Ratgeber Gesundheit
Läuft meine Nichte in Gefahr, magersüchtig zu werden?

Meine Nichte (bald 18) sehe ich etwa drei- bis viermal pro Jahr; bisher ein hübsches, stets fröhliches Mädchen, dass die obligatorische Schulzeit ohne nennenswerte Probleme hinter sich gebracht hat und jetzt in der KV-Lehre ist. Jetzt habe ich sie länger nicht mehr gesehen – und bin erschrocken: Sie ist extrem dünn geworden. Dadurch, dass sie tagsüber auswärts isst, hat meine Schwester keinerlei Kontrolle mehr über das Essverhalten. Gespräche darüber weicht meine Nichte aus. Sie esse am Abend hauptsächlich Salat, ab und zu eine Frucht oder ein kalorienarmes Jogurth, sagt meine Schwester. Ich mache mir Sorgen, weiss aber nicht, ob ich meiner Nichte gegenüber etwas sagen soll? Gibt es „klare Anzeichen“ für eine Magersucht? Wie könnte ich meiner Nichte (respektive auch meiner Schwester) helfen?

Dr. med. Daniel Münger
Dr. med. Daniel Münger
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Gesundheit Aargau
Dr. med. Daniel Münger  Leitender Oberarzt Jugendpsychiatrie im Kantonsspital Aarau KSA

Dr. med. Daniel Münger  Leitender Oberarzt Jugendpsychiatrie im Kantonsspital Aarau KSA

Gesundheit Aargau

Die Beunruhigung, die Sie zum Ausdruck bringen, ist gut nachvollziehbar. Eine junge Erwachsene, die an Gewicht abnimmt und sich nicht mehr ordentlich ernährt, löst in ihrer Umgebung in der Regel Alarm aus. Die geschilderten Auffälligkeiten können klare „äussere“ Anzeichen für eine Magersucht sein. Gründe für eine Gewichtsabnahme können allerdings vielfältiger Natur sein, weshalb sich eine gezielte fachliche Abklärung empfiehlt. Körperliche Krankheiten, wie zum Beispiel chronische Entzündungen, Stoffwechselerkrankungen und Ähnliches, aber auch psychiatrische Erkrankungen, wie zum Beispiel eine Depression, bei der Appetitlosigkeit eines der Symptome sein kann, können die Ursache für diese Gewichtsabnahme sein. Sollte es sich um eine Anorexia nervosa (Magersucht) handeln, also eine psychosomatischen Erkrankung, dann besteht sehr häufig die Situation, dass die daran erkrankten Frauen, seltener auch Männer, sich nicht einer fachlichen Abklärung und Therapie unterziehen möchten. Aus diesem Grund ist Überzeugungs- und Motivationsarbeit seitens des Umfeldes (Familie, Gleichaltrige) aber auch durch die Fachleute unbedingt notwendig. Die Chance (Prognose), dass Ihre Nichte durch eine gezielte Therapie durch Fachpersonen (Arzt, Psychiater, Ernährungsberaterin) geheilt werden kann, ist bei einer Magersucht mit einer ersten Krankheitsphase im jungen Erwachsenenalter, sehr gross. Deshalb lohnt sich ein zeitnahes Installieren einer entsprechenden Abklärung und Therapie sehr.