Limmattal
Lokaler Einfluss: Wenn Politik im Quartier entsteht

Lokalpolitik wird abseits etablierter Parteien auch immer wieder von unabhängigen Gruppierungen oder Vereinen geprägt. Obwohl einige im Limmattal wieder verschwanden, beteiligen sich andere bis heute aktiv am politischen Alltag im Dorf und blicken optimistisch nach vorne.

Florian Schmitz
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Johann Jahn (Forum Aesch) hatte 2010 am Wahltag gut Lachen, nachdem er zum Gemeindepräsidenten gewählt wurde.

Johann Jahn (Forum Aesch) hatte 2010 am Wahltag gut Lachen, nachdem er zum Gemeindepräsidenten gewählt wurde.

Flavio Fuoli

National geben die bekannten Parteien in der Schweiz politisch den Ton an. Aber lokal nimmt die Anzahl Parteiloser kontinuierlich zu und auch örtliche Gruppierungen, Vereine oder Interessengemeinschaften können mehr Einfluss auf die Politik nehmen. Viele davon sind wegen spezifischer Probleme vor Ort entstanden und richten ihre Politik ganz auf ihr Dorf aus. Aber wie alle Vereine kämpfen sie häufig mit Nachwuchssorgen. Im Limmattal haben sich in der letzten Dekade gleich mehrere Gruppierungen aufgelöst.

In Uitikon trat die Liberal-Demokratische Partei (LDP) 2006 letztmals erfolglos zu Gemeinderatswahlen an. Die 2005 entstandene Interessengemeinschaft «Bürgerforum Bergdietikon» stellte von 2009 bis 2017 mit Gerhart Isler den Gemeindeammann. Nach dessen Rücktritt löste sich das Forum auf. Die letzte verbleibende Ortssektion der ehemaligen Demokratischen Partei wagte in Dietikon den Neustart als Demokratische Partei Dietikon. Vier Jahre politisierte Martin Müller für die DP im Gemeinderat. Nach seinem Wegzug rutschte 2017 Martino Agustoni für ihn ins Parlament nach, wechselte aber auf die Wahlen 2018 zur FDP, wie er auf Anfrage sagt. Heute existiere die Partei nur noch auf dem Papier. In vier Limmattaler Gemeinden bereichern unabhängige Gruppierungen weiterhin die lokale Politik. Trotz vieler Gemeinsamkeiten haben sie auch mit sehr unterschiedlichen Herausforderungen zu kämpfen.

Aesch

Das idyllische Dorf wird als einzige Gemeinde im Bezirk von einem Mitglied einer unabhängigen Gruppierung präsidiert. Seit 2004 politisiert Johann Jahn vom Forum Aesch im Gemeinderat. 2010 wurde er Gemeindepräsident. Seit mehr als 30 Jahren ist er Mitglied im 1986 gegründeten Forum. Es sei damals entstanden, um Parteilose zu vereinen und ihnen eine gemeinsame Plattform zu bieten, erzählt Gründungsmitglied Peter Bretscher. Seither stellte es immer wieder Behördenvertreter. Er habe sich immer gut gestützt gefühlt vom Forum, sagt Jahn. Und es sei als Diskussionsplattform für die Mitglieder immer offen gewesen für verschiedene Meinungen. Obwohl das Forum im Alltag etwas eingeschlafen sei, sei es im Hinblick auf die Wahlen immer sehr aktiv geworden. Weil aber in den letzten 15 Jahren kein Nachwuchs rekrutiert werden konnte, habe man vor vier Jahren entschieden, den Verein aufzulösen, sobald Jahn aufhöre, sagt Bretscher. Doch jetzt keimt neue Hoffnung auf, dass eine jüngere Generation das Forum doch noch weiterführen könnte. «Am Montag treffen wir uns, um die Zukunft zu besprechen», sagt Bretscher.

