Bern
Langenthaler plötzlich in der Nähe islamischer Fundamentalisten

Ein 21-jähriger, strenggläubiger Langenthaler Muslim verteilte mit Kollegen unbesonnen Korane, die von einer radikalislamischen deutschen Salafisten-Gruppe stammten, welche einen islamischen Gottesstaat befürworten.

Lucien Fluri
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Mohamed Ali verteilt in Bern den Koran: In Deutschland sorgen solche Aktionen für Kritik. Screenshot

Mohamed Ali verteilt in Bern den Koran: In Deutschland sorgen solche Aktionen für Kritik. Screenshot

Eine radikalislamische Salafisten-Gruppe bewegt die deutsche Öffentlichkeit. 300000 Koran-Exemplare haben die Befürworter eines islamischen Gottesstaates in den letzten Monaten in deutschen Fussgängerzonen verteilt. Nun wird bekannt: Auch in der Schweiz wurden Exemplare aus dem Bestand des radikalen deutschen Vereins «Die wahre Religion» verteilt.

Wer weiss mehr über Mohamed Ali?

Der 21-jährige, strenggläubige Langenthaler Muslim Mohame Ali verteilte strengmuslimische Gottesstaat-Korane. Wer weiss mehr über Ali und seine «Freunde»? Bitte melden an redaktion@langenthalertagblatt.ch oder Telefon 062-919 50 23

Ein junger Langenthaler Muslim hat sie mit sieben Kollegen unters Volk gebracht. Dies meldet das Online-Magazin «Tink.ch.» Rund 1000 Exemplare sollen die jungen Muslime zwischen Herbst 2010 und vergangenem Februar in Bern, Zürich und St. Gallen verschenkt haben. Mit dabei war ein 21-jähriger Somalier, der seit 15 Jahren in der Schweiz ist, in Langenthal lebt und derzeit die Berufsmatura absolviert.

Vorurteile abbauen

Laut «Tink.ch» ist Mohamed Ali streng gläubig, betet fünfmal täglich Richtung Mekka und kennt 40 Koran-Suren auswendig. Er habe noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken, sagte er dem Online-Journalisten Dominik Galliker. Muslime, die noch nie im Koran gelesen hätten, «wissen gar nicht, an was sie glauben». Mit ihrer Aktion hätten die acht jungen Männer versucht, Vorurteile gegenüber Muslimen abzubauen, so Ali zur Motivation. «Ein guter Muslim versucht, andere auf den richtigen Weg zu führen. Mit klaren Argumenten, ohne Manipulation.»

Ali bezeichnet sich selbst als Mitglied des Islamischen Zentralrates der Schweiz, ist dort aber nicht als aktives Mitglied bekannt. Mit seinen Eltern floh er vor dem Bürgerkrieg aus Mogadischu. Er sei streng nach Koran erzogen worden, vertraute er Galliker an. Seine Familie besitze einen F-Ausweis. Zwei Einbürgerungsgesuche für ihn seien fehlgeschlagen.

«Ich kann auf Minarette verzichten»

Die Meldung über das Verteilen des Korans in der Schweiz ist einem Zufall zu verdanken: Der Autor des Textes wartete in Bern auf eine Bekannte, als er von Ali am Loeb-Ecken in perfektem Berndeutsch angesprochen wurde. Nach mehreren Stunden Gespräch entstand zuerst ein Porträt, in welchem Ali über die Mühen und Diskriminierung junger Muslime spricht, etwa über Bewerbungsgespräche für Frauen mit Kopftuch.

Auch über den Glauben äussert sich Ali darin: «Allah ist für mich der einzige Gott.» Als gläubiger Muslim sagt er zudem, er hege keinen Groll wegen des Minarettverbotes: «Ich kann auf Minarette verzichten.» Für diese Zeitung war der junge Mann gestern nicht erreichbar. Er weilt in den Ferien in Dubai. Alle von «Tink.ch» zitierten Sätze seien jedoch von Ali autorisiert, erklärt Galliker.

Keine fremden Geldgeber

In Deutschland ist der öffentliche Druck inzwischen so gross, dass die bisherige Koran-Druckerei, ein Ulmer Unternehmen, den Auftrag für weitere 50000 Exemplare nicht mehr ausführen will. Drucken liess die Ausgaben der Verein «Die wahre Religion». Auf seiner Internetseite hat er die Koran-Exemplare für einen Euro pro Stück angeboten. Dort wollen auch die acht jungen Schweizer Muslime ihre rund 1000 verteilten Exemplare gekauft haben.

Finanziert hätten sie diese aus ihren eigenen Taschen, sagte Ali gegenüber «Tink.ch». Wer hinter der Internetseite stehe, habe er dagegen nicht gewusst. Er sei überrascht gewesen, als er erfahren habe, dass dahinter radikalislamische Salafisten steckten.

Bürgerliche deutsche Politiker warnen vor den Gefahren, die von der salafistischen Gruppe für den Staat ausgingen. Sie werfen dieser vor, mit der Verteilung neue Anhänger für ihre salafistische Ideologie gewinnen zu wollen. CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich warf der Gruppe vor, die Religion für ideologische Machtansprüche zu missbrauchen. Dagegen hält die deutsche Opposition das Thema für überspitzt. – Niemand sei zum Terroristen geworden, nur weil er in einer Fussgängerzone einen Koran geschenkt erhalten habe, sagte etwa SPD-Politiker Michael Hartmann gegenüber «Spiegel Online». Liberale merkten an, es gehöre zur Religionsfreiheit, Korane oder Bibeln verteilen zu dürfen.

Ablehnung der Schweizer Muslime

Mittlerweile löst die Aktion des Langenthalers auch Reaktionen bei muslimischen Verbänden in der Schweiz aus. Gegenüber «20 minuten online» erklärte Hisham Maizar, Präsident der Muslimischen Dachorganisation der Schweiz, die Schweizer Aktivisten seien einfach junge motivierte Muslime. Abdel Aziz Qaasim Illi, Vorstandsmitglied des umstrittenen Islamischen Zentralrates Schweiz (IZRS), sagte gegenüber «Tink.ch», dass er zum ersten Mal von der Aktion höre. Illi bezeichnete das blosse Verteilen des Korans als «nicht sinnvoll». Lese jemand einige Verse ohne das nötige Hintergrundwissen, könne dies gar zu Vorurteilen führen.

Laut Illi ist die Zahl der Salafisten in der Schweiz verschwindend klein. «Unter den 400000 Muslimen in der Schweiz leben schätzungsweise 300 bis 400 Salafisten», sagte er. Der IZRS seinerseits geriet zuletzt vergangenen Sommer national in die Kritik, als die «Sonntags-Zeitung» schrieb, der Schweizer Nachrichtendienst vermute salafistische Geldgeber aus dem Ausland hinter dem IZRS. Dieser wehrte sich gegen die Aussagen. Der Schweizer Nachrichtendienst kam darauf zum Schluss, dass keine Gefahr durch die Organisation vorliege.