Strategische Allianz Limmattal
Limmattaler Politikern reicht es - sie gründen neue Lobbyorganisation

Politiker aller Lager vereinen sich für Lobbyarbeit beim Bund und den Kantonen Zürich und Aargau.

Sandro Zimmerli
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Die Strategische Allianz Limmattal will die Interessen der Bevölkerung der Region kantonsübergreifend vertreten.

Die Strategische Allianz Limmattal will die Interessen der Bevölkerung der Region kantonsübergreifend vertreten.

Florian Niedermann

Das Limmattal soll an Gewicht zulegen – zumindest auf dem politischen Parkett. Das ist das Ziel der Strategischen Allianz Limmattal (SAL). Oder anders gesagt: Es reicht.

Die oft übergangene Region zwischen den Städten Zürich und Baden mit ihren über 150 000 Bewohnern soll ihren Anliegen endlich Gehör verschaffen. Und zwar bis auf die höchste politische Ebene in Bern. Gelingen kann dies nur, wenn das Limmattal geeint, mit einer Stimme spricht. Denn nur gemeinsam ist man stark, so die Idee hinter der SAL. Deshalb sind auch Kantons- beziehungsweise Grossräte aus allen grösseren Parteien des Limmattals in der Lobbyorganisation vertreten.

Gebildet wird das Kernteam der SAL von den Limmattaler Kantonsräten Rochus Burtscher (SVP), Andreas Geistlich (FDP), Rolf Steiner (SP), Josef Wiederkehr (CVP), Alt-Kantonsrat Andreas Wolf (Grüne), den Aargauer Grossräten Josef Bütler (FDP) Ruth Jo. Scheier (GLP) sowie Alt-Grossrat Gregor Biffiger (SVP). Zudem sind die BDP, die EVP und die EDU im Netzwerk ebenfalls eingebunden.

Aus der Vogelperspektive

Am Mittwochabend erlebte die SAL im Dietiker Stadthaus ihre Taufe anlässlich der Präsentation einer Charta, die von verschiedenen Parlamentariern, von Vertretern von Exekutiven sowie von Industrie, Gewerbe und Handel unterzeichnet wurde. Sie fasst in fünf Schwerpunktbereichen die Anliegen der SAL zusammen.

Identität - Zusammenhalt der Limmattaler stärken

Über 150 000 Menschen wohnen zwischen Zürich und Baden, rechnet die Strategische Allianz Limmattal (SAL) vor. Bestimmt sei die Bevölkerungsstruktur stark durch die Zuwanderung. Das Wohnungsangebot und eine hervorragende Erreichbarkeit würden dazu beitragen. Zudem hätten sich wichtige Industrien und Gewerbebetriebe im Limmattal niedergelassen, nicht zuletzt wegen der guten Verkehrsanbindung. Das Tal sei aber auch ein wichtiger Transitkorridor. Trotzdem ist es eine vielfältige Region geblieben. Jede einzelne Gemeinde des Limmattals hat ihre eigene Identität; die Problemstellungen seien aber oft ähnlich.
Ziel ist es deshalb, die regionale Identität des Limmattals zu fördern, um den Zusammenhalt der Limmattaler zu verbessern und auszubauen. Denn: «Nur gemeinsam sind wir stark!»

Neu sind diese nicht. Der Wunsch nach dem Erhalt von Freiräumen und Grünflächen, die Forderung nach einem möglichst raschen Ausbau der Zürcher Nordumfahrung oder das Eintreten für die Limmattalbahn werden schon seit geraumer Zeit geäussert. Die «Chance Gubrist» oder die «Allianz Pro Limmattalbahn» haben sich diese Forderungen auf die Fahnen geschrieben. Andere Akteure wie die Standortförderung Limmattal rücken in erster Linie das Potenzial der Region in den Vordergrund.

Leben - Einklang von Natur und Siedlung

In Zeiten von Wohnraumknappheit und hohen Mieten in Zürich nimmt die Bevölkerungszahl in der «Boom-Region»Limmattal markant zu. Die Infrastruktur der Gemeinden muss entsprechend ausgebaut werden. In die städtisch geprägten Quartiere würden vor allem «wenig» und «normal» Verdienende zuziehen, stellt die SAL fest. Die Bevölkerungsstruktur sei durch einen hohen Anteil an Sozialfällen und eine tiefe durchschnittliche Steuerkraft gekennzeichnet. Das Tal verfüge über wichtige eigene Infrastrukturen. Der Druck auf die Natur nehme zu, zusätzlicher Erholungsraum sei nötig. Deshalb soll die Besiedlung an den Verkehrsachsen stattfinden, bestehende Grünkorridore, die Talflanken und die Hügel möglichst frei gehalten werden. Infrastrukturen im Bildungs- und Gesundheitsbereich sollen im Limmattal vorhanden sein.

Neu ist, dass nun die Gesamtheit dieser Anliegen in den Fokus rückt, quasi die Vogelperspektive eingenommen wird. «Wir betrachten das gesamte Limmattal», sagte Rolf Steiner. Ihren Ursprung hatte die Idee zur SAL in den prekären Verkehrsverhältnissen im Limmattal. «Doch rasch kamen weitere Themen hinzu», erklärte Rochus Burtscher. Das Ergebnis in Form der Charta «ist als kleinster gemeinsamer Nenner zu verstehen, auf den wir uns einigen konnten», hielt Josef Bütler fest.

