Weihnachtsaktion
Margrit Fuchs: Wegen eines Priesters gründete sie das Hilfswerk

Mit 53 ging sie nach Ruanda, mit 70 gründete sie ihr eigenes Hilfswerk, dass sie bis zum 90. Geburtstag leitete, weil sie auf tragische Weise ums Leben kam: Das ist der aussergewöhnliche Werdegang von Margrit Fuchs aus dem aargauischen Windisch.

Edgar Zimmermann
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Margrit Fuchs bei einem Benefizkonzert in Ruanda. Die Windischerin ist verstorben – doch ihr Hilfswerk lebt weiter.

Margrit Fuchs bei einem Benefizkonzert in Ruanda. Die Windischerin ist verstorben – doch ihr Hilfswerk lebt weiter.

Dass eine über 70-jährige Frau ein Hilfswerk in einem der ärmsten Länder der Welt gründete und bis zu ihrem 90. Geburtstag souverän leitete, ist wohl einzigartig. Ebenso einzigartig ist wohl, dass Schweizer Zeitungen mit ihrer Leserschaft finanzielle Träger eines Hilfswerkes sind und für die Weiterführung dieser segensreichen Institution sorgen.

Im Oktober dieses Jahres verkündete der Bundesrat, es brauche mehr Hilfe für Afrika. Um eine Lösung des Flüchtlingsproblems zu finden, müsse mehr Entwicklungshilfe an Ort, in den Herkunftsländern, geleistet werden. Keinen solchen Aufruf brauchte die Windischerin Margrit Fuchs, welche 1970 mit 53 Jahren nach Ruanda aufbrach, um in verschiedenen Funktionen Hand anzulegen. 1987/88 gründete sie mit einem Priester das «Bureau Social Gitarama», um gezielt Bedürftigen zu helfen. Mit 75 Jahren dann, 1992, wollte sie nach Windisch heimkehren, um den Ruhestand anzutreten. Kurz vor Abreise brachte ihr der besagte Priester eine Schar ausgehungerter Kinder, die er auf der Strasse eingesammelt hatte, und fragte, ob sie diese armen Wesen ihrem trostlosen Schicksal überlassen könne.

Sie brachte es nicht übers Herz und beschloss, als Einzelkämpferin ein Kinderheim zu eröffnen, und zwar in einer armseligen Hütte. Das tägliche Essen bestand zur Hauptsache aus einem Brei, Brot gab es nur einmal pro Woche. «Trockenes Brot und Tee sind ein wahres Festessen», vermerkte sie in einem Brief. Alle Kosten berappte sie aus eigenem Ersparten, aus ihrer AHV und Zuwendungen von Bekannten. Doch immer mehr Kinder, viele mit vom Hunger aufgeblähten Bäuchen, wurden bei ihr abgeliefert, sie brachte sie in zwei weiteren Hütten unter. Im Dezember 1993 schrieb sie ihren Bekannten, sie müsse dringend einen Neubau erstellen, die Zahl der Kinder sei inzwischen auf 220 angestiegen. Für das 30'000 Franken teure Neubauprojekt fehlten ihr noch 20'000 Franken.

Spendenflut an Weihnachten

Ohne dass Margrit Fuchs davon Kenntnis hatte, berichtete das damalige «Badener Tagblatt» über das Engagement der 76-jährigen Windischerin und bat um eine Spende, um den Neubau mitfinanzieren zu können. Statt der erhofften 20'000 Franken spendeten die gerührten Leserinnen und Leser innerhalb von vier Tagen 180'000 Franken, worauf die Gesamtsumme bis Ende Januar 1994 auf über 300'000 Franken anstieg. Vor Freude konnte die Beschenkte tagelang kaum schlafen.

Mit dieser Spendenaktion begann vor 20 Jahren der Durchbruch und die umfassende Tätigkeit des Hilfswerkes – und die Tradition der Zeitungs-Weihnachtssammlungen, die zum eigentlichen finanziellen Fundament wurden und es noch heute sind, zusätzlich verstärkt von der Leserschaft weiterer Zeitungen, die inzwischen dazugestossen sind.

Immer mehr Aktivitäten konnten in der Folge zugunsten der Bedürftigen entwickelt werden. Tausende von Kindern werden heute betreut, Waisenkinder werden in intakten Familien untergebracht oder in Waisenhaushalten betreut, Strassenkinder erhalten Unterstützung und werden nach Möglichkeit in ihre Familien zurückgeführt. Hunderten von Kindern wird der Schulbesuch dank Schulgeldspenden ermöglicht. Über ein Dutzend Schulhäuser wurden erbaut, aber auch Kindergärten und die Universität Gitarama.

Jugendliche können in Werkstätten und Ateliers des Hilfswerkes eine Lehre absolvieren. Notleidende Familien erhalten dank einer Viehspende Hilfe zur Selbsthilfe und zum Überleben. Mütter können in guter Obhut ihr Kind zur Welt bringen, mittellosen Patienten wird der Spitalbesuch ermöglicht. Minikredite verhelfen Frauen und Männern dazu, einen Kleinbetrieb zu eröffnen, um sich den Lebensunterhalt selber verdienen zu können.

Nahtlose Weiterführung

Noch mit 90 Jahren leitete Margrit Fuchs ihr Hilfswerk und das mit der Umsetzung der Spenden beauftragte Bureau Social und betonte immer wieder: «Helfen dürfen macht glücklich.» 2007 kam sie in Ruanda bei einem tragischen Unfall ums Leben. Auch die damalige Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey, welche Margrit Fuchs persönlich in Bern und in Ruanda getroffen hatte, reagierte mit grosser Bestürzung und schrieb: «Wir haben eine grosse Frau verloren.»

Das Lebenswerk aber wird seither von einer Stiftung, der sie in den Jahren zuvor noch selber angehört hatte, weitergeführt. Ebenfalls mit viel Engagement und Herzblut – und dank der Spendefreudigkeit der Leserinnen und Leser der an den Weihnachtssammlungen beteiligten Zeitungen mit breiter Wirkungsmöglichkeit und gemäss dem Motto von Margrit Fuchs: «Helfen dürfen macht glücklich.»

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