Obfelden
Kinderdemo beim Zürcher Rathaus hat ein Nachspiel

Schulfrei bekommen, um an eine Demo zu gehen – das ist an der Zürcher Volksschule nicht vorgesehen. Trotzdem hat es eine Interessengemeinschaft aus Obfelden im Knonauer Amt gestern Morgen fertiggebracht, rund 150 Kinder für eine Kundgebung neben dem Zürcher Rathaus zu postieren.

Marius Huber
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Engagiert oder bloss manipuliert? Die Kinder aus dem Knonauer Amt während der gestrigen Kundgebung vor dem Zürcher Rathaus. pd

Engagiert oder bloss manipuliert? Die Kinder aus dem Knonauer Amt während der gestrigen Kundgebung vor dem Zürcher Rathaus. pd

Die Kleinen machten mit knalligen T-Shirts und bunten Ballonen Werbung für den Bau des neuen Autobahnzubringers zur A4, über den das Zürcher Stimmvolk am 23. September an der Urne entscheidet. Auf dem Spiel stehe dabei die Sicherheit ihres Schulwegs, stand sinngemäss auf den Transparenten, die sie hoch hielten.

Urs Meier, der stellvertretende Chef des kantonalen Volksschulamtes, reagierte gestern erstaunt, als er von der Aktion erfuhr. Die Teilnahme an einer Kundgebung sei in der Regel kein ausreichender Grund für eine Dispensation vom Unterricht. Eltern und ihre Kinder hätten auch ausserhalb der Schule genug Möglichkeiten, ihre Meinung zu äussern.

Vor allem aber sei die öffentliche Schule an ein Neutralitätsgebot gebunden und müsse bei lokalpolitisch umstrittenen Themen zurückhaltend sein. «Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass schulpflichtige Kinder für politische Zwecke eingesetzt werden.»

Schulpflege rechtfertigt sich

Dennoch war sich die Obfeldner Schulpflege ihrer Sache offenbar sicher, als sie es den Eltern freistellte, ihre Kinder an der Kundgebung teilnehmen zu lassen. «Auch wir sind dagegen, Kinder für politische Zwecke einzuspannen», sagte Schulpflegepräsident Peter Zehnder gestern auf Anfrage.

Die Schule habe sich in diesem Fall selbst aber nicht politisch engagiert. Sie habe den Kindern bloss die Möglichkeit geboten, sich für etwas einzusetzen, was sie direkt betreffe. Schliesslich rollten auf der Strasse durchs Dorf täglich unzählige 40-Tönner an ihnen vorbei, solange der Zubringer nicht gebaut sei.

Für ihn sei sehr gut nachvollziehbar, dass viele Eltern ihre Kinder an die Kundgebung geschickt hätten. Zehnder verweist auf die Volksschulverordnung, die es erlaubt, den Schülern bei «aussergewöhnlichen Anlässen im persönlichen Umfeld» freizugeben. Er glaubt nicht, dass sich die Schulpflege mit ihrer Auslegung dieser Vorgabe in eine Grauzone begeben hat. «Sonst hätten wir nicht so entschieden.»

Volksschulamt greift ein

Urs Meier vom Volksschulamt sieht es etwas anders. Er hätte an Zehnders Stelle im Vorfeld die Meinung des Amts eingeholt – was die Schulbehörden von Obfelden nicht getan hätten. Eine Aufsichtsbeschwerde werde es deswegen zwar nicht geben, sagt Meier, aber man werde das Gespräch mit der Schulpflege suchen. Ziel sei es, zu verhindern, dass so etwas Schule mache.

Philipp Schweiger ist Co-Präsident der Interessengemeinschaft, die zur Demo aufgerufen hat, und selbst Vater dreier Kinder. Er ist der Ansicht, die 150 demonstrierenden Schüler hätten quasi Staatskundeunterricht aus erster Hand genossen. Zudem müssten sie den Stoff der beiden verpassten Lektionen nachholen – denn ihre zu Hause gebliebenen Kameraden mussten gestern normal die Schulbank drücken.

Genau das ärgert den grünen Kantonsrat Hans Läubli aus Affoltern am Albis besonders. Läubli war es, der mit einem Referendum die Volksabstimmung über den A4-Zubringer erwirkt hat, weil dieser zwei geschützte Naturlandschaften tangiert. «Wenn die einen Kinder freibekommen zum Demonstrieren, während die anderen zur Schule gehen müssen, ist das doch reine Manipulation.»