Industriewelt Aargau
Mehr als zweckmässige Gebrauchsarchitektur

Industrie- und Fabrikarchitektur im Aargau. Im Gespräch mit dem kantonalen Denkmalpfleger Reto Nussbaumer werfen wir einen Blick in die Vergangenheit und in die Gegenwart.

Helen Dietsche
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Alte Schmiede Baden

Alte Schmiede Baden

Zur Verfügung gestellt

Wo früher Kamine, Sägezahndächer, Backsteinmauern und viele kleine Fenster die Industriequartiere prägten,dominieren heute Glasfassaden, Sichtbeton und begrünte Flachdächer das Bild. Aber in mitten der modernen Architektur finden sich einzelne Gebäude,die rein äusserlich den Anschein machen,dass die Zeit stehen geblieben ist. Trotz Instandstellung und Renovation haben sie nichts von ihrem ursprünglichen Charakter verloren und dokumentieren die Entwicklung der Fabrikarchitektur im Kanton Aargau.

Zweckmässige Gebrauchsarchitektur

Reto Nussbaumer weiss:«Die Entwicklung der Fabrikarchitektur im Aargau kann weder auf einer Zeitachse festgehalten noch einem einzelnen architektonischen Typus zugeordnet werden. Je nachdem, was in den Räumen produziert wurde,entstanden in der gleichen Zeitspanne beeindruckende oder eher schmucklose Bauten. Ein Beispiel aus Baden: Der Firmensitz der ehemaligen Motor Columbus, heute Axpo(erste Ausbauetappe ca.1905),ist,wie die Alte Schmiede(gebaut um 1906),im weiteren Sinn Fabrikarchitektur. Beide könnten unterschiedlicher nicht sein: das beeindruckende Verwaltungsgebäude–mehr ein schlossähnliches Haus–und,nur wenige Strassen weiter,die einfache,wenn auch mächtige Fabrik. Was allerdings nicht heisst, dass die Fabrik architektonisch weniger interessant ist: Das Dach mit dem erhöhten mittleren Teil,ein sogenannter basilikaler Querschnitt, zeugt von einer zweckmässigen Gebrauchsarchitektur, die dafür sorgte, dass Rauch und Hitze ungehindert abziehen konnten und Licht in die Mitte des tiefen Baukörpers gelangte–eine Konstruktionsart, die in vielen Giessereien und Schmieden zur Anwendung kam.»

Von Holzbalken zu Stahlträgern, vom Backstein zum Beton

In Kellern und Scheunen liegt der Ursprung von vielen,ehemals grossen Industriezweigen im Aargau. Wie zum Beispiel der Strohindustrie: Als Nebengewerbe der Landwirtschaft produzierten Familien in ihren Strohkellern in Heimarbeit Strohartikel, die weltweit zum Verschönern von Kleidern und Modeaccessoires verwendet wurden. Die Nachfrage stieg, die Keller wurden zu klein,und schon bald boten Fabriken Arbeitsplätze in einem ganz neuen Umfeld an.Viele Fabriken,die im Kanton Aargau Industriegeschichte schrieben, waren ursprünglich einfache,verputzte Gebäude mit vielen kleinen Fenstern und einem Satteldach. Zu Beginn noch gemauert mit Bruchsteinen, später mit Backsteinen. Mit der Wende ins 20.Jahrhundert kam Bewegung in die Fabrikarchitektur, Metall und Beton lösten Holz und Backstein mauern ab. Was die Architektur anbelangt,waren es zweckmässige, oft einfach gehaltene Massivbauten, ohne Anspruch aufgehobene Ästhetik. Aus der Reihe tanzten im Aargau die Produktionsstätten der beiden grossen Schuhfabriken Bally in Dottikon und Bata in Möhlin. «Bei diesen zwar sehr unterschiedlichen‹Fabrik-Kathedralen›ist es offensichtlich, dass die Firmenbesitzer einen höheren gestalterischen Anspruch an die Gebäude stellten. Es ging nicht nur darum,einfache‹Schutzbauten›für Arbeitsplätze zu errichten,sondern die Architektur der Gebäude auch als Kommunikationsmittel zu nutzen. Neben dem Produktionsstandort waren sie auch das Aushängeschild der Firma», erklärt Reto Nussbaumer. Die beiden ehemaligen Schuhfabriken wurden in den letzten Jahren – wie viele andere alte Industriebauten auch–umgenutzt: Moderne Infrastrukturen bieten heute viel Platz zum Arbeiten,Wohnen und Leben.

