Botellón
Jungsozialisten rufen zum Massenbesäufnis in der S-Bahn auf

Die Zürcher Jungsozialisten ärgern sich darüber, dass die EVP in Zügen und Bussen ein Alkoholverbot einführen will. Aus Protest rufen sie nun zum Massentrinken in einer S-Bahn auf: Juso-Co-Präsidentin Ursula Naef im Interview.

Anna Wepfer
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Alkohol im Zug: Die Juso wollen ein Verbot verhindern.

Alkohol im Zug: Die Juso wollen ein Verbot verhindern.

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Die EVP möchte in den Nachstunden Alkohol aus dem öffentlichen Verkehr verbannen. Fühlen sich die Juso angegriffen, wenn jemand gegen betrunkene Randalierer in Zügen vorgehen will?

Ursula Naef: Ja, wir sehen diese Forderung als Teil einer Reihe repressiver Massnahmen gegenüber der Jugend. Der EVP-Vorstoss bringt das Fass zum überlaufen.

Der Vorstoss ist im Kantonsrat noch nicht einmal behandelt worden. Warum die vorsorgliche Aufregung?

Man versucht, die Jugend mit immer mehr Verboten zu vertreiben. Das ist der völlig falsche Weg. Jugendliche brauchen Freiräume, wo sie sich selber organisieren können. Zudem trifft ein solches Alkoholverbot hauptsächlich jene, die im Zug friedlich ein Bier trinken und sich absolut korrekt verhalten. Die Zustände in den Nachtzügen sind aus Sicht der Juso auch nur halb so wild, wie sie immer dargestellt werden.

Aus Protest rufen Sie nun zum Massenbesäufnis auf. Ist das der beste Weg, um politischen Protest auszudrücken?

Wir haben diesen Weg gewählt, weil er provokativ ist.

Wie soll die Provokation denn genau aussehen?

Wir treffen uns am Freitag nach 22 Uhr am Hauptbahnhof Zürich. Ich hoffe, dass rund 30 Juso-Mitglieder kommen. Geplant ist eine Flyer-Aktion, wir erklären den Passanten das Problem und versuchen, möglichst viele von Ihnen für das politische Botellón zu gewinnen. In welchem Zug wir das dann veranstalten, entscheiden wir spontan.

Sorgen die Juso für den Alkohol?

Auch das ergibt sich spontan. Wir nehmen sicher etwas mit, aber ich gehe davon aus, dass auch jene die sich uns anschliessen, Getränke dabei haben oder sich noch welche kaufen.

Haben Sie keine Angst, dass die Trinkerei ausartet?

Nein, es wird alles kontrolliert ablaufen, wir wollen die Sache im Griff behalten. Wir schauen schon, wer mitkommt. Indem wir mit den Leuten sprechen, sehen wir ja, wie die drauf sind.

Das heisst, dass Sie allfälligen Pöblern verbieten würden, mit Ihnen den Zug zu besteigen?

Ich glaube nicht, dass sich Pöbler anschliessen wollen. Wir erklären ja allen, dass es sich um eine politische Aktion handelt und es nicht darum geht, zu randalieren.

Immerhin rufen Sie zu einem Massenbesäufnis auf und nicht zum gemütlichen Feierabendbier in der S-Bahn.

Es geht eben darum, zu provozieren. Aber immer mit einem politischen Blick auf die Sache.

Übernehmen Sie die Verantwortung, falls Einzelne sich trotzdem daneben benehmen?

Wir können natürlich nicht für einen ganzen Zug die Verantwortung übernehmen. Ich mache mir aber keine Sorgen. Denn jenen Leuten, die wir ansprechen und die sich uns anschliessen, sagen wir natürlich, dass sie sich anständig verhalten sollen.

Und wenn sich die unbekannten Mitläufer im Nebenabteil um Ihre Regeln foutieren?

Die gehören ja dann nicht zu uns. Da sind wir nicht verantwortlich.

Sie sind aber die Veranstalter.

Da es im öffentlichen Raum stattfindet, können wir eben nicht vollständig für die Sicherheit garantieren. Falls etwas passiert, müssten wir dann im Nachhinein schauen, wer zuständig ist. Wir gehen aber nicht davon aus, dass es so weit kommt.

Aufruf: Kein Verständnis für Juso-Idee

Das angekündigte Trinkgelage im Zug löst Unverständnis und Kopfschütteln aus. SP-Kantonsrat Ruedi Lais: «Dieser Aufruf ist fehl am Platz und schadet dem Image des öV.» Dieser finde ja in einer Zeit statt, in der viele Angst hätten, im Zug angepöbelt oder zusammengeschlagen zu werden, sagt Lais, der ein Alkoholverbot ebenfalls ablehnt. Dies sei der falsche Weg. Das Verbot würde auch Autofahrer vom Umsteigen abhalten, die sich im Zug ein Feierabendbier gönnen wollten. Beim ZVV hält man den Botellon-Aufruf für eine «Schnapsidee», wie Sprecher Thomas Kellenberger sagt. «Die Gefahr besteht, dass die Sache aus dem Ruder läuft und andere Fahrgäste belästigt oder gestört werden.» Zum Vorstoss der EVP will sich der ZVV nicht äussern, weil das Geschäft noch hängig ist.
Bisher hat sich der ZVV jeweils gegen ein Alkoholverbot in den Zügen ausgesprochen. Gegen ein Verbot sind auch die SBB, wie Sprecher Reto Schärli sagt. Der Juso-Aufruf stimmte die SBB zunächst besorgt: «Uns gegenüber haben sie aber versichert, dass sie kein Saufgelage veranstalten, sondern auf ihre Anliegen aufmerksam machen wollen», sagt Schärli. (tsc)