Gotthard-Basistunnel
«Mehr als nur Zeitgewinn»: Der Baustellenchef durchfuhr den Tunnel bereits sechs Mal

Seit neun Jahren ist Renzo Simoni Chef der teuersten Baustelle der Schweiz. Die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels am Mittwoch wird der 55-jährige Ingenieur aus dem Kanton Zürich aber nur als Nebendarsteller erleben.

Christian Dietz-Saluz
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57 Kilometer Gotthardtunnel vom Planpapier in den Berg: Dabei spielte der Meilemer Alptransit-Chef Renzo Simoni in den vergangenen neun Jahren eine entscheidende Rolle. An der Eröffnung sieht er sich aber nur als Statist. Patrick Gutenberg

57 Kilometer Gotthardtunnel vom Planpapier in den Berg: Dabei spielte der Meilemer Alptransit-Chef Renzo Simoni in den vergangenen neun Jahren eine entscheidende Rolle. An der Eröffnung sieht er sich aber nur als Statist. Patrick Gutenberg

Herr Simoni, am 1. Juni schaut die Welt auf den Gotthard, die Tunneleröffnung wird zum Stelldichein der europäischen Politprominenz: Macht das Sie als Bauverantwortlichen stolz?

Renzo Simoni: Ja, sicher, weil ich an einem Projekt teilnehmen durfte, das grosse Sinnhaftigkeit besitzt. Und ich bin stolz, weil das Projekt gelungen ist.

Im Gegensatz zum alten Eisenbahntunnel, der als Werk von Alfred Escher und Louis Favre in die Geschichte einging, wird mit dem neuen Tunnel kein einziger Name in Erinnerung bleiben, auch Ihrer nicht: Weshalb nicht?

Das hat mit der Komplexität von solch grossen Projekten zu tun und mit der Zeitspanne, die von der Planung bis zur Eröffnung vergeht. Im Fall des Gotthard-Basistunnels geht sie auf die erste Vision des Baslers Carl Eduard Gruner von 1947 zurück.

Wie oft sind Sie schon durch den Gotthard-Basistunnel gefahren?

Etwa ein halbes Dutzend Mal.

So oft?

Was heisst oft? Bisher wurden schon 2500 Testfahrten gemacht.

Was ist Ihr Anteil an diesem Jahrhundertbauwerk?

Ich bin ein Zahnrädchen unter Hunderten, das an einer exponierten Stelle liegt. Ich habe das Gefühl, dass ich es gut überstanden habe. Das Räderwerk war auch immer gut geschmiert.

Hat der Tunnel Sie verändert?

Ich bin 1995 als Angestellter eines privaten Planungs- und Beratungsbüros dazugekommen. Seither hat mich der Tunnel nicht mehr losgelassen. Es ist allerdings schwierig, zu sagen, welchen Anteil der Tunnel an meiner Persönlichkeitsreifung hat. Sagen wir es so: Der Tunnel hat mich stark geprägt.

Nämlich wie?

Ich habe viel durch die Arbeit an diesem Projekt gelernt – über rein fachliche, interdisziplinäre Themen bis tief in die Öffentlichkeitsarbeit und wie die politischen Mechanismen in der Schweiz funktionieren. Der Tunnel hat mir eine umfassende Allgemeinbildung vermittelt und meinen fachlichen Horizont erweitert.

Durchschlag oder Eröffnung: Was zählt für Sie mehr?

Eindeutig der Durchschlag. Eröffnungen oder Einweihungen sind tendenziell eher die Auszeichnung der Unbeteiligten. Sicher haben sie auch Verantwortung mitgetragen, aber die Realisierungsleistung wurde beim Durchschlag oder beim Abschluss des Einbaus der Bahntechnik eher gewürdigt. Das sind Etappen, die viel näher am Projekt sind als die Einweihung, wenn ein Band durchschnitten wird mit viel Glanz und Gloria. Aber ich will das nicht werten. Es sind völlig unterschiedliche Ereignisse. Und es ist auch wichtig und richtig, dass wir dieses Projekt gross feiern, weil es weit über die Landesgrenzen hinaus strahlt. Ich gebe aber zu: Beim Durchschlag habe ich mich wohler gefühlt.

Heisst das, dass Sie sich mit den Tunnelarbeitern verbundener fühlen als mit den Auftraggebern von SBB und Bund?

Ich fühle mich allen nahe. Ich bin flexibel, finde den Draht zu beiden Seiten. Das ist wichtig in dieser Scharnierfunktion. Ich muss den Umständen entsprechend auf die Leute zugehen, sie verstehen, mit ihnen reden, egal, ob Auftraggeber oder Bauleute. Das liegt mir, und es ist auch das, was mir bei dieser Arbeit und in dieser Funktion so Freude bereitet.

Was sagen Sie an der Eröffnung?

Ich halte an der Eröffnung keine Ansprache, ich gehöre dann zu den Statisten. Aber ich werde mit dabei sein, wenn das Band durchschnitten wird. Besonders am Herzen liegt mir der 2. Juni. Da organisieren wir für alle Projektbeteiligten einen schönen Anlass mit einer Durchfahrt durch den Basistunnel.

Was hat sich für Sie seit dem Durchschlag am 15. Oktober 2010 geändert?

