Limmattal
Limmattalbahn: Jetzt wird um die Unentschlossenen geworben

Für den Bau der Limmattalbahn zeichnet sich eine deutliche Mehrheit ab. Das ergab eine repräsentative Umfrage, die das Institut Demoscope im Auftrag der az Limmattaler Zeitung durchführte. Wie reagieren die Parteien darauf?

Matthias Scharrer und Florian Niedermann
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Neustart möglich: Laut Umfrage stehen die Chancen gut, dass das Limmattal rund 90 Jahre nach dem «Lisbethli» wieder ein Tram erhält.

Neustart möglich: Laut Umfrage stehen die Chancen gut, dass das Limmattal rund 90 Jahre nach dem «Lisbethli» wieder ein Tram erhält.

Bettina Hamilton-Irvine

Als einzige Kantonalpartei hat die SVP für die kantonale Abstimmung am 22. November die Nein-Parole beschlossen. SVP-Kantonalpräsident Alfred Heer zeigt sich wenig überrascht vom Ergebnis der Umfrage: «Bahnprojekte sind schwierig zu bekämpfen. Auch das Tram wird als positiv angesehen.» Dennoch hält er fest: «Die Limmattalbahn bringt den Verkehr zum Kollabieren. Zudem ist sie teuer. Wir werden weiter dagegen ankämpfen.»

Alfred Heer, SVP Kanton Zürich

«Die Limmattalbahn bringt den Verkehr zum Kollabieren. Zudem ist sie teuer. Wir werden weiter dagegen ankämpfen.»

Pikant: In der Umfrage zeigte sich, dass auch in der SVP-Wählerschaft eine relative Mehrheit für die Limmattalbahn ist: 44 Prozent der SVP-Affinen sprachen sich dafür aus, 20 Prozent dagegen, 35 Prozent waren noch unentschlossen. Darauf angesprochen, sagt Heer: «Von Umfragen halte ich generell wenig.» Er räumt aber ein, dass es auch innerhalb der SVP durchaus Stimmen für die Limmattalbahn gibt.

Insgesamt sprachen sich bei der kantonsweiten Befragung 48 Prozent für die Limmattalbahn aus, 13 Prozent dagegen, und 36 Prozent waren unentschlossen. Josef Wiederkehr, Vizepräsident der kantonalen CVP und Dietiker, ist «erstaunt, wie hoch die Zahl der Unentschlossenen noch ist.» Er fügt an: «Erfreulich ist das insgesamt positive Ergebnis.» Besonders freue ihn, wie vielen bewusst sei, dass die Limmattalbahn auch Entlastung auf den Strassen bringe. Dies nannten 268 der 1000 Befragten als Hauptvorteil des Bahnprojekts.

FDP-Kantonalpräsident Beat Walti kommentiert das Umfrageergebnis so: «Die Grundstimmung für öV-Projekte ist günstig.» Allerdings brauche es jetzt einen Effort, um die Unentschlossenen zu überzeugen. Die FDP werde sich dafür im Rahmen des überparteilichen Komitees einsetzen und auch parteiintern mobilisieren. Auf eigene Inserate oder Plakate für die Limmattalbahn verzichte sie jedoch. «Da steht die Konzentration auf die Ständeratswahlen im Vordergrund», so Walti.

Differenzen beim Öko-Aspekt

Ein Teilergebnis der Umfrage überrascht: Von den Mitte-Wählern finden mehr Befragte (13 Prozent) die Limmattalbahn ökologisch sinnvoll als von den links-grünen Wählern (8 Prozent) – angesichts der geringen Zahlen womöglich ein Zufallsergebnis. Dennoch gibt es Erklärungen dafür: «Links-grün hat die Tendenz, Verkehr und Wachstum allgemein als unökologisch anzusehen», sagt Walti.

Daniel Frei, SP Kanton Zürich

«Viele erleben in den Wachstumsregionen täglich, dass der öffentliche Verkehr ausgebaut werden muss.»

Ähnlich klingts bei Marionna Schlatter, Präsidentin Grüne Kanton Zürich: «Linksgrün ist eher wachstumskritisch.» Die insgesamt deutliche Zustimmung zur Limmattalbahn habe sie erwartet: «Das zeigt, dass ganz viele Leute hinter dem Projekt stehen, weil es die Bahn im Limmattal braucht.» SP-Kantonalparteipräsident Daniel Frei doppelt nach: «Viele erleben in den Wachstumsregionen täglich, dass der öffentliche Verkehr (öV) ausgebaut werden muss.» Der öV-Ausbau in den Wachstumsregionen sei für die Standortattraktivität des ganzen Kantons wichtig. Und: Die Leute hätten gute Erfahrungen damit gemacht, sei es mit der S-Bahn, sei es mit der Glattalbahn.

