Lenzburg
«Leider haben wir keinen Knopf wie der Computer der heisst: delete – löschen»

Der Kommunikations- und Medientrainer Martin Niederhauser redete auf dem Hünerwadelplatz zu den Kindern der Mittelstufe. Er redete von davon, wie das mit dem Vergessen geht oder eben nicht.

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Martin Niederhauser

Martin Niederhauser

Toni Widmer

Liebe Jugendfestkinder

Vor genau einem Jahr stand da oben ein Mann. Er hat, wie ich jetzt, eine Rede gehalten. Wisst ihr noch, wer das gewesen ist? – Nein? Aber ihr wisst sicher noch was er gesagt hat? – Auch nicht?

Genau darum ist es unter anderem auch gegangen. Rolf Kromer, so heisst der Mann, hat hier oben zugegeben, dass er als Kind auch immer alles subito vergessen hat, was am Jugendfest hier oben an diesem Rednerpult gesagt worden ist. Das ist wahrscheinlich das Schicksal aller Rednerinnen und Redner, die solche Reden halten.

Aus diesem Grunde habe ich mich gefragt, wie das so von sich geht mit diesem Vergessen. Ich habe mich auch gefragt, an was alles ich mich noch erinnern kann – und vor allem: warum ich mich noch an Ereignisse erinnere, die längst vorbei sind? Und an andere nicht mehr, obschon sie erst letzte Woche stattgefunden haben.

Könnt ihr euch noch erinnern, wie ihr auf die Welt gekommen seid? Wisst ihr noch, wo ihr zum ersten Mal ein paar Schritte gelaufen seid? Oder habt ihr eine Idee, wann und wo ihr euer erstes Eis gegessen habt?

Alles vergessen, – keine Chance, dass ihr das nach so langer Zeit noch wisst.
Aber ihr wisst sicher noch sehr genau, wie es war, das erste Mal in die Schule zu gehen. Ich weiss nach 45 Jahren noch ganz exakt, welch schrecklich beissende Kniestrümpfe ich an den Beinen hatte. Weiss aber auch noch, dass ich extrem stolz war, wie die Grossen mit meinem braun-weissen Kuhfell-Schulsack durch die Gegend zu stolzieren.

Bestimmt wissen die meisten von euch auch noch ganz genau, wann und warum ihr die ersten Strafaufgaben bekommen habt. Übrigens: Meine Lieblingsstrafaufgabe war, zwei Seiten lang folgenden Satz zu schreiben: „Ich soll während der Stunde nicht so viel schwatzen.“

In unserem Kopf gibt es anscheinend eine Ecke, wo wir solch wichtige Sachen deponieren können. Ich weiss nicht genau wo dieser Platz liegt, aber ich bin sicher, dass es ihn geben muss, sonst würden wir ja ständig wieder alles vergessen.

Meine Grossmutter hat am Schluss ihres Lebens alles vergessen. Zuerst nur, was sie gerade einkaufen wollte. Dann hat sie den Tag mit der Nacht verwechselt und zum Schluss wusste sie nicht einmal mehr ihren Namen... Sie sagte mir einmal: Tinu, ich vergesse einfach alles, ich bin niemand mehr!

Tatsächlich ist der Mensch nur Mensch, wenn er sich an etwas erinnern kann. Nicht nur an seinen eigenen Namen, nein, da sind ganz viele kleine Details wichtig: Wie muss ich beispielsweise auf mein Velo steigen, damit ich sofort losfahren kann? Was alles habe ich im letzten Pfadi- oder Skilager erlebt oder noch wichtiger: wer ist denn meine beste Freundin oder mein bester Kumpel?
Ohne Erinnerungen gäbe es somit keine Freundschaften, keine Geburtstagsfeiern und was noch viel schlimmer wäre: kein Jugendfest!

Ich habe mich auch gefragt, was ich denn gerne vergesse und vor allem schnell? Sind es vor allem die unangenehmen Sachen? Sind es die Momente, wo man einen grossen Mist gebaut hat, etwas, das streng verboten war und man es trotzdem gemacht hat. – Leider ist es genau nicht so!

