Langenthal
Minus 24 Grad: Zekirja Ramiqi hat einen der coolsten Berufe

Wer von uns könnte sich vorstellen, tagtäglich bei minus 24 Grad in einem Tiefkühler zu arbeiten? Freiwillige vor. Bei der derzeitigen Hitze klingt das vielleicht verlockend, angenehm ist dieser Job dennoch nicht.

Fabienne Wüthrich
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Zekirja Ramiqi an seinem Arbeitsplatz, im Kühlraum der Firma Kadi AG, bei minus 24 Grad. H. Bärtschi

Zekirja Ramiqi an seinem Arbeitsplatz, im Kühlraum der Firma Kadi AG, bei minus 24 Grad. H. Bärtschi

Solothurner Zeitung

Zekirja Ramiqi aus Aarwangen ist seit 2004 bei der Firma Kadi AG tätig und übt einen wirklich coolen Job aus. Als Logistiker arbeitet er in einer grossen Tiefkühltruhe – und setzt sich jeden Tag den Minusgraden aus. «Eigentlich ist es schwierig so zu arbeiten», sagt der 26-jährige Kosovo-Albaner ehrlich. Mag es verlockend klingen bei grosser Hitze in der Kälte zu sein, birgt das jedoch seine Gefahren. «Der ständige Wechsel vom Kalten ins Warme macht sehr müde», sagt er. Dazu kommt, dass Ramiqi nicht unbedingt schwitzen sollte, weil er sich sonst erkälten könnte. «Dennoch bin ich nicht mehr krank als andere Mitarbeitende.»

Selbstverständlich befindet er sich nicht achteinhalb Stunden am Stück im grossen Tiefkühllager. «Das ist gar nicht erlaubt», sagt Walter König, Teamleiter Distributionslogistik. Mitarbeitende, die im grossen Tiefkühler tätig sind, dürfen sich etwa 50 Minuten darin aufhalten, danach müssen sie 10 Minuten Pause machen. Manchmal sind sie ein bisschen länger als die vorgeschriebene Zeit in der Kälte, sie machen dafür jedoch auch eine längere Pause. Ramiqi trägt eine dicke Latzhose, darunter ein T-Shirt. «Ich gehe jedoch nicht so in den Tiefkühler», sagt er und lacht. Im Kühlhaus trägt er Mütze, Handschuhe und eine dicke Jacke – speziell beschichtete Kleidung für die Arbeit im Tiefkühllager, die die Kälte abhalten soll.

Gesundheitlich robust sein

«Gehst du am Anfang in den Tiefkühler, spürst du die Kälte sehr gut», sagt er. Nach einer gewissen Zeit gewöhne er sich aber an die minus 24 Grad – und könne besser arbeiten. Ramiqi verbringt viel Zeit auf dem sogenannten Quersitzstapler, muss ganze Paletten auf- und abladen, sie geschickt im grossen Raum verteilen. Da er sich kaum auf dem Gefährt bewegt, spürt er die Kälte noch extremer als die anderen Mitarbeitenden. Sie kommissionieren einzelne Kartons mit dem Handstapler und bewegen sich viel mehr.

Nicht jeder kann einen solchen Job ausüben, sagt König. «Man muss gesundheitlich robust sein, es ist eine strenge körperliche Tätigkeit.» So sollte man beispielsweise keine Probleme mit dem Kreislauf haben, ansonsten gibt es jedoch laut König keine besonderen Voraussetzungen. Diese Art von Logistiker würde unter extremen Bedingungen arbeiten und trotzdem belächelten viele Leute den Job immer wieder. «Man hat teilweise das Gefühl, Lagerarbeiter müssten nicht viel überlegen», sagt König. Dabei ist der Beruf anspruchsvoll und durchaus unterschätzt.

