bz-Umfrage
Mein Baselbiet. Unbeschönigt

Der Autor Thomas Schweizer reagiert auf die bz-Umfrage «Wie tickt das Baselbiet». Ausgegangen ist er auch vom Traugott Meyer-Gedicht «Uff ere Baselbieter Flueh». Gerworden ist es «fast eine 1. Augustrede»

Thomas Schweizer
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Thomas Schweizer

Thomas Schweizer

Juri Junkov

In seinem Gedicht „Uff ere Baselbieter Flueh" - der Form nach ein Sonett - schaut Traugott Meyer, unser grösster Mundartdichter, über die Grenzen hinaus und fordert uns auf: „Lueg nidsi!", „Lueg obsi!". Für ihn ist Basel das Herz der Landschaft, die Bäche zum Rhein und die Wege, die von der Stadt oder in sie hineinführen, die Adern. Dann folgen die scheinbar subversive Sätze: „Es isch kei Lus dra wohr", dass Stadt und Land „zweu" seien. „E Lyb, wo läbe will ,muess bedes ha!".

Innerhalb unseres Kantons müssen wir zwischen dem Ober- und dem Unterbaselbiet unterscheiden. Nur schon die Mundarten sind nicht gleich. Aber wichtiger sind die dominierenden Mentalitätsunterschiede. Die Grenze liegt irgendwo im mittleren Teil. Aber sie ist bei der heutigen Zersiedelung, Verstädterung und dadurch bedingt einer grenzenlosen Mobilität schwer auszumachen. Die „Hülftenschanz" ist es definitiv nicht. Das ist bloss ein Mythos, ein zufälliger Ort, wo das letzte Gefecht der Basler Trennungswirren stattgefunden hatte.

Wenn ich auch nicht von einem „Graben" sprechen möchte, so ist es doch wahr, dass viele Oberbaselbieter das Birseck, das Leimen- und neuerdings das Laufental kaum kennen. Das Gleiche gilt umgekehrt auch für die Unterbaselbieter. Für sie ist der obere Kantonsteil oft eine „terra inkognita", ein fernes, unbekanntes Land. Noch mehr müssen wir diese Tatsache den Baselstädtern anlasten.

Eine Konstante der Politik der beiden Basel war deshalb stets die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen der Stadt und der Landschaft. Seit der emotional geführten „Theaterabstimmung" vom Februar dieses Jahres hat sich innerhalb des Kantons ein neuer Konfliktherd offenbart: die gegenseitigen Missverständisse und das Misstrauen zwischen dem Unter- und dem Oberbaselbiet. Das ist keine gute Entwicklung.

Natürlich, Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Gebieten eines Kantons hat es immer gegeben und ist in Bern, Zürich oder St. Gallen nicht anders. Aber wir Baselbieter sind auf Politikerinnen/Politiker und Meinungsmacher angewiesen, die innerhalb des Kantons und gegenüber Baselstadt gewillt und guten Willens sind, eine ehrliche und unvoreingenommene, das heisst konstruktive Zusammenarbeit anzustreben. Da müsste kleinkrämerischer Egoismus und ein forciertes Eigeninteresse, das sich immer nur am Geld misst, in den Hintergrund treten.

Ich wage einen eigenen subversiven Gedanken: Auch wir Baselbieter sind Basler. „Landbasler", ein Ausdruck, den Carl Spitteler gebraucht hatte, heute aber in den Hintergrund gerückt ist. Wie heisst denn unser Kanton? „Land"? Sind wir nur „Bieter"? Nein, wir sind „Landschäftler", oder, was uns lieber ist, Baselbieter. Aber wir Oberbaselbieter, zu denen ich mich als Waldenburgertaler auch zähle, müssen uns zum unteren Kantonsteil, aber auch zu unserem Nachbarn Baselstadt hin öffnen. Wir kommen nicht darum herum. Im Gegenzug erwarten wir auch vom Basler Speckgürtel und von der Stadt Verständnis für die besonderen, oft schwierigen und rauen wirtschaftlichen Lebens- und Rahmenbedingungen im Oberbaselbiet. Schöne Landschaften und komfortable Wohnsituationen gibt es nur noch bedingt. Man mache sich nichts vor. Die Verstädterung erreicht bald die Jurahöhen, und die „grüne Landschaft" wird auch bald zum Mythos. Lebenslügen sollten uns nicht leiten. Wie viele blühende Firmen und Industriezweige sind in den letzten Jahrzehnten nur schon aus Liestal verschwunden. In den oberen Tälern sieht es nicht besser aus. In Basel hatte seinerzeit keine Seele auch nur ein bisschen Mitgefühl mit dem Waldenburgertal, als die weltweit tätige und entsprechend finanziell potente Firma Straumann AG nach Basel gezogen war. Ein Segen für die Stadt, ein Verlust für das Tal. Wohl hatte eine Zeitung aus Basel richtig von „dunklen Wolken" gesprochen. Nur brachte das keinen Steuerfranken zurück.

Aber die Baselbieter sind gewohnt, „d Ermel hinder z litze" und sich selbst zu helfen. Nur genügt das in der heutigen globalisierten und steten Veränderungen unterworfenen Welt nicht mehr. Weder die Baselbieter noch die Baselstädter schaffen es allein. Zwar boomt die Stadt wie noch nie, dennoch sind wir aufeinander angewiesen und schicksalshaft miteinander verbunden. Deshalb ist eine gut ausgebaute Partnerschaft so wichtig. Sie bringt Prosperität und Wohlergehen für alle. Dass dabei die Stadt Basel die Führungsrolle beansprucht, sollte keinen Baselbieter stören. Die Partnerschaft auf möglichst vielen Gebieten ist auch das beste Mittel, um den immer wiederkehrenden unseligen Wiedervereinigungsgedanken einen Riegel zu schieben. Ich bin überzeugt, eine Fusion ergäbe mehr Verlierer als Gewinner und damit einen freudlosen, missmutigen Kanton, der in sich gelähmt wäre und den Fortschritt hemmen würde. Einsparungen auf Verwaltungsebene lösen keine Probleme.

Wir sprechen heute viel von Entsolidarisierung. Das Baselbiet - sowohl der untere als auch der obere Teil - sollte nicht diesen Weg gehen. Vielleicht müssen wir alle umdenken und den Gürtel enger schnallen. Das ist zu verkraften. Im Vordergrund stehen Freiheit und Unabhängigkeit. Das ist nur durch Vielfalt in der Einheit zu schaffen. Ein Leib, der leben will, braucht beides: das Herz und die Adern. Schwer vorstellbar, dass Traugott Meyer dabei an einen wiedervereinigten Kanton gedacht hatte. Aber er sah wohl die Möglichkeiten, die die verschiedenartigen Landschaften für das Gesamte boten. Ganzheitliches Denken in der Diversität! Das sollte unsere Leitidee sein.

Für eine eventuelle Fussnote: Thomas Schweizer ist ein Schriftsteller aus Füllinsdorf. In seinen Büchern setzt er sich mit dem Baselbiet und der Region Basel auseinander.

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