Das ganze System war vorher segmentiert, es gab einzelne Biotope mit eigener Baustellenlogistik: Erstfeld, Amsteg, Sedrun, Faido, Bodio: Nach dem Durchschlag gab es diese Losgrenzen nicht mehr, die zuvor das A und O, die Fixpunkte des Tunnels waren. Das Gesamtsystem ist seither in einem Stück erfahrbar und überschaubar geworden.

In der Politik ist es mit dem Durchschlag schlagartig ruhig geworden um den Tunnel: War das buchstäblich der Durchbruch, der alle Kritiker zum Schweigen gebracht hat?

In meiner Wahrnehmung war der «Point of no return» schon früher erreicht: mit der Eröffnung des Lötschbergtunnels 2007 und mit der Finanzkrise, als die UBS gerettet werden musste. Mit demselben Geld wie für die Bank hätten wir die ganze Neat finanzieren können. Das hat die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und bei den Politikern geändert. Im Gegensatz zur UBS haben wir aber einen Gegenwert für die nächsten 100 oder 150 Jahre geschaffen und nicht Werte vernichtet. Und natürlich hat nach dem Durchschlag endgültig niemand mehr an der Realisierbarkeit des Tunnels gezweifelt.

Sie sind Bündner, in den Bergen aufgewachsen: Die letzten neun Jahre haben Sie gegen die Berge gekämpft – oder ist das der falsche Ausdruck?

Doch, das passt. Als sportlich eingestellter Mensch strebe ich bei einem Ziel einen Sieg, einen Triumph an. Das ist ein Kampf. Allerdings bin ich kein Bergsteiger, mir wird sogar höhenschwindelig. Daher bin ich froh, dass beim Basistunnel durch den Gotthard der Kampf horizontal geführt worden ist.

Aber was die Berge trennen, verbindet der Tunnel: Hat er für Sie eine philosophische Dimension?

Nein, für mich hat der Tunnel eher eine gesellschaftspolitische als eine philosophische Dimension. Wichtig ist, dass zwei Regionen der Schweiz näher zueinanderrücken. Das hilft bei der regionalwirtschaftlichen Entwicklung und dient der Kohäsion der Schweiz. Die kulturellen Gruppen der Schweiz werden durch den Tunnel einander nähergebracht. Das gibt dem Land eine neue Qualität und macht mich auch etwas stolz, daran teilgenommen zu haben.

Als der Gotthard-Eisenbahntunnel vor 134 Jahren eröffnet wurde, dauerte die Bahnfahrt von Zürich nach Lugano rund 8 Stunden. Ab 2020 sind es nur noch knapp eindreiviertel Stunden. Ist Zeit alles im Reiseverkehr?

Hauptgründe dieses Werks sind der Umweltschutz, die Erhaltung des Lebensraums Alpen und die Reduktion des Schwerverkehrs. Das geht in der Euphorie um den Quantensprung der Reisezeitverkürzung vergessen. Wir brauchen nur noch eine Lokomotive statt zwei, um einen Zug über den Gotthard zu ziehen. Der Basistunnel bringt also einen Produktivitäts- und einen Zeitensprung. Das ist für die Zukunft enorm wichtig.

Weshalb?

Die wirtschaftliche Entwicklung findet immer entlang von Handelswegen statt. Das ist besonders für die rohstoffarme Schweiz überlebenswichtig. Die Erschliessung des Wirtschaftsraums nördlich und südlich des Gotthards ist notwendig, weil gleich ausserhalb unserer Landesgrenzen – in Baden-Württemberg, in Bayern und in der Lombardei – starke wirtschaftliche Grossräume in Konkurrenz zur, aber auch im Austausch mit der Schweiz stehen. Kurz: Die volkswirtschaftliche Analyse spricht für mehr als nur einen Zeitgewinn durch den Basistunnel.

Wann werden auch diese eindreiviertel Stunden für Zürich–Lugano als zu langsam gelten? Oder ist das die Endmarke?

Es fehlen noch der Zimmerberg-Basistunnel II, die Umfahrung von Bellinzona, der Axentunnel, der Urmibergtunnel – alles vertagte Projekte der Neat mit einem gewissen Beschleunigungspotenzial. Aber man muss immer auch die Kosten-Nutzen-Rechnung stellen, ob ein weiterer Ausbau der Nord-Süd-Achse notwendig ist. Wir sind ein Teil des Güterkorridors zwischen Rotterdam und Genua. Der Erfolg der Neat hängt ab von der Logistik auf der gesamten Strecke.

Was kann Sie beruflich noch nach diesem Bauwerk reizen?

Unser Auftrag geht mit dem Ceneritunnel 2020 zu Ende. Das bringt eine neue Herausforderung, und zwar die kontrollierte Schrumpfung der Alptransit Gotthard AG. Für alle muss eine gute Lösung gefunden werden. Ebenso dürfen uns die Mitarbeiter nicht zu früh abspringen, bevor ihre Aufgabe erledigt ist. Wir müssen alles im Gleichgewicht behalten und für jeden individuell eine gute Lösung finden für das Leben nach Alptransit.

Das gilt aber auch für Sie: Was werden Sie nach der Auflösung der Alptransit AG machen?

Darüber mache ich mir jetzt keine Gedanken. Ich werde aber kaum mehr einen Tunnel bauen.

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