Fall Bonstetten
Kind getötet, um es der Mutter zu entziehen: Jetzt steht der Vater vor Gericht

Der 63-jährige Mann, der im Februar 2010 in einem Winterthurer Hotelzimmer seinen 4-jährigen Sohn erstickt hat, steht ab kommendem Mittwoch vor dem Bezirksgericht Winterthur. Das Tötungsdelikt war Schlusspunkt eines Sorgerechtsstreites.

Drucken
Teilen
Sein Sohn solle lieber tot sein «als mit einer Hure auf der Flucht», schrieb der Vater in einem Abschiedsbrief. (Symbolbild)

Sein Sohn solle lieber tot sein «als mit einer Hure auf der Flucht», schrieb der Vater in einem Abschiedsbrief. (Symbolbild)

Martin Plattner

Sein Sohn solle lieber tot sein «als mit einer Hure auf der Flucht», schrieb der Vater in einem Abschiedsbrief. Er warf der Mutter des Kindes vor, sie wolle den Kleinen in ihre Heimat Brasilien entführen. Es sei zwar brutal, aber «er wird nicht mehr entführt», schrieb er.

Der Schweizer gab dem 4-Jährigen im Hotelzimmer ein Süssgetränk, in dem er mehrere Schlaftabletten aufgelöst hatte. Dann hielt er ihm Mund und Nase zu. So schildert es die Anklageschrift.

Der für danach geplante Selbstmord gelang dem Vater jedoch nicht. Nachdem er ebenfalls Schlafmittel geschluckt hatte, wollte er sich mit dem Staub eines extra dafür mitgebrachten Feuerlöschers ersticken - doch die Feuersirene ging los, worauf Angestellte ins Zimmer kamen und die Rettungskräfte alarmierten.

Die Mutter sollte bestraft werden

Seither sitzt der Treuhänder in Haft. Er hat die Tötung gestanden. Die Anklage lautet auf Mord. Welches Strafmass der Staatsanwalt fordert, gibt er erst an der Verhandlung bekannt.

Der Beschuldigte habe das Kind getötet, um ihn der Mutter für immer zu entziehen und sie zeitlebens zu bestrafen, steht in der Anklageschrift. Die Tötung sei besonders skrupellos gewesen, weil das Kind dem Vater nichts angetan habe und auch nichts dafür konnte, dass der Beschuldigte mit der Mutter eine Auseinandersetzung gehabt habe.

Der Verteidiger des Vaters will sich erst beim Prozess zu seinem Antrag äussern. Wichtig sei dann vor allem das psychologische Gutachten, um zu verstehen, wie das überhaupt habe passieren können, sagte er auf Anfrage der sda.

Nach der Verhaftung des Mannes geriet Bonstetten (ZH), die Wohngemeinde der Familie, und insbesondere die dortige Vormundschaftsbehörde in ein schlechtes Licht. Bereits in den 1990er-Jahren hatte der Mann nämlich versucht, einen Sohn aus einer früheren Beziehung zu töten.

Er hatte das damals 13-jährige Kind in eine Schlucht gestossen. Der mittlerweile erwachsene Sohn überlebte, ist seither aber gehbehindert und leidet unter Sprachstörungen.

Gemeinde solidarisierte sich mit dem Vater

Auch damals befand sich der Mann in einer Ehekrise und befürchtete, den Sohn zu verlieren. Die Behörden erfuhren im Jahr 2008 von diesem Vorfall und der Verurteilung wegen Mordversuchs, holten den damals zweijährigen zweiten Sohn vom Vater weg und platzierten ihn in einer Pflegefamilie.

Ein Jahr und unzählige E-Mails, Mediationssitzungen und Gespräche später wohnte der Bub aber wieder beim Beschuldigten. Ein Gutachten, das nach dem Tötungsdelikt von der Zürcher Justizdirektion in Auftrag gegeben wurde, hielt gravierende Mängel bei der Behandlung dieses Sorgerechtsfalls fest.

Die Behördenmitglieder hätten sich mit dem Vater vorbehaltlos solidarisiert. Die Mutter, eine heute 38-jährige Brasilianerin, sei von Anfang an in eine Nebenrolle gedrängt worden, wohl auch wegen ihrer Tätigkeit als Prostituierte.

Risiko-Gutachten heute obligatorisch

Die Staatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung gegen den damaligen Bonstetter Gemeindepräsidenten und zwei weitere Mitarbeitende ein. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt, weil den Beschuldigten keine fahrlässige Tötung nachgewiesen werden konnte. Der Gemeindepräsident trat dennoch zurück, weil er den grossen Druck nicht mehr ertragen konnte.

Konsequenzen hat der «Fall Bonstetten» im Kanton Zürich bis heute: Weist in einem Sorgerechtsfall ein Elternteil eine «risikobehaftete Vergangenheit» auf - ist also wegen einer Tat gegen ein Familienmitglied verurteilt worden - muss heute immer ein Risiko-Gutachten eingeholt werden.

Beigezogen werden nur absolut unabhängige Gutachter. Eine Art «Risiko-Bericht» gab es zwar auch über den Vater aus Bonstetten. Geschrieben wurde er jedoch von seiner langjährigen Therapeutin. Ihre Einschätzung wurde später als unbrauchbar eingestuft.

Aktuelle Nachrichten