Post aus Berlin
Kitsch, Krimskrams und verdrängte Realitäten

In Berlin erinnert vieles an die einstige DDR-Diktatur, andererseits boomt auch die Ostalgie. Touristen fahren mit Trabis durch die Stadt und übernachten im DDR-Hotel.

Lucien Fluri
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Trabi
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Der Parkplatz der «Trabi-Safari», die Touristenführungen im Trabi anbietet.
Der Parkplatz der «Trabi-Safari», die Touristenführungen im Trabi anbietet.
Der Parkplatz der «Trabi-Safari», die Touristenführungen im Trabi anbietet.
Der Parkplatz der «Trabi-Safari», die Touristenführungen im Trabi anbietet.
Der Parkplatz der «Trabi-Safari», die Touristenführungen im Trabi anbietet.

Trabi

Lucien Fluri

Wir müssen jetzt mal über den Osten reden.
Ich fuhr gerade mit dem Aufzug die zwölf Stockwerke in die Cafeteria runter, als sich auf Höhe von Stockwerk Nummer 8 die beiden mittelalterlichen Blondinen zu freuen begannen. «Ich werde die Augen schliessen und mich erinnern», sagte die eine mit einem Lächeln. Die Damen waren unterwegs zum Original-DDR-Softeis-Stand auf dem Alexanderplatz. Junge Leute in Uniformen der DDR-Jugendorganisation verkaufen Glace – produziert auf Ost-Maschinen, die die Wende überlebt haben.
Ostalgie nennt man das. Touristen lieben es. Sie fahren mit dem Trabi durch die Stadt, sie übernachten im DDR-Hotel, sie kaufen Eierbecher, alte Militärabzeichen und sonstigen Krimskrams aus DDR-Produktion. Es ist nostalgisch, es ist witzig. Es macht das Leben hinter der Mauer zum Gag.

Lucien Flury mit seiner Post aus Berlin

Lucien Flury mit seiner Post aus Berlin

az

Hohenschönhausen. Hier steht das einstige Gefängnis der DDR-Staatssicherheit – umgeben von Plattenbauten, denen auch die aufgemalten Farben kein bisschen Charme einhauchen. Ehemalige Inhaftierte führen heute durch die Zellen, in denen sie über Monate in Einzelhaft sassen; eingesperrt, nur weil sie im Verdacht standen, das System zu unterlaufen.

Monatelang konnten sie, ausser mit den Stasi-Mitarbeitern, mit keinem Menschen ein Wort reden. Die Fenster der Zellen waren nicht durchsichtig. Gefangene sahen nie aus ihrer Zelle raus. Sie wussten nicht, wo sie waren. Nachts wurden sie oft mehrmals aufgeweckt. Es ist kein schöner Ort. Es ist DDR-Realität, schonungslos aufgearbeitet.

Die Erinnerung verblasst

Ich bin meist ratlos, wenn ich mich im Alltag zwischen Ostalgie und DDR-Diktatur bewege. Im Jahr 27 nach der Wende ist Berlin eine bunte Gesellschaft, die zwar in alle möglichen Szenen aufgesplittert ist, aber nicht mehr wirklich in Ost und West. Ich weiss nicht, wer von meinen Arbeitskollegen aus dem Osten und wer aus dem Westen stammt.
Als Kurzzeit-Gast erfahre ich es meist nur per Zufall. Ich weiss, dass die «Berliner Zeitung», bei der ich weile, 2008 ein grosses Problem hatte, weil ein Mitarbeiter als ehemaliger Stasi-Informant aufflog. Ich lese aber auch, dass eine Kollegin aus politischen Gründen nicht arbeiten durfte. Ich kenne beide. Ich habe beide nicht angesprochen darauf. Die DDR ist Teil ihres Lebens. Und sie ist ihre Privatsache.
Ich arbeite in einer Politikredaktion. Die DDR ist nur selten Teil des Landes, über das ich schreibe. So mein Gefühl. Es gibt in der heutigen politischen und medialen Erinnerung oft eine direkte Linie von Adenauer über Brandt, Schmidt, Kohl etc. in die Gegenwart. Aber hat ein halbes Deutschland nicht eine andere Vergangenheit?

Ich sitze am Tisch mit einer Zufallsbekanntschaft, geboren 1968 in der DDR. Stört es sie, dass das Land, das zu ihrer Biografie gehört, oft nur am Rande thematisiert wird, dass über den Tod einer deutschen Kanzlergattin sehr viel geschrieben wird, aber weniger über das kürzliche Ableben von Margot Honecker, die nicht nur «First Lady» war, sondern die DDR auch als Politikerin beinhart prägte? Meine Bekannte zuckt mit den Schultern, schüttelt dann den Kopf. «Über die Honecker gibt es jetzt wirklich nichts Positives zu sagen.»

Es ist nicht so, dass meine Bekannte nicht über die DDR reden möchte. Aber sie hat das abgehakt. Die Erinnerung verblasst, weggepackt. «Ich lebe jetzt in Freiheit. Das ist doch gut.» Sie ist froh, dass die «Diktatur» vorbei ist. «Mehr als die Hälfte meines Lebens bin ich jetzt draussen.» Aufatmen. Ostalgie und DDR? Für sie Museum, Privatsache, Tourikrams. Hauptsache vorbei.

Ich laufe über den Alexanderplatz, sehe die DDR-Bunker rundherum und schlecke am faden DDR-Schoko-Vanille-Eis. Trabi fahren werde ich nie. Erlaubt sich die Geschichte nicht einen ganz boshaften Scherz, wenn sie den Arbeiter und Bauernstaat ausgerechnet im kapitalistischen Westen ein neues Hoch erleben lässt und als Ostalgie verkleidet findigen Touristikern Geld in die Kassen spült? Liebe Touristen, kommt nach Berlin, habt Spass, macht euch über den real existierenden Sozialismus kundig. Aber macht ihn nicht zum Witz.

Unser Redaktionskollege Lucien Fluri arbeitet während dreier Monate bei der «Berliner Zeitung». Er berichtet hier regelmässig von seinen Eindrücken.