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"Lieber einmischen als schweigen"

Der Verein anker bietet Psychisch Kranken Unterstützung. Präsidentin Doris Benker erklärt, wie.

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Doris Benker

Doris Benker

Ursula Känel Kocher

Frau Benker, im Radio wird regelmässig über Behinderungen im Schienennetz infolge von «Personenunfällen» berichtet. Schätzungen zufolge begeht so in der Schweiz jeden zweiten Tag ein Mensch Suizid.
Das ist leider eine traurige Tatsache, ja. Vor allem auch, weil viele junge Menschen betroffen sind. Trotzdem wird Suizidalität in unserer Gesellschaft nicht nachhaltig thematisiert. Nehmen Sie das Beispiel von Carsten Schloter: Vor gut einem Jahr hat er Suizid begangen. Während ein paar Wochen wurde dieser Fall in den Medien breitgeschlagen, danach ging man zum Alltag über.

Vielleicht auch deshalb, weil man jemanden, der Suizid begehen will, nicht davon abhalten kann?
Ich bin überzeugt, dass dies in vielen Fällen möglich wäre. Nicht mit Moralpredigten, wohlverstanden; sondern ganz einfach dadurch, indem man den Mut und das Herz hat, die betreffenden Personen auf ihr Wohlbefinden anzusprechen. Ganz ehrlich: Haben Sie nicht auch schon bei Leuten aus Ihrem Bekanntenkreis das Gefühl gehabt, es gehe ihnen nicht gut – und dann aber nichts unternommen, weil sie sich nicht einmischen wollten?

Man soll sich vermehrt einmischen?
Im Rahmen der «Aktionstage Psychische Gesundheit im Aargau», die im Herbst erstmals unter dem Patronat des Departement für Gesundheit und Soziales des Kantons durchgeführt werden, wird das Thema «Suizid» in zwei Veranstaltungen aufgegriffen; am Weltsuizidpräventionstag am 10. September in Baden und am 22. September in Rheinfelden. Titel: «Reden ist Gold – schweigen ist gefährlich.» Ja, man sollte sich vermehrt einmischen im Sinne von ansprechen, zuhören und reden.

Der Verein anker ist an diesen Aktionstagen auch beteiligt?
Ja, und ich darf mit Stolz sogar sagen, dass wir zur Entstehung einen kleinen Teil beigetragen haben. Basel-Stadt und Solothurn als Beispiel führen schon lange solche kantonalen Gesundheitstage durch. Ich erinnere mich an das entsprechende Plakat in einem Basler Tram: «Hallo, ich bin ein Mensch, keine Krankheit»; es ging dabei um psychische Erkrankungen. Mein Gedanke: So etwas müssen wir im Aargau auch haben! Ich wurde beim Departement Gesundheit und Soziales vorstellig mit der Anfrage, ob sich der Kanton solche Aktionstage vorstellen könnte. So kam das Ganze ins Rollen.

Im Rollen, sprich in einem Veränderungsprozess, befindet sich auch der Verein anker. Die sieben Wohngemeinschaften, in denen begleitetes Wohnen angeboten wird, wurden entweder aufgelöst oder an die Pro Infirmis übergeben. Warum?
Es war für unseren Verein zunehmend schwierig, Mieterinnen und Mieter für die WG’s zu finden. Mich dünkt, der «WG-Wunsch» ist bei jungen Menschen nicht mehr so ausgeprägt. Zudem sind die Krankheitsbilder zunehmend komplexer. Drei Personen zu finden, sie sich in einer Wohngemeinschaft einfügen können, ist nicht einfach.

Sie begleiten aber weiterhin die Wohngemeinschaft in Frick.
Das ist korrekt. Der Verein anker ist weiterhin Vermieter der Wohngemeinschaften Frick und Baden. Mit der Pro Infirmis haben wir aber eine sehr gute Lösung gefunden.

Was ist die Aufgabe als Begleiterin?
Zusammen mit meinem Kollegen besuche ich die Bewohner zwei- bis dreimal pro Monat und frage nach ihrem aktuellen Befinden, wie es bei der Arbeit läuft, ob es Probleme gibt. Begleitetes Wohnen ist nicht zu verwechseln mit betreutem Wohnen: Dort lebt die Betreuungsperson vor Ort; bei begleitetem Wohnen ist dies nicht der Fall. Die Bewohner der WG’s gehen einer Arbeit nach oder besuchen eine Tagesstruktur.

Neu unterstützt der Verein anker mit dem «Kunst-FreyRaum Wangen» erstmals eine ausserkantonale Institution. Mit welcher Motivation?
Das neue, von Ruth Rose Ehemann ins Leben gerufene Projekt steht unter der Trägerschaft des Living Museum Vereins und bietet 100 Tagesplätze für psychisch kranke Menschen aus den Kantonen Solothurn, Aargau, Zug und beider Basel. Uns hat die Idee begeistert und überzeugt.

Viel Erfolg ist seit Jahren dem vom Verein anker initiierte «Arbeits-coach» beschieden, der bei der Reintegration von Psychisch Kranken in der Arbeitswelt zur Seite steht.
Ja, aufgrund der grossen Nachfrage haben wir mit Bernhard Dubs und Barbara Morf mittlerweile zwei Arbeitscoaches, Nicole Hufschmid befindet sich in Ausbildung. Wir hätten zudem gerne einen Arbeitscoach speziell für Jugendliche, aber dieses Projekt braucht noch etwas Zeit.

Zur Person: Doris Benker ist seit 2008 Präsidentin des ankers (Verein für Psychisch Kranke Aargau). www.anker-aargau.ch

Autorin: Ursula Känel Kocher / Gesundheit Aargau

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