Erdbeben Nepal
Marius Arter: «Man wusste, dass der Tag kommen wird»

Der Zürcher Marius Arter lebte einige Jahre in der Himalaja-Region und hat bis heute viele Freunde dort. Einige von ihnen kann er seit dem Erdbeben aber nicht mehr erreichen.

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Marius Arter hat gemeinsam mit elf Freunden eine Firma in Kathmandu gegründet, die Skateboards produziert.

Marius Arter hat gemeinsam mit elf Freunden eine Firma in Kathmandu gegründet, die Skateboards produziert.

Zur Verfügung gestellt

Limmattaler Zeitung: Herr Arter, Sie haben Freunde und Mitarbeiter in Nepal. Mit wem stehen Sie nach dem Erdbeben vom Samstag in Kontakt?

Marius Arter: Ich bin seit Samstagmorgen in Kontakt mit Freunden und meinen Mitarbeitern. Einige konnte ich bisher aber noch nicht erreichen.

Zur Person:

Der 30-jährige Marius Arter hat die ersten vier Jahre seines Lebens in Nepal verbracht. Seine Eltern waren in den Achtzigerjahren vor Ort und haben für die Hilfsorganisation Helvetas gearbeitet. Von 2007 bis 2013 lebte und arbeitete Arter wieder in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals.

Zusammen mit elf Freunden hat er dort eine Firma gegründet, die professionell Skateboards produziert. Heute werden diese sowohl in Nepal als auch in einem Laden in Zürich vertrieben. Arter wohnt derzeit in Zürich im Kreis vier.

Über welche Kanäle ist es überhaupt möglich miteinander zu kommunizieren?

Viele Informationen bekomme ich via Facebook. Hauptsächlich sind es Chats mit Freunden, die vor Ort sind und mir berichten. Aber auch die Facebook Safety Check Seite ist eine Hilfe. Facebook-Mitglieder, die sich in Nepal befinden, können darüber ihren Freunden mitteilen, dass sie in Sicherheit sind und auch den Status anderer Freunde in dem Gebiet prüfen.

Und wie sieht es mit dem Telefonnetz aus?

Am Samstag konnte ich auch noch viele Freunde auf dem Handy erreichen, irgendwann ist dann aber das Netz zusammen gebrochen. Jetzt geht es zeitweise wieder, allerdings sind mittlerweile bei vielen die Handybatterien leer.

Was berichten Ihnen die Leute vor Ort?

Einer meiner Mitarbeiter kommt aus einem Dorf ca. 2,5 Stunden nordöstlich von Kathmandu. Er hat sich heute Morgen gemeldet, dass sein Dorf weitgehend zerstört ist, auch das Haus seiner Eltern ist dem Erdboden gleichgemacht.

Von seiner Familie haben zum Glück aber alle überlebt. Betroffen sind vor allem die alten Häuser, die neueren bleiben zwar stehen, sind aber auch nicht mehr gross bewohnbar. In den Dörfern ist die Zerstörung noch verheerender als in der Stadt. Viele meiner Bekannten helfen ihren Nachbarn. Die Solidarität ist überwältigend.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie die Bilder der zerstörten Dörfer sehen?

Es ist schwierig damit umzugehen, vor allem wenn man viele Freunde und Bekannte noch nicht erreichen konnte.

Auch bedeutende Kulturgüter wurden zerstört. Was für eine Rolle spielen diese Stätten für die Leute?

Die Tempel haben eine grosse Bedeutung, sie sind kulturell sehr wichtig. Sie sind aber auch der Dreh- und Angelpunkt der Gesellschaft.

Wie schätzen Sie die derzeitige medizinische Versorgung in Nepal ein?

Ein paar meiner Freunde helfen in den Spitälern mit. Was sie berichten, ist schrecklich. Nie hätten sie so viel Blut, Tränen und Leichen gesehen. Und immer würden noch mehr Personen ins Spital eingeliefert.

Sie haben als Kind für vier Jahre in Nepal gelebt und von 2007 bis 2013 dort gearbeitet. Leben die Menschen in ständiger Angst vor einem Erdbeben oder hat man sich daran gewöhnt?

Man wusste, dass irgendwann der Tag kommen wird.

Haben Sie während Ihrer Zeit in Nepal auch gelernt, wie man sich im Falle eines Erdbebens verhalten sollte?

Man überlegt sich schon oft, wie man reagieren würde und wie man aus dem Gebäude rauskommt, wenn das Erdbeben kommt. Viele Menschen haben auch Notvorräte zuhause.

Haben Sie selbst auch schon Erdbeben in Nepal erlebt?

Ich habe zum Glück noch nie ein Beben erlebt. Bei dem letzten kleineren Beben war ich gerade auf dem Weg von Bangkok nach Kathmandu. Damals hielten sich aber die Schäden und die Verletzten in Grenzen. Trotzdem standen schon da alle, die es miterlebt hatten, für einige Tage unter Schock.

Wann waren Sie das letzte Mal in Nepal?

Ich war vor Wochen in Kathmandu. Ich werde auf jeden Fall wieder nach Nepal reisen, allerdings erst wenn ich weiss, wie ich den Menschen dort helfen kann. Ich will gut vorbereitet sein.

Die Skateboards für Ihr Geschäft «Arniko» werden in Nepal hergestellt. Was bedeutet die aktuelle Situation für Ihre Firma?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Unser Laden scheint noch zu stehen. Wie es mit der Werkstatt aussieht, weiss ich noch nicht. Vorerst interessiert mich sowieso nur, ob es allen den Umständen entsprechend gut geht.

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