«Jetzt geht es darum, die Unentschlossenen zu überzeugen», so Frei. «Viele haben sich wohl noch nicht mit dem Thema befasst.» Die in den letzten beiden Oktoberwochen durchgeführte Demoscope-Befragung bestätigt dies: Kantonsweit wussten erst 41 Prozent von der kantonalen Abstimmungsvorlage zur Limmattalbahn.

Limmattaler Reaktionen

Das Komitee «Masslose Limmattalbahn – Nein» will das Umfrageergebnis nicht kommentieren. Christian Meier, Komiteepräsident und Alt SVP-Gemeinderat aus Unterengstringen, begründet dies damit, dass die Umfrage «das aktuelle Bild nicht widerspiegelt». Die Berichterstattung in der gestrigen Ausgabe der Pendlerzeitung «20 Minuten» habe dazu geführt, dass der Meinungsbildungsprozess im Kanton Zürich weiter fortgeschritten sei, als dies die Bevölkerungsumfrage der Limmattaler Zeitung vermuten lasse. «Die Kantonsbevölkerung ist heute also besser mit dem Projekt Limmattalbahn bekannt, als zum Zeitpunkt der Umfrage», so Meier.

Christian Meier, Nein-Komitee

«Die Kantonsbevölkerung ist heute besser mit dem Projekt Limmattalbahn bekannt, als zum Zeitpunkt der Umfrage.»

Erfreut äussert sich das überregionale Komitee «Ja zur Limmattalbahn» zum Ergebnis der Befragung. Co-Präsident und SVP-Nationalrat Hans Egloff will den Abstimmungskampf nun aber nicht auf die leichte Schulter nehmen: «Das Heu ist erst am 22. November im Trockenen.» Das Komitee werde in den nächsten Tagen an sechs Standaktionen im ganzen Kanton versuchen, Unentschlossene zu überzeugen. Dass sich viele Stimmberechtigte noch keine Meinung gebildet haben, erstaunt ihn nicht: «Wir hatten dieses Jahr einige Urnengänge und dazu noch die Wahlen. Ich gehe bei der Abstimmung daher von einer tiefen Stimmbeteiligung aus.»

Rosmarie Joss, Komitee «Dietikon für die Limmattalbahn»

«Ich freue mich über den hohen Anteil der Befürworter unter den Befragten im Bezirk Dietikon.»

Für Philipp Meier vom Schlieremer Pro-Komitee bedeutet die überwiegend befürwortende Haltung im Bezirk und im Kanton, dass es die Gegner der Bahn nicht geschafft hätten, «die triftigen Argumente für das Projekt mit ihrer schrillen Tonart zu überdecken. Es braucht aber im Limmattal nochmals viel Einsatz, damit wir an der Urne gewinnen.» Rosmarie Joss (SP) vom Komitee «Dietikon für die Limmattalbahn» freut sich besonders über den hohen Anteil der Befürworter unter den Befragten im Bezirk Dietikon.

Das Ergebnis der Bevölkerungsumfrage überrascht auch die Stadtpräsidenten von Schlieren und Dietikon nicht. Toni Brühlmann-Jecklin (SP), Stadtpräsident von Schlieren, sagt, dass sich das entstandene Bild mit seiner Erwartung decke, wonach die Akzeptanz für die Bahn in der Limmattaler Bevölkerung viel grösser ist, als dies Verlautbarungen der Gegner vermuten liessen.

Die Exekutiven von Schlieren und Dietikon planen nach der Unterzeichnung des Pro-Manifests vom vergangenen Dienstag aber keinen weiteren Effort, um für die Limmattalbahn zu werben. Unisono stellen sich Müller und Brühlmann auf den Standpunkt, dass es nicht Aufgabe der Stadträte sei, sich allzu sehr in den Abstimmungskampf einzumischen. «Wir haben die Bevölkerung über das Projekt informiert und unsere befürwortende Haltung über die Region hinaus klar vertreten», sagt der Dietiker Stadtpräsident Müller. Der Abstimmungskampf sei nun Sache der verschiedenen Komitees, in denen der Dietiker Stadtrat aber sehr wohl vertreten sei.