Analyse
Limmattalbahn schürt Veränderungsängste – doch das ist nicht alles

Warum wurde die Limmattalbahn im Bezirk Dietikon abgelehnt? Ausgerechnet da, wo sie helfen soll S-Bahn und Strassen zu entlasten? Es gibt mehrere Gründe für das Nein im Limmattal, aber einer der hervorsticht.

Jürg Krebs
Drucken
Teilen
Der Limmattower ist neben der Limmattalbahn der Inbegriff für das Wachstum im Limmattal: immer grösser, immer höher, immer weiter. Vor allem die Alteingesessenen in der Region haben Angst vor der Veränderung.

Der Limmattower ist neben der Limmattalbahn der Inbegriff für das Wachstum im Limmattal: immer grösser, immer höher, immer weiter. Vor allem die Alteingesessenen in der Region haben Angst vor der Veränderung.

Sandra Ardizzone

Jetzt haben wir das Geschenk. Der Kanton Zürich stimmt mit 64% Ja der Limmattalbahn mehr als deutlich zu, während der Bezirk Dietikon sie mit 54% Nein ablehnt. Der Stadtbahn steht zwar nichts mehr im Wege, doch es stellt sich die Frage: Wozu eine Bahn, die eine Mehrheit der Direktbetroffenen gar nicht will? Das Ergebnis wird die weitere Diskussion begleiten und bei Detailfragen vielleicht zu einem Umdenken zugunsten der Gegner führen.

Jürg Krebs, Chefredaktor der Limmattaler Zeitung

Jürg Krebs, Chefredaktor der Limmattaler Zeitung

Limmattaler Zeitung

Nur das Limmattal sagt Nein zur Stadtbahn

Am auffälligsten ist: Die übrigen elf Zürcher Bezirke haben allesamt zugestimmt, allen voran mit 73% Ja die Stadt Zürich, auch sie Standortgemeinde. Ausserhalb des Limmattals wurde anerkannt, dass die Limmattalbahn Schiene und Strasse in der Region entlastet und als Fortsetzung der kantonalen Gesamtverkehrsstrategie zu sehen ist, so wie von Regierung und Kantonsrat angepriesen. Dem Limmattal war dies offenbar nicht einsichtig genug.

  • Die Veränderung: Den Nährboden für das Bezirks-Nein bereitete die Wachstumsangst. Bereits an früheren Abstimmungsergebnissen liess sich ablesen, dass die Zunahme der Arbeitsplätze und Bevölkerungszahl Unbehagen auslöst. Die Limmattalbahn gilt als Symbol für diese Entwicklung. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass sie die Veränderung des Bezirks Dietikon vorantreiben wird. Die Angst davor war hier letztlich aber grösser, als die Hoffnung, dass die Bahn diese Entwicklung zum Vorteil der Region steuern kann. Nicht erkannt wurde, dass ein Nein zur Bahn zwar ein Statement gegen die fortschreitende Entwicklung ist, aber eben keine Lösung. Die Limmattaler Gemeinden haben keinen Einfluss auf die Entwicklung, sie können sie nur lenken. Die Stadtbahn ist ein Instrument dafür.
  • Die Gegenargumente: Das Komitee «Masslose Limmattalbahn – Nein» betete seit Monaten sein Mantra von einer «unnötigen, teuren und gefährlichen» Limmattalbahn. Auch wenn einiges davon zu wiederlegen ist. Die Bahn ist weniger gefährlich als jedes Auto und letztlich nicht teurer als die Glattalbahn, der der Bezirk Dietikon einst zugestimmt hat. Aber die Gegner bedienten letztlich erfolgreich Unsicherheiten und Ängste der Bevölkerung.
  • Die Pro-Kampagne: Während die Gegner bereits seit Monaten auf allen Kanälen aktiv waren, reagierten die Befürworter insgesamt sehr spät. Wahrscheinlich zu spät. Zudem führten die Exekutiven der Limmattaler Gemeinden und Städte einen Abstimmungskampf, der als von «oben herab» betrachtet wurde: Politik ohne Kontakt zur Bevölkerung. Das hat sich am Sonntag gerächt.

Ist der Tag tatsächlich historisch?

Die zuständige Regierungsrätin Carmen Walker Späh sprach von einem «historischen Tag für das Limmattal». Damit dies die Bevölkerung im Bezirk Dietikon auch so sehen wird, ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Vielleicht heisst es dereinst: Das Limmattal wurde zu seinem Glück gezwungen.

Hier gehts zum Dossier Limmattalbahn

Aktuelle Nachrichten