Terror-Bilder
«Kinder unter zwölf sollten auf keinen Fall ‹Tagesschau› sehen»

Als Reaktion auf die Anschläge in Brüssel nimmt die Familien-, Paar- und Erziehungsberatung Basel die Thematik des Umgangs mit Kindern und den Schreckensmeldungen des Terrors auf. Leiter Renato Meier erklärt, wie man Kindern das unbegreifliche Geschehen vermitteln kann.

Michel Zumoberhaus
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Renato Meier ist zweifacher Familienvater und seit zehn Jahren Leiter der Familien-, Paar- und Erziehungsberatung Basel.

Renato Meier ist zweifacher Familienvater und seit zehn Jahren Leiter der Familien-, Paar- und Erziehungsberatung Basel.

Brüssel ist nach den terroristischen Anschlägen überall: Nicht nur in den Köpfen und Herzen der Menschen, auch in den Medien, den sozialen Netzwerken und bei Unterhaltungen im Alltag, erregen die jüngsten Geschehnisse unsere Aufmerksamkeit. Ob wir wollen oder nicht: Das bekommen auch Kinder mit. Renato Meier, Leiter der Familien-, Paar- und Erziehungsberatung Basel (fabe), hat sich mit seinem Team zusammen Gedanken gemacht über die Stellung des Kindes in einer solch schwierigen Situation. Im Interview erklärt er, wann, wie und wieso Eltern ihre Kinder über den Terror aufklären sollten.

Wie soll man dem Kind etwas erklären, das einem selbst schwerfällt zu begreifen?

Das ist eine sehr zentrale Frage, die Sie hier stellen. Das ist wirklich das Problem. Wenn man als Elternteil selber sehr unsicher ist und Angst hat, ist die Situation schwierig, diese Thematik mit einem Kind zu besprechen. In diesem Fall wäre es gut, wenn man sich zuerst für sich selber eine Unterstützung holt oder mit jemand anderem darüber redet, wie es einem geht. Also sich mit anderen Eltern oder Freunden vorher austauschen. Die Kinder bekommen die Gefühle von den Eltern unmittelbar eins zu eins mit. Man könnte dem Kind sagen, dass es einem auch betroffen macht. Es müsse aber nicht Angst haben. Die Eltern müssen vermitteln, dass sie da sind und sich die Familie an einem sicheren Ort befindet.

Wie erklärt man den Kindern Terrorismus?

(Überlegt lange) Menschen, die anderen Menschen nichts Gutes tun. Menschen, die nicht für den Frieden auf der Welt einstehen. In meinem Job habe ich es mit vielen Fragestellungen zu tun. Der Terrorismus ist unberechenbar und nicht kontrollierbar. Darum brauchen wir im Leben eine Sicherheit. Den Kindern müssen wir auch in dieser schwierigen Zeit Sicherheit vermitteln.

Macht diese Aufklärung den Kindern nicht unnötig Angst?

Die Frage ist, wie man eine solche Aufklärung durchführt. Sie soll so formuliert werden, dass das Kind es auch versteht. Wenn man über eine solch schwierige Situation spricht, muss man schauen, ob das Kind das Ganze nachvollziehen kann. Das Aufklären soll nicht im Sinne von «wir sitzen zusammen und reden darüber», sondern eher nebenbei geschehen, indem man das Kind fragt, ob es etwas darüber gehört hat und wie es dem Kind dabei geht. Ich empfehle über dessen Gefühle, über die Ängste und Sorgen zu sprechen.

Eine Unterhaltung über die jüngsten Ereignisse in Brüssel kann das Kind trotzdem verängstigen. Wie können Eltern mit den Ängsten der Kinder einen guten Umgang finden?

Wichtig ist, dass die Kinder erhört werden und die Ängste ernst genommen werden. Die Eltern können schon etwas tun, dass die Kinder weniger Ängste haben. Man muss zuhören, was die Kinder zu sagen haben. Sollten die Kinder Ängste haben, kann je nach Alter das Kind auch mal in den Arm genommen werden, etwas zusammen gespielt oder gezeichnet werden.

Wann ist ein Kind zu jung für ein solches Gespräch?

Wenn ein Kind ein bisschen älter ist, 13 oder 16 Jahre alt, dann geht es eher darum, über Wertvorstellungen zu sprechen. Was sind wichtige Werte im Leben? Je jünger sie sind, beispielsweise im Kindergartenalter, dann ist es sehr schwierig über diese Ereignisse zu sprechen, da sie es noch nicht verstehen können. Da brauchen sie Schutz und Halt von den Eltern und Erwachsenen. Ein aktives Gespräch über Terrorismus mit einem Kindergartenkind zu suchen, das würde ich definitiv nicht empfehlen. Wichtig ist, dass die Eltern authentisch erzählen wie es ihnen geht. Wenn jetzt ein Elternteil sehr betroffen ist, dann sollte man sich schon ein wenig distanzieren und das Gespräch jemand anderem überlassen. Da muss der Elternteil aber signalisieren, dass die Traurigkeit nichts mit dem Kind zu tun hat.

Was halten Sie von einer gänzlichen Vermeidung dieses Gesprächs? Wenn also die Eltern die Verantwortung womöglich anderen überlassen möchten, etwa den Auftrag der Schule weitergeben?

Es ist die Aufgabe der Eltern, dies mit den Kindern zu bereden. Wenn es natürlich nicht will, dann soll man es auch nicht forcieren. Das ganze nach aussen delegieren? Das geht nicht. Die Kinder möchten von den Eltern wissen, was Schlimmes passiert ist, und nicht von der Schule.

Ein Kind, das regelmässig Shootergames spielt, befindet sich in einer virtuellen und brutalen Welt, wo Menschen ihr fiktives Leben lassen. Wie vermittelt man ihnen den Unterschied zwischen dieser Fantasiewelt und der Realität?

Den meisten Kindern kann man zumuten, dass sie den Unterschied selber erkennen. Die pädagogische Fragestellung für die Eltern ist aber grundsätzlich, ob es sinnvoll ist, dass das Kind solche harten Spiele überhaupt spielt. Die Gefahr ist durchaus da, dass die Kinder zwischen den beiden Welten nicht recht unterscheiden können und meinen, das ist doch alles ein bisschen gleichgültig. Das Kind kann weniger sensibel auf solche Terrormeldungen reagieren aufgrund dieser Spiele. Besser man fragt, wie die Kinder die Unterschiede sehen. Dann kann man auch entsprechend Position beziehen und sich äussern.

Sollte ein Primarschüler mit seinem Vater die «Tagesschau» anschauen?

Nein. Unter 12 Jahren, auf keinen Fall. Klar, es ist ein Unterschied, wenn man die Sendung mit Begleitung ansieht. Primarschülern und Jüngeren rate ich eher aber davon ab, solche Bilder zu sehen. Ab einem gewissen Alter ist es natürlich unmöglich, die Kinder zu schützen, weil überall Gratiszeitungen rumliegen. Ein gewisser Schutz für jüngere Kinder ist aber unbedingt notwendig. Für Kinos gibt es ja auch eine Altersregelung. Das könne man von da gut adaptieren.