Russland
Medwedew: «Sie hofften, dass ich nicht komme»

Der russische Präsidenten Dmitri Medwedew hielt zur Erföffnung des WEF eine emotionale Rede – Seine Ansprache lies er nicht etwa von einem Manuskript ab, sondern, wie es sich heutzutage gehört, vom iPad.

Christian Dorer und Patrik Müller
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Dass der russische Präsident Dmitri Medwedew trotz des Terroranschlags auf den Moskauer Flughafen vom Montag nach Davos kam, überraschte viele. Darf er sich in so einer dramatischen Situation vor der versammelten Weltelite feiern lassen? Mit einer cleveren Argumentation nahm Medwedew in seiner Rede allen Kritikern den Wind aus den Segeln.

«Die Attentäter haben gehofft, sie könnten Russland in die Knie zwingen. Sie hofften, dass der Präsident nicht nach Davos komme.» Deshalb seien Ort und Zeitpunkt des Anschlags so gewählt worden. «Aber sie haben sich verrechnet. Russland ist sich seiner Verantwortung bewusst.» Die Tragödie habe in Russland eine wahre Erschütterung ausgelöst. Es gebe keine universellen Rezepte gegen Terrorismus – «es kann jeden von uns treffen». Vor seiner Rede gedachten die über 1000 Wirtschaftsführer, Staatschefs und Politiker im neuen Kongresssaal in einer Schweigeminute der Opfer des Anschlags.

Dann machte Medwedew einen Tour d’Horizon über die Situation in Russland – selbstkritisch und selbstbewusst zugleich. Seine Aussagen kamen glaubwürdig rüber, wenn er etwa sagte: «Wir gehen voran in der Bekämpfung von Korruption, auch wenn wir noch keine herausragenden Erfolge vorzuweisen haben.» Oder: «Die Justiz in Russland muss sich verbessern. Doch Russland ist nicht das einzige Land, in dem Korruption herrscht.» Oder: «Wir sind gern bereit, von anderen Ländern zu lernen. Aber wir brauchen keine Lehrmeister.»

Medwedew stellte ein 10-Punkte-Programm für Russland vor, das in einen eigentlichen Werbespot für Investitionen in Russland mündete. Dass er selbst mit der Zeit geht, bewies er, indem er seine Rede nicht etwa von einem Manuskript ablas, sondern von seinem iPad.

Er präsentierte sich als Weltpolitiker – und erlaubte sich sogar, Barack Obamas Rede vom Vortag zu kommentieren: Das Einfrieren der Staatsausgaben während fünf Jahren sei eine «ernst zu nehmende Massnahme».

Locker und sympathisch gab sich Medwedew im anschliessenden Gespräch mit WEF-Gründer Klaus Schwab. Der Präsident sagte...

...über Wikileaks: «Das ist positiv für die internationalen Beziehungen. Über Russland habe ich darin nichts Neues erfahren. Vielleicht fühlen sich manche durch Wikileaks verletzt – wir aber sind robuste Kerle.»

...über das schlechte Image Russlands: «Wenn ich am Morgen online gehe und irgendwelche schrecklichen Dinge über die Regierung oder über mich selbst lese, dann möchte ich am liebsten gleich reagieren, per Twitter oder über das Präsidialamt. Doch man sollte nichts übers Knie brechen, die Wahrheit wird sich durchsetzen.»

...über seine Motivation für das Amt: «Es ist eine Verantwortung, die einen rund um die Uhr auf Trab hält. Aber wenn man die Verantwortung für ein Land tragen kann, dann reicht das, um daraus Energie zu schöpfen.»

Vor Medwedew hatte sich Schwab, der bald 73-jährig wird, an das Plenum gewandt. Er diagnostizierte einen «globalen Burnout» und rief die Entscheidungsträger auf, sich aktiver für die Gesellschaft zu engagieren. Für sich selber und ihre Firmen seien sie stets optimistisch, für die Welt als Ganzes aber pessimistisch. «Wir sollten Hoffnung, nicht Verzweiflung verbreiten», so Schwab zu seinen Gästen.

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