Können diese Augen lügen?

Usain Bolt dürfte auch diese Woche in Moskau zum absoluten Star der Leichtathletik-WM werden. Gleichzeitig werden seine Leistungen stärker infrage gestellt denn je.

SaW Redaktion
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So schnell Usain Bolt auch läuft – den Schatten des Doping-Verdachts wird er nicht los. Foto: Key

So schnell Usain Bolt auch läuft – den Schatten des Doping-Verdachts wird er nicht los. Foto: Key

Schweiz am Wochenende

Usain Bolt verarscht doch die Leute», sagt Manfred Ommer. Der einstige BRD-Sprinter scheint zu wissen, wovon er spricht: Bereits 1977 gab Ommer Doping zu – drei Jahre, nachdem er bei Europameisterschaften in Rom die Silbermedaille über 200 m gewonnen hatte. «Die deutschen Sprinter, die laufen sich warm, die machen Gymnastik, und der kommt in Badelatschen ins Stadion, guckt ein bisschen blöd in der Gegend rum, dann zieht der seine Spikes an und läuft im Vorlauf mal locker 9,8. Das ist doch Verarsche. Dann kann es passieren, dass der deutsche Athlet irgendwann auch sagt: Pass mal auf, wenn ich deine Pillen hätte, wäre ich auch so schnell.»
Bolt muss viele unbequeme Fragen beantworten in diesen Tagen. Seit Mitte Juli bekannt wurde, dass mit dem US-Amerikaner Tyson Gay und dem Jamaikaner Asafa Powell zwei seiner stärksten Herausforderer positive Dopingproben abgegeben haben, beherrscht das Thema Doping die Leichtathletik-Schlagzeilen. Nur logisch also, dass mit Bolt gleich auch jener Mann in den Mittelpunkt rückte, welcher die Leichtathletik mit seiner Mischung aus sportlicher Überlegenheit und grossartiger Show in den vergangenen fünf Jahren geprägt hat. Wieso sollte ausgerechnet der Schnellste der Schnellen nicht gedopt sein?
Auch im 100-m-Final von heute Abend (19.50 Uhr) kann sich Bolt eigentlich nur selber schlagen. So wie an der WM 2011 in Daegu (Südkorea), als er nach einem Fehlstart disqualifiziert wurde und den Titel so seinem Trainingspartner Yohan Blake überliess, der in Moskau verletzungshalber fehlt. Ein zweites Mal soll Bolt ein solches Malheur aber nicht passieren. «Ich will dreimal Gold gewinnen», sagt er – über die 100 und 200 m sowie mit der 4×100m-Staffel. Gelingt ihm dies, würde er den legendären Carl Lewis (USA) als erfolgreichsten WM-Teilnehmer ablösen. Lewis hatte insgesamt zehn Medaillen gewonnen (achtmal Gold, je einmal Silber und Bronze), Bolt steht bei sieben (fünf Gold und zwei Silber).
Während Lewis zu seiner Zeit zwar positiv getestet, aber nie gesperrt wurde, ist Bolt in Sachen Doping unbescholten. «Ich bin sauber», sagt er, im Wissen darum, dem Schatten des Doping-Verdachts ohnehin nicht entkommen zu können. «Die jüngsten Ereignisse schaden dem Image des Sports», sagt er. «Ich versuche einfach immer, mein Bestes zu geben, um ebendiesen Sport wieder nach vorne zu bringen.»
Tatsächlich ist der Imageschaden für die Leichtathletik durch die Fälle Tyson Gay und Asafa Powell beträchtlich. Dies hat auch damit zu tun, dass die Sprinter in der Öffentlichkeit unter besonderer Beobachtung stehen. «Die 100-m-Sprinter hatten schon immer einen starken Einfluss auf die Öffentlichkeit und die Medien», sagt Lamine Diack, Präsident des internationalen Leichtathletik-Verbandes. Deshalb sei die Auswirkung eines positiven Tests eines Sprinters immer dramatischer.
Auf der anderen Seite bedeutet dies auch, dass viele Fälle in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Dass der türkische Verband kürzlich 31 Leichtathleten für zwei Jahre gesperrt hat, schlug in den Medien keine hohen Wellen. Ebenso wenig der Umstand, dass in Russland gegenwärtig 44 Leichtathleten wegen Dopings gesperrt sind. Beide Nachrichten dürfen jedoch als Zeichen dafür interpretiert werden, dass der Anti-Doping-Kampf in der Leichtathletik einen Schritt weitergekommen ist.
Gleichzeitig wurde im Zusammenhang mit den jüngsten Fällen gern übersehen, dass es beim Jamaikaner Asafa Powell und seiner Landsfrau Sherone Simpson nicht um gravierende Verstösse ging. So könnte das bei Powell entdeckte Stimulans Oxilofrin, wie von Athleten behauptet, tatsächlich über verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel in seinen Körper gelangt sein. Stutzig macht allerdings, dass sich in der jamaikanischen Leichtathletik in den vergangenen Monaten solche leichte Dopingfälle gehäuft haben. Dopingexperten vermuten deshalb, dass mit den vermeintlich harmlosen Stimulanzien andere Substanzen verborgen werden.
Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass heute wohl ausgerechnet ein überführter Doper der ärgste Rivale Bolts sein wird: Justin Gatlin. Der Amerikaner war nach seinem 100-m-Olympiasieg vier Jahre wegen Dopings gesperrt. An Gatlins Rückkehr schieden sich die Geister: Bei mehreren Einladungsmeetings wie etwa Weltklasse Zürich gilt er seit seiner Sperre als Persona non grata, beim Meeting in Monaco hingegen trat er unlängst gar als Werbeträger auf Plakaten auf.
Auch Bolts Aufmerksamkeit hat Gatlin: Der Übersprinter bezeichnete seinen Rivalen im Vorfeld der WM als «lästig». Das ist aus dem Mund des Sprintkönigs fast schon ein verbaler Ritterschlag. Doch sich aufhalten lassen von Gatlin? Das kommt für Bolt nicht infrage. «Wenn ich aufhöre, will ich zu den Grössten gehören», sagte er: «Leute wie Michael Jordan, Pelé, Muhammad Ali – zu ihnen will ich aufschliessen.»
Viel fehlt ihm dazu nicht mehr, vorausgesetzt, Bolt behält seine reine Weste in Sachen Doping. Manfred Ommer glaubt nicht daran: «Irgendwann werden sie Bolt aus dem Verkehr ziehen. Es ist nicht ohne diese leistungssteigernden Mittel machbar.» Sollte Ommer recht bekommen, wäre der Schaden für die Leichtathletik um ein Vielfaches grösser als im aktuellen Fall.
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