Waldgeschichten
Joggen mit Ohrstöpseln kommt für ihn nicht infrage

Auf dem Vita-Parcours verbindet Severin Stettler Erholung mit Anstrengung. Drei- bis viermal pro Woche läuft er die Strecke - meistens mit einer Stoppuhr im Sack, aber immer ohne Musik im Ohr. Schliesslich will er den Wald hören.

Martina Schlapbach
Drucken
Teilen
Severin Stettler läuft bis zu viermal pro Woche durch den Langenthaler Vita-Parcours. msl

Severin Stettler läuft bis zu viermal pro Woche durch den Langenthaler Vita-Parcours. msl

Solothurner Zeitung

«Die habe ich sonst immer dabei», sagt Severin Stettler und meint seine Stoppuhr. Er zweifelt zugleich die Wahrhaftigkeit der blauen Tafel an, die eigentlich als guter Grund für das Mitführen einer Uhr sprechen würde. Die Tafel am Eingang zum Vita-Parcours richtet sich insofern nach Zahlen und Zeigern aus, als dass sie die kollektive Läuferschaft in einer Tabelle nach Geschlecht und Alter erfasst. Sie lässt den individuellen Parcours-Läufer vor dem Start wissen, mit welcher Laufzeit er sich von «schlecht» bis «ausgezeichnet» einstufen darf. In 14 Minuten hätte Stettler die 2,5 Kilometer zu laufen, um sich mit seinem Profil – 22-jährig, männlich – die Bestnote zuordnen zu dürfen. Vergangene Woche habe er die Strecke in 11 Minuten und 20 Sekunden zurückgelegt, sagt er – und joggt munter an Posten 3 vorbei.

Kondition, Erholung und Ausgleich

In unverändertem Starttempo vorbeigerannt ist Stettler bereits an den beiden vorangehenden Posten. «Heute ist reiner Lauftag», erklärt der junge Jogger. Er verweist mit seiner Aussage auf einen festen Trainingsplan, in den sich auch die aktuell verrichtete Einheit einreiht. Er mache den Parcours drei- bis viermal pro Woche, abwechselnd mal mit und mal ohne Posten. Reine Ausdauer soll so ebenso trainiert werden wie Muskelkraft und Beweglichkeit.

Bewegung mochte der Aarwanger von jeher. Früher spielte er Fussball sowie Tennis und fuhr Rad. Das Training auf dem Vita-Parcours passt in den Arbeitsalltag hinein, wie ihn Stettler derzeit führt. «Mit unregelmässigen Arbeitszeiten ist es ideal, in einer Zeitlücke einfach die Jogging-Schuhe schnüren und losrennen zu können», sagt der Joggende. Er arbeitet als Kundenberater bei einer Versicherung. Fitness und Kondition bilden folglich nur die eine Seite des Parcours, Erholung und Ausgleich zum kopflastigen Beruf die ebenso wichtigen Aspekte daneben.

Obwohl: Den Kopf völlig auslüften lässt sich auf dieser Strecke nicht. Überall ist der mal mit Steinchen, mal mit Tannenreis bedeckte Weg von Wurzeln gezeichnet. «Diese sind im Winter, wenn Schnee liegt, besonders tückisch», sagt Stettler. Hinter dem nächsten Aufstieg trifft er überrascht auf ein weiteres Argument, weshalb er den Vita-Parcours einem gewöhnlichen Waldlauf vorzieht: Ein Freund und seine Kollegin ziehen sich auf der weitläufigen Lichtung an Ringen hoch. Statt den Posten, wie die anderen zu passieren, stoppt der Jogger seinen Lauf erstmals ab. Handdruck hier, Küsschen da – der Vita-Parcours ist auch ein Ort, wo man sich trifft.

Ruhe und «ein schönes Gefühl»

Dennoch spricht Severin Stettler von der Ruhe, wenn er die Stimmung beschreibt, wie er sie auf dem Vita-Parcours anzutreffen bevorzugt. Ab und zu begleite ihn sein älterer Bruder, meist sei er aber alleine unterwegs. Die Frage, ob da nicht ein bisschen Musik das Laufen rhythmisch unterstützen würde, stösst eher auf Empörung denn Verständnis: «Joggen mit Ohrstöpseln? Da höre ich ja den Wald nicht.» Und so zieht sich sein Lauf fort, auch ohne musikalische Unterstützung in hohem und gleichmässigem Takt.

Schweiss perlt von der Stirn ab, die Wangen sind leicht gerötet. Das von der Bewegung generierte Wärmegefühl wertet der Jogger als Zeichen eines gelungenen Laufes. Derweil lässt er die Zahlen auf der Tafel, deren Königsblau dem Läufer nach dem Start noch nach- und auf dem Endspurt wieder entgegenleuchtet, gar nicht erst in sein Blickfeld treten. Auch auf das Tragen der Stoppuhr kann er verzichten, solange er die Zufriedenheit nach der zurückgelegten Strecke in sich trägt. «Wichtig ist, sich dann sowohl ausgeruht als auch hellwach zu fühlen», sagt Stettler. «Dies ist ein sehr schönes Gefühl». So schön, dass die Schuhe nach einer Reihe von Dehnübungen gleich von neuem festgeschnürt werden: Die zweite Runde steht an.

Aktuelle Nachrichten