Oberengstringen

Das Politische Forum Engstringen (PFE) entstand vor 20 Jahren aus der Ortssektion des Landesring der Unabhängigen (LdU), der sich 1999 auflöste. «Der LdU war eine Partei der breiten Mitte und überkonfessionell. Das haben wir für das Forum übernommen», sagt Präsident Kurt Leuch, der seit 2014 im Gemeinderat politisiert. Gleich zu Beginn erlebte das PFE seine erfolgreichste Zeit und stellte 2000 gleich zwei Gemeinderäte und mehrere Vertreter in diversen Behörden. Trotz schwierigem Umfeld schaut Leuch auch heute optimistisch nach vorne. «Wir haben immer wieder Leute, die sich mit keiner der etablierten Parteien identifizieren», sagt er.

Schlieren

In Schlieren politisieren zwei Gemeinderäte für den Quartierverein Schlieren (QVS) im 36-köpfigen Gemeindeparlament. Die Partei wurde 1974 als Quartierverein Mülligen gegründet, um sich gegen das geplante «überdimensionierte Postbetriebszentrum» zu wehren. Dieses wurde schliesslich kleiner als geplant gebaut. Über die Jahre stiessen immer mehr Leute aus anderen Quartieren zum QVS und fortan stand die ganze Stadt im Fokus. Der QVS war von Anfang an politisch aktiv und sicherte sich auf Anhieb drei Sitze im 1974 eingeführten Parlament.

Von 2002 bis 2010 verfügte der QVS über vier Sitze. Bei den Wahlen 2018 resultierten nur noch zwei Sitze und die Partei verlor ihre Fraktionsstärke im Parlament. «Als Schlieren noch dörflicher war, war die Nachfrage nach dem Quartierverein grösser», sagt Präsident Jürg Naumann. Aber die zunehmende Urbanisierung habe das politische Desinteresse gefördert, die Anonymität erhöht und die Politik stärker national ausgerichtet. Deshalb sei der QVS für starke Kandidaturen heute viel abhängiger von einzelnen Persönlichkeiten, sagt Naumann. Neben der Politik erfüllt der QVS auch weiterhin eine Rolle als Quartierverein und organisiert gesellige Veranstaltungen.

Weiningen

In Weiningen beteiligen sich gleich zwei unabhängige Vereine an der Lokalpolitik. Das hat auch mit der Dorfstruktur zu tun. Das Forum Weiningen setzt sich für die gesamte Gemeinde ein. Der Quartierverein Fahrweid hingegen vertritt die Interessen des Ortsteils Fahrweid und fördert das Zusammenleben im Ortsteil. «Die Fahrweid wollte auch beachtet werden», sagt Präsident Hans-Ulrich Furrer. Das gab 1931 den Ausschlag zur Gründung. «Zu den guten Zeiten verfügte die Fahrweid lange Zeit über zwei Gemeinderäte», sagt Furrer. Das sei ein ungeschriebenes Gesetz gewesen, weil ihr gemäss Bevölkerungsanteil zwei Vertreter zustünden. 2018 konnte der Quartierverein seinen Gemeinderatssitz nicht verteidigen. André Wymann verlor die Wahl wegen Stimmengleichheit per Losentscheid. Der Verein sei aber weiterhin gut aufgestellt und habe diverse Projekte am Laufen, so Furrer. Obwohl es schwieriger geworden sei, junge Leute zu rekrutieren, sieht er die Zukunft des Vereins optimistisch.

1966 als Bürgervereinigung Weiningen gegründet, um einen Gegenpol zur Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) zu setzen, nahm das Forum 2001 seinen heutigen Namen an. Von 1970 bis 2014 war das Forum durchgehend im Gemeinderat vertreten. Mit Verena Zbinden wurde eine Forumspolitikerin 1994 zur ersten Gemeindepräsidentin im Bezirk. Heute ist der Verein in allen politischen Behörden vertreten und stellt mit Heinz Brunner den Sozialvorstand. Laut Präsident Konstantin Schütterle ist es nicht so einfach, sich gegen die etablierten Parteien durchzusetzen. Dies hänge stark von den Kandidierenden ab. Das Forum wünsche sich für die Zukunft aber wieder einen zweiten Gemeinderat.