Langenthal
«Lehrer sind nicht links, aber kritisch»

In Langenthal sind sechs Schulleiter tätig: Vier Leiter der Volksschulzentren (alles Männer), eine Leiterin des Kindergartens und die Leiterin der Langenthaler Tagesschule. Die Schulleiter und ihre politischen Überzeugungen – Wie wirkt sich das aus?

Johannes Reichen
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Die Schulleiterkonferenz (v.l.): Rita Keusen, Peter Rubeli, Armin Flükiger, Rolf Baer, Martin Imobersteg und Nathalie Scheibli. Hanspeter Bärtschi

Die Schulleiterkonferenz (v.l.): Rita Keusen, Peter Rubeli, Armin Flükiger, Rolf Baer, Martin Imobersteg und Nathalie Scheibli. Hanspeter Bärtschi

Solothurner Zeitung

Als die Pausenglocke erklang und fröhlicher Lärm aus dem Gang ins Zimmer drang, kam etwas Unruhe auf in der kleinen Runde. Es wurde ein bisschen getuschelt, der Redner musste jetzt ein bisschen lauter sprechen, um sich Gehör zu verschaffen. Bald aber wurde es wieder still im Schulhaus, so schwiegen auch sie wieder und hörten zu.

Es waren keine Schüler, die um einen Tisch sassen und einem Vortrag folgten. Es waren Lehrer: Die Leiter der vier Langenthaler Volksschulzentren, die Leiterin des Kindergartens und die Leiterin der Langenthaler Tagesschule (Rita Keusen). Jeden Dienstag treffen sie sich zur Schulleiterkonferenz. Nun war Franz Felder zu Gast.

Felder, Fachbereichsleiter Planung, Umwelt, Energie im Langenthaler Stadtbauamt, war in der Sache Pedibus gekommen. Er erläuterte dieses Konzept des begleiteten Schulwegs. Es ging nicht um eine Entscheidung, aber er sagte: «Ohne eine Rückmeldung der Schule passiert da nichts.»

Als Felder anderthalb Stunden später wieder ging, konnte man den Eindruck haben, dass es in Langenthal nie einen Pedibus geben wird.

Keine extreme Meinung

Es ist erst einmal auffällig und ungewöhnlich: Die vier Schulzentren in Langenthal werden von vier Männern geleitet. Alle sind etwa gleich alt und Mitglied einer bürgerlichen Partei. Aktuelle Sitzverteilung: 2 FDP, 1 SVP, 1 BDP. Dazu kommt Nathalie Scheibli, Kindergarten-Leiterin und SP-Stadträtin. Die Frage an die Schulleiter ist: Wie sehr prägen sie ihre politischen Überzeugungen im Schulalltag?

Sie geht zuerst an Armin Flükiger. Er steht der Schulleiterkonferenz vor, leitet das Kreuzfeld 1–3, ist SVP-Stadtrat, und sagt: «Ich kann es mir in meiner Aufgabe nicht leisten, eine zu extreme Meinung zu haben. Ich gehe eher diplomatisch und vermittelnd vor.»

Nur der Sieg zählt

Flükiger war früher Fussballtorwart, heute trainiert er Handballjunioren. «Für mich zählt nur der Sieg», sagt er. Wie die Schule den ermöglichen soll? Eine Hand genügt ihm zur Aufzählung. Daumen: «Leistung.» Zeigefinger: «Disziplin.» Mittelfinger: «Ordnung.» Ringfinger: «Pünktlichkeit.» Um in Sport und Schule Ziele zu erreichen, sei zudem eine sehr gute zwischenmenschliche Beziehung zu allen Beteiligten erforderlich.

Dann steht er auf und holt einen gelben Zettel. Es ist der «Leitfaden für Eltern von Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren», es geht um den Umgang mit Ausgang, Alkohol, TV, Computer, Sackgeld, Drogen. Wenn man sich stets daran hält, gilt man wohl als strenger Erzieher. Er findet ihn gut. «Wir haben auch ein Sicherheitskonzept in der Pipeline», sagt Flükiger und lacht: «Das ist dann SVP.» Also wohl noch strenger. Er fühle sich in der SVP-Umgebung sehr wohl und verstanden, könnte aber auch in einer anderen Partei sein.

In der FDP vielleicht, wie Rolf Baer. «Ich bin dem Leistungsprinzip verpflichtet», sagt er, Leiter des Schulzentrums Hard und Langenthaler Gemeinderat, «und ich fühle mich als Vermittler.» Was er sonst sagt, klingt dann weniger nach FDP. «Mir ist keine Sekunde langweilig. Es ist so spannend, mit Kindern zu arbeiten. Ich ging gerne zur Schule, und das gebe ich gerne weiter.»

Es klingt eher so, als dass sich die Schule nicht zu sehr von der Politik vereinnahmen lassen sollte: «Die Schule bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen hohen Ansprüchen und knappen Mitteln. Wir dürfen uns davon nicht die Freude verderben lassen.»

Wohlwollende Strenge

Martin Imobersteg, auch in der FDP: «Ich habe diese liberale Haltung, die früher einmal gross war», sagt der Elzmatte-Leiter. Für ihn ist sie in der Schule noch immer zentral. «Ich bin für Eigeninitiative. Ich bin für klare Regeln. Und wenn sich jemand nicht an die Regeln hält, dann muss man den Einzelfall anschauen.»

Imobersteg sagt, ein Lehrer dürfe auch in der Schule mal eine politische Meinung äussern, diese dann aber klar als eine solche deklarieren. Wichtiger aber: Er wolle «mit wohlwollender Strenge» Schule geben. Die Schüler müssten jeden Tag neu angenommen werden. «Es sind nicht alle gleich.»

Es wollen auch nicht alle Künstler werden. Peter Rubeli wollte es. Eher zufällig ist er dann aber Lehrer geworden. So weit voneinander entfernt sei das nicht, sagt der Kreuzfeld-4-Leiter. «Heute herrscht primär die Meinung, junge Menschen müssten fit für die Wirtschaft gemacht werden. Das ist aber das sekundäre Ziel: Das Verständnis für unsere Kultur und Gesellschaft ist Basis für die Bildung.»

Unterschiedliche Haltungen

Rubeli war früher in der SVP, jetzt in der BDP, er zählt sich zur «bürgerlichen Mitte» und räumt auf mit einem Vorurteil. «Lehrer sind nicht links.» Alle fünf Schulleiter sagen das. Offenbar halten sich in den Lehrerzimmern die politischen Verhältnisse in etwa die Waage. «Lehrer sind grundsätzlich offen», fährt er fort, «und in einem positiven Sinn kritisch.» Aber natürlich müssten sich Lehrer für soziale Anliegen einsetzen, das gehöre zum Beruf.

Und so spürt Nathalie Scheibli nicht so sehr, dass sie als Einzige in der Schulleiterkonferenz einer linken Partei angehört. Und dass die vier Schulen in bürgerlichen Händen sind, sei auch nicht so bedeutsam. «Wir haben immer wieder unterschiedliche Haltungen, wir führen intensive Diskussionen.» Auch in der
Pedibus-Diskussion hatte sie eine andere Meinung als die vier Männer.

Viel mehr fällt ihr auf, dass sie die einzige Frau in der Schulleiterkonferenz ist, in der sie, als sie neu war, «Hörner abstossen» musste. «Ich vermisse es, dass sich Frauen zu wenig hervor tun, wenn es eine Leitungsstelle eines Schulzentrums neu zu besetzen gibt.»