Hittnau
Kleidung für drei Jahre Wanderschaft nähen

Von Siglinde Grafs Nähstudio in Hittnau aus hat schon manche Weltreise begonnen. Die Dürstelerin näht Kluften für Zimmerleute, die auf Walz gehen.

Flurina Kuhn
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So lernte die Hittnauerin einst auch ihren Mann kennen

So lernte die Hittnauerin einst auch ihren Mann kennen

Nicolas Zonvi

Im Haus von Schneiderin Siglinde Graf hängt wohl kein Balken schief. Zimmerleute, die sich zur Wanderschaft aufmachen, gehen bei ihr fast täglich ein und aus. Mit leeren Händen kommen sie und treten mit einer Kluft bestehend aus Schlaghose, Jackett und Gilet wieder auf die Strasse. Der Aufenthalt ist kurz – zu kurz, um für die Kleidung eine Gegenleistung in Form von Arbeit entgegengebracht zu haben.

Traditionell haben wandernde Zimmerleute auf diese Weise «bezahlt», bestätigt Siglinde Graf. Auf den Tauschhandel lässt sich die Schneiderin aber nicht ein. Pro Jahr näht die Dürstelerin mehrere Dutzend Kluften – eine kostet zwischen 1800 und 2700 Franken.

Würde sie dafür Arbeit als Zahlungsmittel akzeptieren, müsste sie ihr Haus wohl jährlich komplett umbauen. Zudem sei ihr Mann Werner Graf selbst Zimmermann – auch er war schon auf der Walz. «Zweieinhalb Jahre wanderte er durch Europa. Er kam zu mir in die Schneiderei wegen der Kluft, so haben wir uns kennengelernt.» Zu diesem Zeitpunkt wohnte und arbeitete Siglinde Graf in Deutschland, in der Nähe von Ravensburg.

Beruflicher Rückschritt

Nur ein Jahr nach ihrer Meisterprüfung im Jahre 1993 machte sie sich selbstständig. «Ich fand keine Arbeit, so entschloss ich mich, ein eigenes Nähstudio zu eröffnen.» Am Anfang habe sie vor allem Fasnachtskostüme geschneidert. Eines Tages kam ein Freund zu ihr und fragte sie für eine Zunftkleidung an. «Es war eine Umstellung – Manchester, der üblicherweise für die Kleidung der Zimmerleute verwendet wird, ist ein sehr dicker Stoff und deshalb schwer zu verarbeiten.» Sie passte sich den veränderten Bedingungen aber schnell an und das Geschäft kam ins Rollen.

2001 zog sie mit ihrem Mann, der nach der Zeit seiner Wanderschaft sechs Jahre in Deutschland gearbeitet hatte, in sein Heimatdorf Dürstelen und führte ihre Schneiderei fort. «Beruflich war es für mich ein Rückschritt: Mein neues Nähstudio ist um einiges kleiner als das alte und ich kann höchstens eine Person beschäftigen» – für mehr reiche der Platz einfach nicht. Zuvor hatte sie drei Angestellte.

30 Stunden für eine Kluft

Trotz des abgelegenen Standorts ihrer Schneiderei geht ihr die Arbeit nicht aus: «Ich musste auch schon Aufträge absagen.» Die Anfertigung einer Kluft dauert etwa 30 Stunden. Besonders im Herbst, wenn die Zimmerleute zur Wanderschaft aufbrechen, und im Frühjahr, wenn sie zurückkehren, ist die Bestellliste lang. Sie zeigt auf ein schwarzes Jackett, das auf der Innenseite mit verschiedenen Landesflaggen geschmückt ist, und erklärt, warum sie auch von rückkehrenden Gesellen aufgesucht wird: «Ein Kunde hat mir den Auftrag gegeben, eine Zunftkleidung zu nähen, die alle Länder zeigt, in denen er unterwegs war – als Erinnerung an seine Wanderjahre.»

Das Geschäft von Siglinde Graf ist nicht einziges Ziel der Zimmerleute in Hittnau: «Im Gasthof Sonne unten im Dorf erhalten sie Kost und Logis gegen Arbeitsleistung – traditionell wie früher.» Das Restaurant ist auch Standort für die monatlich stattfindenden Treffen der Zunft «Freie Vogtländer Deutschland». Zudem gibt es eine Hutmacherin in der Gemeinde und verschiedene holzverarbeitende Betriebe, bei denen die wandernden Zimmerleute arbeiten können.

Dem Zuhause fernbleiben

Die Bewohner von Hittnau haben sich wohl schon an den Anblick von Männern in glockenförmigen Hosen und mit Hut gewöhnt. «Obwohl sie sich äusserlich ähneln, kann man sie charakterlich nicht auf einen Nenner bringen», sagt Graf. Höchstens die starke Sehnsucht nach der Ferne sei ihnen gemein.

Ihr Mann werde oft gefragt, ob es nicht schwer gewesen sei, sich seinem Zuhause während der zweieinhalb Jahre Wanderschaft nicht mehr als 50 Kilometer zu nähern, wie es die Zunftordnung vorschreibt. Darauf antworte er jeweils: «Stell dir einmal vor, du kommst in deinem Leben nie weiter als 50 Kilometer fort – das wäre viel schlimmer.»

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