Wohnen - Ausgewogene Bevölkerungsstruktur

Die Gemeinden haben sehr unterschiedliche Eigentums- und Wohnformen. In den urbanen Teilen überwiegen die Mietwohnungen, die eher dörflich geprägten Teile weisen hohe Anteile an Einfamilienhäusern auf. Die neu entstehenden Quartiere werden sehr dicht bebaut; die schon länger bestehenden Siedlungen weisen noch Möglichkeiten der inneren Verdichtung auf, so die SAL. Es sei für alle Gemeinden eine grosse Herausforderung, zu verhindern, dass die Zugezogenen das Limmattal nur als anonyme Schlafstadt betrachten. Die SAL wünscht sich eine Vielfalt an Wohnungsgrössen und Preiskategorien, eine gute Qualität des Angebots, damit eine ausgewogene Durchmischung der Bevölkerung gewahrt und das Entstehen von Quartieren mit einer einseitigen sozialen oder ethnischen Struktur verhindert wird.

Der Verkehr bleibt aber ein wichtiges Thema. Nicht zuletzt deshalb, weil die Diskussionen um das Gateway und den Ausbau des Gubristtunnels «das erste Mal dazu führten, dass im Limmattal über die Gemeindegrenzen hinaus zusammengearbeitet wurde», so Josef Wiederkehr. Aber auch das Thema Arbeit darf nicht zu kurz kommen. «Denn die Wirtschaft braucht gute Rahmenbedingungen, weil die Unternehmen wichtige Steuerzahler sind», erklärte Andreas Geistlich. Von Bedeutung sei aber auch der Erhalt von Freiraum, so Andreas Wolf. Ziel des Limmattals müsse überdies sein, dass sich die Einwohner wohlfühlen, ergänzte Ruth Jo. Scheier.

Arbeiten - Ansiedlung und Erhalt von Arbeitsplätzen

Einst ein Industriestandort, dominiert heute das Gewerbe- und Dienstleistungsangebot. Die Nähe zu Zürich und zum Flughafen sowie die Verfügbarkeit von Büro- und Gewerbeflächen zu Agglomerationspreisen sind für Unternehmungen attraktiv, so die SAL. Für die Gemeinden stelle sich auch hier die Frage der Steuerung. Günstige Rahmenbedingungen sollen die Ansiedelung hochwertiger Arbeitsplätze fördern. Sie würden aber auch Firmen mit wenig Wertschöpfung und/oder grossen Immissionen anziehen. Wohnen und Arbeiten sollen räumlich so wenig wie möglich getrennt sein. Die SAL engagiert sich deshalb für die Ansiedelung und Erhaltung von Arbeitsplätzen und Lehrstellen im Limmattal, für die dazu nötigen guten Rahmenbedingungen, wobei die gute Erschliessung mit öV, MIV und Langsamverkehr eine zentrale Rolle spielt.

Neben den Belastungen, die das Limmattal ertragen müsse, wolle man auch das grosse Potenzial der Region herausstreichen und erreichen, dass dies auf kantonaler wie nationaler Ebene besser wahrgenommen wird, erklärt Burtscher. Dass es nicht einfach werden wird, die verschiedenen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Haltungen unter einen Hut zu bringen, ist ihm bewusst. «Wir werden deshalb mit allen Akteuren wie ‹Vorwärts Limmattal›, ‹Gemeindeallianz›, Wirtschaftsverbände, Gemeinden, oder der Standortförderungen Gespräche führen und ihre Anliegen aufnehmen, um dann mit einer Stimme für das Limmattal aufzutreten.» Denn «den Damen und Herren National- und Ständeräten sowie Bundesrätinnen und Bundesräten soll bewusst gemacht werden, dass das Limmattal nicht mehr bereit ist, alles ohne Reaktion entgegenzunehmen», wie es seitens der SAL heisst.

Verkehr - Entlastung der Ortszentren vom Durchgangsverkehr

In einer lebendigen Region lernen die Menschen gemäss SAL, die Folgen des Verkehrs in grossem Mass zu akzeptieren. Sie wehren sich aber zu Recht gegen weitere Belastungen und Aufgaben, die dem ganzen Land dienen und dem Limmattal nur Immissionen bringen, so die SAL. Nur wenn sich das Verhältnis der Verkehrsmittel zugunsten des öffentlichen, Velo- und Fussverkehrs verändere, lasse sich der wachsende Gesamtverkehr störungsarm abwickeln. Die SAL sieht in der Limmattalbahn mit ihren flankierenden Massnahmen für den übrigen Verkehr eine wichtige zu schaffende Infrastruktur, die mithilft, die drängenden Verkehrsprobleme zu lösen. Sie setzt sich für das Projekt Gubristtunnel und die Umsetzung des sogenannten MIV-Projekts ein, um die Ortszentren vom Durchgangsverkehr zu entlasten. Das S-Bahn-Angebot soll weiter optimiert werden.