Unterengstringen
Klein aber fein: Im 1-Personen Häuschen lebt es sich gemütlich

Das wohl kleinste bewohnte Haus der Schweiz steht im geschichtsträchtigen Teil von Unterengstringen.

Senada Haralcic
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Das kleinste Haus in Unterengstringen
8 Bilder
Für viele Spaziergänger ist dieses Häuschen ein Grund zum Stehenbleiben: Die Mieter werden oft gefragt, wie es sich in solch einem kleinen Haus wohl lebt.
Das Häuschen hat 30 Quadratmeter Wohnfläche.
René Zimmermann, Nicole Zambrana und Tochter Thais fühlen sich hier wohl.
Mit einem Handgriff hat man Zugang zu allem.
Das Häuschen musste renoviert werden, denn es war früher nicht in besonders gutem Zustand.
Das Schlafzimmer: Klein, aber gemütlich.
Viel Platz ist da nicht: Manchmal muss der Kopf eingezogen werden.

Das kleinste Haus in Unterengstringen

Senada Haralcic

Man muss sich das vorstellen: Wenn René Zimmermann Fussball schaut und Lust auf ein Bier hat, braucht er nicht mal aufzustehen. Der 45-Jährige kann von seiner gemütlichen Sitzecke aus direkt in den Kühlschrank greifen. Denn Wohnzimmer, Küche und Badezimmer sind auf vier Metern Breite und sechs Metern Länge verteilt. Zimmermann sagt dazu: «Das ist ein riesiger Vorteil», und lacht. Er und seine Freundin Nicole Zambrana und Tochter Thais wohnen im wahrscheinlich kleinsten Haus der Schweiz, das im historischen Teil der Gemeinde Unterengstringen an der Dorfstrasse steht.

Zu der Behauptung, dass es sich um das kleinste Haus der Schweiz handelt, kommt ein User der Foto-Sharing-Website «Google Panoramio». Dort ist ein Foto des Häuschens hochgeladen worden mit der Bildlegende: «The smallest House of Switzerland». Auf Anfrage sagte der User, dass er dies zwar nicht abschliessend bestätigen könne, aber es sei doch in der Tat ein sehr kleines Haus, was ihn zu dieser Behauptung veranlasste. Auf Anfrage bei der Gemeinde Unterengstringen konnte die Behauptung ebenfalls nicht bestätigt werden, da die benötigten Daten, die es für diese Beurteilung brauche, nicht auf Anhieb verfügbar seien. «Aber es ist durchaus möglich», hiess es von der zuständigen Stelle im Bauamt.

Staunende Spaziergänger

Nichtsdestotrotz – für viele scheint es das kleinste bewohnte Haus zu sein, das sie je gesehen haben. Oft würden Passanten, die im historischen Teil Unterengstringens an der Dorfstrasse spazieren gehen, verdutzt vor dem weissen Häuschen mit den braunen Balken stehen bleiben. «Ich habe oft solche Szenen beobachtet. Manchmal werde ich auch von den Spaziergängern angesprochen, wie es sich in solch einem kleinen Haus wohl lebt», sagt Zimmermann mit einem kleinen Schmunzeln. In seinem Mietvertrag steht, dass das Haus über rund 30 Quadratmeter Wohnfläche verfügt. «Aber das oberste Geschoss, das unser Schlafzimmer ist, wird dabei nicht angerechnet, da es mit seinen Dachschrägen nicht als Wohnfläche gilt», so der 45-Jährige. Es sei also immerhin doch ein bisschen grösser als die offiziellen 30 Quadratmeter.

Die Grösse ist längst nicht die einzige Eigenschaft, die das Haus zu etwas Besonderem macht: Es ist ausserdem ein «interessanter und ansprechend proportionierter Zeuge einer sozialen und baukünstlerischen Epoche» – so steht es im Register des Kantons Zürich. Das Haus gehört zum geschützten Inventar der Gemeinde Unterengstringen.

Vor dem 19. Jahrhundert erbaut

Es wurde vor dem 19. Jahrhundert als Nebengebäude des ersten Schulhauses in Unterengstringen am Rande der Dorfstrasse erbaut. Genutzt wurde es ursprünglich als Waschhaus und es diente auch als Speicher. Eine gewisse Zeit beherbergte das Häuschen offenbar auch eine Milcheinnehmerei: Schätzungsweise um das Jahr 1848 brachten die Bauern aus der Region ihre Milch hier hin. Von dort aus wurde die Milch via Spanischbrötlibahn in die Zürcher Innenstadt transportiert. Anfangs der 1990er-Jahre wurde das Haus schliesslich renoviert, seither ist es bewohnbar.

«Dass das Häuschen eine solche Vergangenheit hat, macht uns schon sehr stolz», sagt der jetzige Bewohner, René Zimmermann. Schon als er das Haus zum ersten Mal sah, habe er gespürt, dass es etwas Besonderes ist: «Es hat sehr viel Charme. Hier zu leben ist eine grosse Freude.» Entdeckt hat Zimmermann das Häuschen nach der Trennung von seiner Partnerin im Jahr 2005: «Damals suchte ich eine kleine Wohnung und stiess auf ein ungewöhnliches Inserat: Ein 1-Personen-Häuschen verteilt auf drei Etagen», so der 45-Jährige. Am Schluss hat er sich unter rund 250 Bewerbern durchgesetzt. «Anfangs lebte ich hier alleine, dann zog meine Freundin mit ihrer Tochter ein. Und auch wenn wir heute zu dritt hier leben, finden wir es nicht zu eng.» Man müsse halt jeden Zentimeter optimal ausnutzen, so Zimmermann.

Die Grösse als Vorteil

Die «Grösse» sei sogar durchaus ein Vorteil: Es braucht keine Heizung, wenn der Racletteofen an ist. Auch seine Freundin, Nicole Zambrana, kann sich nicht beklagen: «Es ist sehr schnell geputzt. So habe ich mehr Zeit für anderes.» Zimmermann wollte das Haus auch schon kaufen, aber das war nicht möglich: «Es gehört zum alten Schulgebäude. Der Besitzer möchte es nicht verkaufen.» Aber das sei für ihn in Ordnung, denn auch als Mieter zahle er für das Häuschen nicht mehr, als für eine durchschnittliche 1-Zimmer-Wohnung. «Ausserdem hat es noch einen kleinen Gartensitzplatz», so Zimmermann und ergänzt: «Wir sind hier wunschlos glücklich.»