieg in die Selbstständigkeit. Mit 18 Jahren begann Streuli erste Ballettkurse zu geben; die Saalmiete bezahlte sie aus der eigenen Tasche, in die damals monatlich 15 Franken Sackgeld floss. Die Kosten fürs erste Inserat übernahm der Vater. Die Auslastung war von Beginn weg so gut, dass Streuli bald selbst für sich sorgen konnte.

Die Selbstständigkeit blieb ihr immer heilig. Daran änderte auch ihre – nicht lange währende – Ehe mit einem gut betuchten Kaufmann nichts. «In den ungeraden Jahren habe ich Kinder bekommen und in den geraden hatte ich meine Tanzaufführungen», sagt sie lachend. Bei ihrer Tochter, selbst Tanzlehrerin, sei es heute genau gleich – eine weitere Parallele in der Familiengeschichte, die nur das Leben schreiben kann