Erste Bauetappe interessant

Die Unternehmen wuchsen, erhöhter Platzbedarf und die Elektrifizierung der Industrie hatten sichtbare Folgen:Das weit verzweigte Netz der Transmissionsriemen wurde durch unzählige Motoren ersetzt,bestehende Gebäude angebaut und aufgestockt. Nur selten wurde während der Ausbauphase die Hülle des Gebäudes neu konzipiert. So präsentieren sich bis heute erhaltene Fabrikgebäude oft in ihrer ursprünglichen Architektur–nicht nur von aussen, sondern auch im Innern. Reto Nussbaumer kennt ein Beispiel: «Die Aeschbachhalle in Aarau–sie gehört zwar nicht zu den kantonalen Schutzobjekten–wurde im Rahmen der letzten Umnutzung in der ersten Bauetappe erhalten. Dass die Halle sich nach der Sanierung nicht ‹schöner› präsentiert,als sie ursprünglich war,ist ganz im Sinn der Denkmalpflege. Man darf nach einer Restaurierung die Spuren der Zeit weiterhin erkennen. Stahlträger, abgenutzte Wände und andere Zeitzeugen in die neue Umgebung zu integrieren, macht durchaus Sinn. Eine ehemalige Fabrikhalle bleibt als Fabrikhalle erkennbar.» Rechnet Reto Nussbaumer damit, noch unentdeckte, erhaltenswürdige Industriebauten zu finden? «Wir halten die Augen immer offen. Für uns völlig unbekannte Industriezonen gibt es wohl nicht mehr. Aber in den riesigen innerstädtischen Industriequartieren, wie zum Beispiel in Lenzburg, tauchen bei Umnutzungen ab und zu versteckte Gebäudeteile auf.

Fabrikarchitektur trifft auf Kultur

Eine beträchtliche Zahl an Projekten von #ZeitsprungIndustrie findet in ehemaligen Fabrikgebäuden statt. Diverse Highlights stehen noch bevor: vom 21. August bis 4. Oktober 2020 die Erlebnisausstellung «Unter Strom» in der Alten Schmiede in Baden; ab 22. August 2020 die Ausstellung über die faszinierende Welt der Seifen und Düfte «Saubere Sache» im Museum Burghalde in Lenzburg und am 5. September 2020 der Tag der offenen Tür im Oederlin-Arealin Ennetbaden.

Postauto-Erlebnisfahrten

#ZeitsprungIndustrie
Das Netzwerk Industriewelt Aargau lancierte in diesem Jahr das Projekt #Zeitsprung– Industrie, das seit September 2019 und noch bis November 2020 läuft. Das Netzwerk Industriewelt Aargau wurde 2018 vom Stadtmuseum Aarau, Museum Aargau,Historischen Museum Baden, Museum Burghalde Lenzburg und von Aargau Tourismus als Verein in Aarau gegründet. Der Aargau nahm schon in der Frühphase der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert eine Vorreiter rolle in der Schweiz ein. Das Projekt bringt der Bevölkerung bedeutende industrielle Entwicklungen im Kanton Aargau und die daran beteiligten Firmen näher. Im ganzen Kanton gibt es dazu Ausstellungen,Betriebsführungen,Podiumsdiskussionen sowieT anz-und Theaterproduktionen.

Infos: www.zeitsprungindustrie.ch

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