Ich habe zum Beispiel als Knabe einen solchen Riesenmist gemacht: ich war auf einem Bauernhof in den Ferien. Weil es an einem Tag extrem heiss war, wollte ich mit dem Bauernbuben draussen kalt duschen. Dazu mussten wir im Keller unten einen Gartenschlauch an einen Wasserhahn anschliessen. Die Bäuerin hatte uns noch gewarnt: Passt auf, es hat ganz viele Eier auf dem Holzgestell.“ Wir manöverierten darum ausgesprochen sorgfältig den Schlauch an den Eiern vorbei und konnten draussen herrlich kühl douchen. Dummerweise fuhr der Bruder meines Kollegen mit dem Traktor vorbei. Sofort rissen wir beiden Deppen heftig am Schlauch um ihn abzuspritzen. In diesem Moment sind unten im Keller fast tausend Eier elendiglich zerdeppert...

Ihr könnt nun sicher gut verstehen, dass ich diese Geschichte schon lange vergessen möchte!

Dummerweise lassen sich solche Erinnerungen aber nicht steuern. Sie rutschen immer irgendwie im Kopf umher und bleiben irgendwo hängen. Erstaunlicherweise hat es in diesem Kopf oben so viel Speicherplatz. Leider auch Speicherplatz für ganz viel Bockmist. Kommt noch dazu, dass Erinnerungen ja gar nie dem entsprechen, was wirklich geschehen ist. Da kommt entweder etwas Neues, Erfundenes dazu, man lügt ohne böse Absicht, einfach weil man meint, es sei tatsächlich so gewesen. Oder es fällt etwas ganz Wichtiges weg, das ist dann das grosse schwarze Loch, das schwarze Loch des Vergessens.

Meistens vergessen wir aber zum Glück eher das Unwichtige, dasjenige wovon wir denken, dass wir es nie mehr brauchen. Zum Beispiel komplizierte Französischwörtchen, die Namen aller Alpenpässe in der Schweiz oder das Datum der Gründung des Kanton Aargaus.

Leider haben wir keinen Knopf wie der Computer der heisst: delete – löschen. Ihr könnt nicht selber entscheiden, ob ihr etwas vergessen wollt und vor allem wann ihr es vergessen wollt. Diesen Riesenmist, den ich als Knabe gemacht habe, vergesse ich sicher nie, dafür möchte ich mich in Frankreich an all die schwierigen Französischwörter erinnern, aber sie kommen mir, wenn ich sie dort dringend bräuchte, einfach nicht in den Sinn.

Schwieriges Geschäft, dieses Vergessen und Erinnern.

Es gibt nur einen Trick, den ich bis jetzt herausgefunden habe: man muss etwas ganz Unerwartetes, etwas Ausserordentliches tun, dann geht das am Besten mit dem „Sich Erinnern“.

Genau so etwas mache ich jetzt.
(Redner steigt von der Bühne runter, geht mitten in die Kinder)
Da seid ihr nicht darauf vorbereitet gewesen, dass ein Jugendfestredner plötzlich hinter seinem Pult hervorkommt und ins Publikum geht und da noch Fragen stellt. Genau das mache ich jetzt:
(Interview mit 2-3 Kindern)
• Welches ist das Ereignis, das am längsten zurückliegt und an das du dich immer noch erinnerst?
• Welches ist im Zusammenhang mit dem Jugendfest dasjenige, an das du dich am liebsten erinnerst?
• Gibt es etwas, das du unbedingt vergessen möchtest und es klappt einfach nicht?
Super, danke viel mal für eure Mithilfe bei meiner Rede.
Was muss ich jetzt noch tun, damit ihr diese Jugendfestrede endgültig nie mehr vergesst?
Einen Handstand? – Etwas schwierig wegen diesem Zylinder
Eine rote Nase anziehen? Kein Problem! (Redner zieht eine Clownnase an)
Und jetzt? Wie hört diese Rede auf? Moment...ääääh, also... Ich glaube... Ich glaube, ich habe es wirklich vergessen!
Hat jemand eine Idee, wie ich jetzt aufhören könnte?... Niemand?
Ah – vielleicht steht es oben beim Pult auf meinem Spickzettel.
(Redner geht nach oben zum Pult)
Jetzt weiss ich es wieder! (Redner lupft den Hut und schmeisst Sugus in die Runde)
Tschüss, habt einen prächtigen, UNVERGESSLICHEN Tag – es ist der wichtigste und schönste im ganzen Jahr!
(Redner wird während der Rede unmerklich immer grösser, steht auf einer für’s Publikum unsichtbaren Leiter)

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