Ramiqi muss nämlich im doppelten Sinn einen kühlen Kopf bewahren: Er verteilt die Tiefkühlkost nicht einfach unüberlegt im Raum. Im Gegenteil: Es braucht ein durchdachtes System, um die Ware geschickt zu platzieren. Ramiqi muss die Ware hervorholen, wenn ein Kunde eine gewisse Ware bestellt hat. Falls die Qualitätssicherung kommt und bestimmte Muster eines Fabrikationscodes zur Analyse haben will, sollte er schnell reagieren können. «Das ist nicht meine Lieblingstätigkeit», sagt er. So kann es durchaus sein, dass die benötigten Muster hoch über seinem Kopf zu finden sind. Um an die Ware zu kommen, muss Ramiqi mit Bedacht seinen Stapler steuern.

Eine neue Chance

Der 26-Jährige war nicht immer in der grossen Tiefkühltruhe tätig. Am Anfang seiner Karriere bei Kadi AG arbeitete er temporär bei den Kartoffelflocken, danach wurde er arbeitslos. Er meldete sich wieder bei der damaligen Personalchefin, die ihm einen Job im Lager anbot. «Sie hat nichts von einer grossen Kühltruhe gesagt», so Ramiqi lachend.

Der Wechsel ins Tiefkühllager kam Schritt für Schritt – seit 2005 arbeitet er fix in dieser Abteilung. Berufsbegleitend schloss er die Ausbildung als Logistiker ab, die ihm Kadi AG ermöglichte. Eigentlich schwebte ihm ein anderer Job vor. Etwas, das mit Autos zu tun habe, wie Karosseriespengler oder Lackierer, aber: Als er in die Branche reinschnupperte, merkte er, dass es ihm nicht wirklich gefällt. Ramiqi konnte eine Zeit lang keine Ausbildung vorweisen, bis jetzt – nun darf er sich Logistiker nennen.

«Dieser Job gefällt mir, sonst wäre ich nicht hier», sagt er überzeugt. Er dürfe äusserst selbstständig arbeiten und erlebe vielseitige Tage. «Jeder Tag ist eine neue Herausforderung.» Dabei nennt er Beispiele: «Wo schaffe ich Platz, welche Artikel werden für die Lieferungen bereitgestellt?»

Die Firma Kadi AG stellt etwa 250 Artikel her – darunter sind Pommes frites, Frühlingsrollen oder Fischknusperli. Zehn Prozent der Ware sind gekühlt, der Rest steht im Tiefkühler, den Ramiqi unter anderem betreuen muss. Bei so vielen Artikeln muss er durchaus den Kopf bei der Sache haben, dennoch profitiert er ein wenig von der Tiefkühlkost. «Ist ein Pack aufgerissen, gibt es den Inhalt meistens zum Mittagessen», sagt er und fügt lachend an: «Am liebsten habe ich die Fischknusperli.»

Kaum planbare Freizeit

Der 26-jährige würde gerne in seiner Freizeit Fussball spielen. Würde. Zeit hat er aufgrund seines Jobs kaum. Momentan arbeitet er im Tagesbetrieb, das heisst von 7 bis 17 Uhr. Ab August bis etwa Ende Februar kommt schliesslich die strenge Zeit. Dann läuft in der Firma Kadi AG die Pommes-frites-Produktion auf Hochtouren, weil die Kartoffeln im Herbst geerntet werden. Für Ramiqi ändern sich die Arbeitszeiten, er muss im Dreischichtbetrieb einfügen: Morgen-, Spät- und Nachtschicht. Die Morgen- und Nachtschicht möge er, die Spätschicht weniger. So zu arbeiten sei schwierig und lasse nicht viel Freizeit zu.

Vielleicht weiss er deshalb nicht genau, ob er den Job für immer ausüben wird. Zumindest sagt er das. «Ich glaube nicht, dass ich für die Ewigkeit im Tiefkühllager bleiben werde.» Als Logistiker wolle er bestimmt weiter arbeiten, jedoch vielleicht nicht sein Leben lang in einer grossen Tiefkühltruhe. Irgendwie verständlich bei minus 24 Grad.

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